Die ESG-Berichtspflicht führt laut einer Studie von Cometis noch nicht zu einer hohen Qualität der Nachhaltigkeitsberichte.

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24.07.20
Finanzabteilung

ESG-Berichte weisen gravierende Mängel auf

Die Nachhaltigkeitsberichte der Dax-Konzerne sind oberflächlich und mangelhaft – so lautet das vernichtende Urteil einer Analyse der Beratung Cometis. Doch es gibt auch Vorreiter in Sachen ESG.

Immer mehr Unternehmen schreiben sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen. Doch wie umwelt- und sozialverträglich die Firmen tatsächlich wirtschaften, ist für Investoren und Kreditgeber zum Teil nur schwer nachprüfbar. Denn bei der Berichterstattung über nichtfinanzielle Kennzahlen aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance (ESG) gibt es in Deutschland noch viele Defizite. Das geht aus einer Analyse der auf Investor Relations spezialisierten Beratung Cometis hervor.

In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Kohorten haben die Berater die Nachhaltigkeitsberichte von 87 Dax- und MDax-Unternehmen zum Geschäftsjahr 2018 untersucht. Analysiert wurde die Orientierung an Rahmenwerken, die Berichtsqualität sowie die Gestaltung. Den Wahrheitsgehalt haben die Berater nicht bewertet. Das ernüchternde Ergebnis: „Die Qualität der offengelegten Informationen ist häufig mangelhaft. Zudem sind die Berichte kaum vergleichbar und oberflächlich. Dadurch entsteht Raum für Verschleierungen und Schönfärbereien“, sagt Michael Diegelmann, Vorstand bei Cometis.

Integrierte ESG-Berichte schneiden schlechter ab

Seit 2017 sind kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigen dazu verpflichtet, über nichtfinanzielle Aspekte der Unternehmenstätigkeit zu berichten, so will es die Corporate-Social-Responsibility-Richtlinie der EU. Das Problem: „Es gibt zwar eine Pflicht zur Berichterstattung, allerdings kaum Vorgaben dazu, über welche Themen konkret und wie detailliert informiert werden muss“, bemängelt Ariane Hofstetter, Geschäftsführerin bei Kohorten.

Fast ein Drittel aller untersuchten Unternehmen integriert den ESG-Bericht nur in den allgemeinen Geschäftsbericht – das ESG-Kapitel beträgt mitunter nur eine Seite. Im Durchschnitt erreichen die integrierten Berichte in der Studie nur 33 von 91 möglichen Punkten. Die separat veröffentlichten Berichte überzeugen mit 51 Punkten im Schnitt mehr, da sie insgesamt umfassender sind.

IR-Chefs mit diversen Problemen konfrontiert

Die größten Defizite bestehen der Studie zufolge bei der Angabe quantifizierbarer Daten: So liefern beispielsweise nur zwei Drittel der Berichte absolute Zahlen zum CO₂-Ausstoß und Angaben zur Veränderung zum Vorjahr. Manche Themen werden sogar komplett ausgeklammert: Nur 20 Prozent der untersuchten Firmen veröffentlichen Zahlen zu treibhausrelevanten Gasen, über die Feinstaubbilanz informieren 6 Prozent.

Ein Grund dafür ist laut Diegelmann, dass es oft noch an Methoden fehle, um diese Zahlen zu berechnen: „Die Unternehmen haben zum Beispiel Schwierigkeiten die Müllproduktion zu ermitteln, da es keine standardisierten Formeln gibt.“ Auch die IR- und Nachhaltigkeits-Verantwortlichen selbst – Cometis und Kohorten haben 12 Experten aus Dax- und MDax-Unternehmen befragt – nennen einen Mangel an Standards sowie einer verbindlichen Nachhaltigkeitsdefinition als große Herausforderung bei der Berichterstattung. Einige beklagen zudem, dass es nicht ausreichend Ressourcen und Kontrollmöglichkeiten in ihren Abteilungen gebe.

Sensible ESG-Themen werden weggelassen

Bei anderen ESG-Indikatoren fehlt dagegen schlicht die Bereitschaft, Transparenz zu schaffen. So fehlen in circa 30 Prozent der integrierten Berichte Zahlenangaben zur Gleichstellung von Frauen, nur 15 Prozent geben eine Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen an. „Das sind theoretisch einfach zu ermittelnde Zahlen, die für alle Unternehmen gleichermaßen relevant sein sollten“, betont Hofstetter.

Das gelte vor allem bei heiklen Themen wie Tierversuchen oder Kinderarbeit. „Das ist nichts, was Sie in epischer Breite in einer Berichterstattung sehen, weil Sie dann auch sagen müssten, dass Sie das nicht mit 100-prozentiger Sicherheit ausschließen können“, erklärt ein befragter IR-Verantwortlicher. „Auch wenn das niemand bestreitet, würde keiner den Teufel tun, das aufzuschreiben.“

Das hat zur Folge, dass zwar in zwei Dritteln der Berichte ESG-Risiken dargelegt werden, die auf das Unternehmen einwirken – also beispielsweise die Folgen strengerer Klimagesetzgebung. Aber nur 40 Prozent der Unternehmen benennen Risiken für Umwelt und Gesellschaft, die von der eigenen Geschäftstätigkeit ausgehen.

Sieger der ESG-Berichtsrankings: Merck und Siltronic

Doch es gibt auch Vorreiter: So liegt der Pharma- und Chemiekonzern Merck mit 77 von 91 möglichen Punkten deutlich über dem Durchschnitt im Ranking der separaten Nachhaltigkeitsberichte und belegt damit den ersten Platz, dicht gefolgt von der Münchener Rück (76) und der Deutschen Post (74).

Am schlechtesten schnitten neben dem Skandalkonzern Wirecard auch Rocket Internet und Evotec ab. Bei den im Geschäftsbericht integrierten Nachhaltigkeitserklärungen sind Brenntag, HeidelbergCement und United Internet die Schlusslichter des Rankings. Gewinner ist Siltronic mit 64 von 91 zu erreichenden Punkten.

Der Gesamtsieger Merck überzeugt unter anderem mit der Wesentlichkeitsanalyse. So habe der Konzern die wichtigsten ESG-Themen in einer Matrix veranschaulicht. „Bei der Bewertung der Gestaltung ging es uns nicht darum, das Prädikat ‚schön‘ zu verleihen. Es ging uns um eine gute Leserführung und die Visualisierung der Informationen in Schaubildern, Infografiken oder tabellarische Übersichten“, erklärt Marktforscherin Hofstetter. Außerdem würden die Darmstädter nicht nur über den Status-quo informieren, sondern auch über geplante Entwicklungen. Risiken, die vom Unternehmen ausgehen, würden nicht weggelassen und von den 24 exemplarisch ausgewählten Kennzahlen wie CO₂-Emissionen und Entgeltpolitik habe Merck 19 erfüllt. 

Die in der Studie untersuchten ESG-Berichte bezogen sich auf das Geschäftsjahr 2018. In den Berichten der nächsten Jahre werden die Unternehmen schon ein ganzes Stück weiter sein, sind sich Hofstetter und IR-Experte Diegelmann sicher. Strukturell habe es schon Fortschritte gegeben: „Neu geschaffene ESG-Gremien arbeiten häufig abteilungsübergreifend zusammen und Nachhaltigkeit wird immer mehr zum Vorstandsthema“, sagt Diegelmann.

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