Bei ihren Angriffen unterstützen sich Aktivisten auch gegenseitig.

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24.04.14
Finanzabteilung

Aktivistische Aktionäre nehmen Europa ins Visier

Manch einem CFO läuft es noch kalt den Rücken hinunter, wenn aktivistische Aktionäre auftauchen. Sie fordern Veränderungen. Und nicht immer zum langfristigen Wohl des Unternehmens. Bislang war dies vor allem ein angelsächsisches Phänomen – doch das könnte sich bald ändern.

Europa, der alte Kontinent, wo es auch auf den Kapitalmärkten etwas verhaltener zugeht? Das war einmal. Es wird immer attraktiver für aktivistische Aktionäre, zumeist Hedgefonds, die sich des Drucks nur allzu bewusst sind, den sie auf Unternehmen ausüben können – und davon reichlich Gebrauch machen. Wie eine Befragung der Beratungsgesellschaft FTI Consulting unter führenden Aktionärsaktivisten ergab, können sich 40 Prozent der befragten aktivistischen Aktionäre ein künftiges Engagement in Europa vorstellen – die Kapitalmärkte konvergieren. Experten warben zuletzt für eine Stärkung des Kapitalmarkts und mehr Aktivität seitens unabhängiger Investoren. Auch wenn Amerika weiterhin den wichtigsten Markt für Aktivisten darstellt. 87 Prozent der Befragten teilen diese Einschätzung.

Insbesondere M&A-Deals werden künftig eine verstärkte Rolle spielen. Mit 89 Prozent kündigte nahezu jeder Befragte ein verstärktes Engagement in diesem Bereich an. Die Marktlage sei günstig, weil die Zahl der Übernahmen in den vergangenen Monaten zugenommen habe. Dabei stehen vor allem die potentiellen Käufer unter Druck.

Prominente Beispiele in Deutschland

Auch in Deutschland gab es prominente Beispiele für die Aktivitäten von Hedgefonds. Einen Angriff musste etwa Balda im vergangenen Jahr erdulden, als der Hedgefonds Elector im Vorstand die Zwei-Drittel-Mehrheit gewann – bei einem Anteil von 29,9 Prozent. Auch der letztlich geplatzte Kauf des London Stock Exchange durch die Deutsche Börse 2005 ist ein Beispiel. Damals hatten die Investoren TCI Management (UK) und Atticus Management (USA) trotz ihrer Beteiligung an den Frankfurtern vehement gegen den Kauf gewettert, bis der Preis zu hoch für einen Deal war.

Fast drei Viertel der Aktivisten zielen mit ihren Scharmützeln auf einen Anstieg der Preise ab. 43 Prozent seien sogar bereit, eine Übernahme ganz zu torpedieren. Um ihre Ziele zu erreichen, helfen sich die kurzfristig engagierten Fonds auch gegenseitig. 69 Prozent gaben an, mitunter andere Aktivisten bei deren Angriffen zu unterstützen.

Doch nicht immer geht der Plan auf. Erst im Januar 2014 scheiterte der US-Pharmahändler McKesson mit der Übernahme des deutschen Konkurrenten Celesio. Haupteigentümer Haniel schien in McKesson den idealen Abnehmer für seine 50,01 Prozent Unternehmensanteil gefunden zu haben, empfahl den Aktionären den Verkauf. Doch dann stieg der US-Milliardär Paul Singer mit seinem Hedgfeonds Elliott ein - inklusive Wandelanleihen mit einem Gesamtanteil von 22,7 Prozent. Da der Deal zwischen McKesson und Celesio/Haniel vorsah, dass der US-Konzern seinen Anteil auf 75 Prozent erhöhte, musste McKesson mit Singer verhandeln. Dem gelang es auch prompt, den Preis hochzutreiben. Bei 23,50 Euro / Aktie einigte man sich, Singer wollte sich von 16 Prozent Unternehmensanteilen trennen. Nur noch 9 Prozent und viele Kleinaktionäre waren zu überzeugen. Doch die wehrten sich, verkauften nicht – McKesson, Haniel, Singer, sie alle gingen leer aus. Für Singer eine verlorene Schlacht, mehr aber nicht – denn Haniel sucht nun einen neuen Käufer.

Hedgefonds nutzen Medien

Aber nicht nur Übernahmen ziehen die Aktivisten nahezu magisch an. Oft genug machen sich Unternehmen auch selbst angreifbar, indem sie haarsträubende Fehler machen. Das spielt den Hedgefonds & Co. in die Karten. Denn der Kampf um das Unternehmen ist auch ein medialer Kampf. 88 Prozent der Befragten gaben in der Studie an, dass ihre Angriffe durch die mediale Berichterstattung positiv beeinflusst werden. Dabei spielen auch Neue Medien eine Rolle: 67 Prozent der Befragten Aktivisten erwarten eine noch stärkere Nutzung der Social Media für das Jahr 2014.

Beispielhaft sind die jüngsten Angriffe des Hedgefonds Exchange Investors. Die Niederländer hatten bei den zwei in Frankfurt gelisteten chinesischen Firmen Powerland und Kinghero zugeschlagen. Beide Unternehmen waren zu diesem Zeitpunkt bereits heftiger Kritik wegen Bilanzskandalen ausgesetzt. Die Chance für Exchange, das sich als Saubermann inszenieren konnte.

Powerland war in die Kritik geraten, nachdem der Wirtschaftsprüfer BDO dem Handtaschenhersteller kein Testat ausgestellt hatte. Als Gründe gab BDO eine umstrittene Zahlung des CEO Shunyuan Guo an, nicht nachvollziehbare Zahlungen an ein Unternehmen in Südafrika sowie das Verbot eines Prüfbesuchs bei der chinesischen Mutter. Der Investor forderte die Liquidation von Powerland. Am Ende schritt Ernst & Young ein, Powerland entließ den CFO und stimmte dem Vorschlag des Investors nach einem Aktienrückkauf zu. Den nutzte Exchange dann prompt für den Rückzug aus dem Unternehmen. „Wir sind bei Powerland raus, unser Job ist gemacht“, erklärte damals Exchange-Chef Frank Scheunert gegenüber FINANCE. „Über den Aktienrückkauf ist wenigstens ein Teil der Gelder wieder zurück an die Anleger geflossen.“

Hedgefonds: Von Deal zu Deal

Bei diesem ausgeschlafenen Spiel mit den Medien irritierte zuletzt auch der Chef des Vermögensverwalters Blackrock Larry Fink. Er forderte Medienberichten zufolge CFOs dazu auf, weniger Dividende auszuschütten und mehr Geld zu sparen. Zuschauer rieben sich ob der Spektakels die Augen: Ein Aktionär, der weniger Dividenden fordert? Wie bitte passt das zusammen? Fink nannte sogleich mögliche Investitionsbereiche: Produktentwicklung, Innovationen – und für Übernahmen. Also genau das, was Hedgefonds in der Regel gerne sehen. Und Exchange? Hat derweil ein neues Ziel gefunden und verkündete Ende Januar, Genussrechte des Windenergie-Unternehmens Prokon aufzukaufen – pünktlich zum Insolvenzantrag.

sebastian.kapp[at]finance-magazin.de