ThyssenKrupp

19.03.18
Finanzabteilung

CFOs unterschätzen aktivistische Investoren immer noch

Aktivistische Investoren haben in Deutschland leichtes Spiel. Denn die Mehrheit der hiesigen Konzerne hat einer aktuellen Studie zufolge keine Abwehrstrategie gegen Aktivisten. Vor allem Attacken von Shortsellern haben CFOs nicht auf dem Schirm.

Gea, OHB, Stada, LPKF – die Zahl der deutschen Unternehmen, die von aktivistischen Investoren angegriffen werden, steigt. Diese Wahrnehmung bestätigt nun auch eine Umfrage unter 102 deutschen Unternehmen, die der Bundesverband der Unternehmensjuristen gemeinsam mit Corporate Legal Insights und der Wirtschaftskanzlei CMS durchgeführt hat. Mehr als jeder dritte Befragte (37 Prozent) war demnach bereits dem Druck von Aktivisten ausgesetzt. Dazu zählen die Studienautoren sowohl Angriffe von Investoren, die den Börsenwert des Unternehmens steigern möchten, als auch sogenannte Shortseller, die genau das Gegenteil anstreben und auf fallende Kurse spekulieren.

Umso erstaunlicher ist, dass die Mehrheit der befragten Rechtsleiter keinen Notfallplan in der Schublade hat, sollte das eigene Unternehmen attackiert werden. Um Angriffe aktivistischer Investoren kontern zu können, haben derzeit lediglich 38 Prozent der Befragten eine Abwehrstrategie definiert. Immerhin ein weiteres Viertel der Befragten plant die Umsetzung einer Gegenstrategie. 

Wehrlos gegen Shortseller

Noch weniger gewappnet sind die deutschen Konzerne gegen Shortseller: Für den Fall, dass Leerverkäufer das Unternehmen ins Visier nehmen, hat gerade mal ein Viertel der Befragten entsprechende Schutzmaßnahmen ergriffen. Dabei kann mangelnde Vorbereitung gerade bei Shortseller-Attacken verheerend sein: In dem Fall hat der Aktivist einen zeitlichen Vorsprung vor dem Management, um den Kapitalmarkt mit seinen Argumenten zu überzeugen. Das zeigen auch die Beispiele von Wirecard und Ströer, deren Aktienkurse nach Attacken von Leerverkäufern zwischenzeitlich erheblich einbrachen.

Offenbar unterschätzen die Befragten jedoch das Risiko eines Shortseller-Angriffs: Gerade einmal rund sieben Prozent der befragten Leiter Recht können sich in ihrem Unternehmen eine solche Attacke vorstellen. Als Haupteinfallstor sehen sie komplexe und verzweigte Unternehmensstrukturen.

Investoren suchen Kontakt zum Vorstand

Insgesamt steigt das Bewusstsein für Investor Activism in der deutschen Unternehmenslandschaft jedoch, wie die Studie zeigt. Bereits heute nimmt jeder dritte Befragte wahr, dass Anteilseigner zunehmend auf ihre Auskunftsrechte pochen und dafür den persönlichen Kontakt zu Vorstand oder Aufsichtsrat suchen.

Zwei Drittel erwarten, dass diese Tendenz in den kommenden Jahren zunimmt – und dass Aktivisten ihre Kritik verstärkt öffentlich äußern. Vereinzelt findet das heute schon statt: Erst vor wenigen Wochen hatte etwa der ThyssenKrupp-Aktionär Cevian in einem Interview die Zerschlagung des Dax-Konzerns gefordert.

Befragt nach den Zielen der aktivistischen Investoren ergibt die Studie ein heterogenes Bild: 39 Prozent glauben, dass die Aktivisten es auf eine Veränderung der Kapitalausstattung, der Finanzberichterstattung sowie Compliance- oder Corporate-Governance-Themen abgesehen haben. Jeder fünfte Teilnehmer nimmt wahr, dass Aktivisten über eine Neubesetzung des Vorstands und des Aufsichtsrats eine Strategieänderung herbeiführen wollen.

Erst heute wurde etwa bekannt, dass Gea-CEO Jürg Oleas seinen bis Ende 2019 laufenden Vertrag nicht mehr verlängern wird. Der 60-Jährige will den Anlagenbauer bereits im April 2019 verlassen. Bei dem MDax-Konzern, der in denen vergangenen zwei Geschäftsjahren seine Ziele verfehlt hat, sind im 2017 mit dem US-Hedgefonds Elliott und dem Investmentvehikel GBL gleich zwei Aktivisten eingestiegen.

Vor allem Banken fürchten Aktivisten

Besonders weit verbreitet ist die Furcht vor Aktivisten in Branchen, denen durch den digitalen Wandel und das schwierige Marktumfeld Umbrüche bevorstehen: Bei Banken und Versicherern gehen 83 Prozent von einer steigenden Einflussnahme durch aktivistische Investoren aus.

Prominentestes Beispiel ist der Finanzinvestor Cerberus, der hierzulande sowohl an der Deutschen Bank als auch an der Commerzbank beteiligt ist, und kürzlich gemeinsam mit dem PE-Haus JC Flowers die HSH Nordbank übernommen hat. Bei der Comdirect erhöht derweil mit Petrus Advisors ein anderer Aktivist den Druck.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

Aktivisten wie AOC, Cevian oder Elliott werden auch in Deutschland immer stärker. Wen sie im Visier haben, lesen Sie auf unserer Themenseite zu aktivistischen Investoren.