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JK Wohnbau: Ohne Worte

Das große Schweigen: Die Finanzmarktkommunikation der JK Wohnbau ist verbesserungswürdig. Quelle: iStock

Wohnungen so schön wie München verspricht die JK Wohnbau. Die Finanzmarktkommunikation ist leider nur so schön wie Frankfurt-Sossenheim. Mit der Bilanz für das Jahr 2010, die in diesen Tagen erscheinen soll, geriet der ambitioniert gestartete Börsenfrischling gleich mal sechs Monate in Rückstand. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Auch zwei Quartalsberichte für diesen Zeitraum sind längst überfällig. Eine peinliche Situation, nicht zuletzt für den JK-Wohnbau-CFO Johann Haberstock, der schließlich vor wenigen Wochen leise, still und heimlich von der Bildfläche verschwand. Wie konnte es so weit kommen?

Im November 2011 emittierte das Unternehmen elf Millionen Aktien zum Ausgabepreis von 8 Euro – und zwar gleich im stark regulierten Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse. Die Anforderungen in dem Segment sind naturgemäß streng, Finanzberichte sind von jedem Unternehmen in deutscher und englischer Sprache einzureichen. Jahresabschlüsse müssen vier Monate nach Abschluss des Geschäftsjahres vorliegen, Quartalsberichte zwei Monate nach Ablauf des Quartals. JK-Wohnbau-Gründer und CEO Josef Kastenberger gab kurz vor dem IPO kund, man ziele insbesondere auf institutionelle Investoren aus Deutschland – auch die gelten als besonders zahlenaffin. 

Und das ist der Punkt, an dem für JK Wohnbau – und letztlich auch für seine Aktionäre – die Probleme beginnen. Denn das Verhalten des Unternehmens wirkt zwar bemüht, aber letztlich doch unprofessionell. Die jüngsten vorliegenden Unternehmenszahlen behandeln den Zeitraum von Januar bis September 2010. Zum ersten Jahrestag des Börsengangs hofft Kastenberger nun immerhin auf die geprüfte Bilanz für das Jahr 2010 – die allerdings eigentlich spätestens im April hätte vorliegen müssen. Die Börse hat Kastenberger zufolge dem Unternehmen wegen der dauerhaften Verspätung schon Strafzahlungen angedroht. „Dass wir mit den Zahlen so spät sind, liegt daran, dass die IFRS-Bilanzierung für Bauträger sehr komplex ist“, sagt der CEO. „In diversen Abgrenzungsfragen gibt es verschiedene Interpretationsansätze, über die sich die Experten in langwierigen Debatten eine abschließende Meinung bilden müssen“, sagt Kastenberger. Zum Teil dauere die Diskussion noch an. In welchen Punkten sich Unternehmen und Prüfer genau uneins sind, verrät er nicht. Knackpunkte seien jedoch das komplexe Geschäftsmodell und die Frage, ob ein Bauprojekt erst nach der Übergabe bilanziell erfasst werden dürfe.

Probleme bei der Abgrenzung

Bei der Bilanzierung von Bauträgern gibt es ein grundsätzliches Problem – nämlich die Abgrenzung, wann das Unternehmen die Erlöse aus einem Bauprojekt vereinnahmen darf, entweder am Ende des Projektes oder aber Schritt für Schritt („Percentage of Completion“). Denn beim Bauträger fallen zunächst über mehrere Jahre hinweg Kosten für die Entwicklung des Bauprojekts an. Die Erlöserfassung am Ende, bei der ein Bauträger die Erlöse erst nach der Übergabe des fertiggestellten Bauprojekts an den neuen Eigentümer vollständig erfassen kann, wird als „Completed Contract Method“ bezeichnet.

Alternativ können mit den Kunden aber auch bestimmte Meilensteine im Bauverfahren festgelegt werden – das passiert insbesondere bei individuellen, speziell auf den Kunden zugeschnittenen Projekten. „Entsprechend hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde genau dieses Objekt später auch abnimmt. Die Erlöse bis zum Erreichen des einzelnen Meilensteins kann das Unternehmen anteilig nach der Percentage-of-completion-Methode erfassen – eine Regelung, die viele Bauträger anstreben“, sagt Liesel Knorr, Präsidentin des Deutschen Standardisierungsrates in Berlin. Zwar gebe es Kriterienkataloge, die definieren, wann welche Methode anzuwenden sei, in der Praxis komme es aber doch mitunter zu Diskussionen um einzelne Auslegungen.

Mehrere Meinungen

Diskussionen jedenfalls sind bei JK Wohnbau an der Tagesordnung. Dabei hätte man eigentlich meinen können, dass für den jüngst ausgeschiedenen Finanzvorstand Johann Haberstock das Erstellen einer Bilanz keinerlei Probleme bereitet. Der Diplom-Kaufmann brachte es bis zum Manager bei Ernst & Young, legte das Steuerprüfer- und das Wirtschaftsprüferexamen ab und war bereits CFO bei Aurelius sowie bei Investunity. So jemandem traut man es definitiv zu, auch den Jahresabschluss eines Bauträgers aufzustellen. Kastenberger zufolge hatte der frühere Finanzvorstand auch einen Jahresabschluss erstellt und hatte eine klare Meinung, wie die Zahlen zu interpretieren seien. Das Problem: Der Wirtschaftprüfer hatte auch eine klare Meinung – nur eben eine andere. „Herr Haberstock und der derzeitige Wirtschaftsprüfer, die Wirtschaftstreuhand in Stuttgart, haben zwar beide einen ihrer Auffassung nach plausiblen Ansatz, aber sie haben keine ge meinsame Wertung gefunden“, sagt Kastenberger. Erschwerend kam hinzu, dass das Unternehmen den Wirtschaftsprüfer turnusmäßig hatte wechseln müssen – im Jahr nach dem IPO habe dies zusätzlich zu Reibungsverlusten geführt.

Gelten lassen kann man dieses Argument freilich nicht. Sowohl der Unternehmensvorstand als auch die Quirin-Bank, die den IPO begleitet hat, müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, ob man diese Themen nicht im Vorfeld hätte klären können. Die Quirin-Bank verweist in diesem Zusammenhang auf Anfrage lediglich auf den Emittenten selbst. Auch ein turnusmäßiger Wirtschaftsprüferwechsel ist planbar – er steht alle sieben Jahre an, kommt also auch nicht überraschender als Weihnachten oder der eigene Geburtstag. Den neuen Prüfer, die Wirtschaftstreuhand in Stuttgart, soll Ex-CFO Haberstock sogar noch selbst ausgesucht haben – den Einigungsprozess hat dies allerdings nicht beschleunigt. Im Frühjahr schaltete die JK Wohnbau weitere externe Berater ein, um den Konflikt zu lösen. Das Grundproblem der Meinungsvielfalt löste sie damit aber auch nicht, eher im Gegenteil. Beobachtern zufolge standen in letzter Zeit wieder bilaterale Diskussionen zwischen der Wirtschaftstreuhand und der JK Wohnbau im Vordergrund.

Es droht ein Imageschaden

Der Börsengang der JK Wohnbau zu einem Zeitpunkt, als noch nicht einmal grundlegende bilanzielle Fragen geklärt waren, war schlicht und ergreifend überstürzt. Sicher, das Fenster für den IPO war günstig, die Stimmung am Markt gut. Doch durch die überhastete Aktion und die fehlenden Berichte bleibt ein Imagekratzer – sowohl beim Unternehmen als auch beim CFO. Auch die Quirin-Bank hätte die Probleme ansprechen müssen. Ein Unternehmen mit solch einer offenen Flanke aufs Parkett zu lassen wirkt unprofessionell. Verzögerungen von drei Monaten und mehr in der Finanzberichterstattung bezeichnet ein Sprecher der Börse bei den mehr als 300 Prime-Standard-Werten als „Einzelfälle“.

Dass JK Wohnbau dazu zählt, ist wenig schmeichelhaft. Im Extremfall kann bei dauerhaften Verstößen gegen die Vorschriften ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro verhängt werden, die Höhe der zuletzt verhängten Bußgelder, die ohne Nennung des abgemahnten Unternehmens veröffentlicht werden, bewegte sich allerdings bei maximal 65.000 Euro. Als letzte Mittel kann die Börse auch den Abstieg in den General Standard oder gar ein Delisting vorsehen.

So mancher Streitpunkt hätte sich im Gespräch mit den Wirtschaftsprüfern sicherlich auch vorab aufspüren lassen – schließlich verspricht das Unternehmen jetzt, nach einer knapp einjährigen Diskussionsphase, auch Besserung. „Wir haben jetzt einen hoffentlich kompromissfähigen Ansatz zur Interpretation gefunden und erwarten daher für die weitere Bilanzierung keinerlei Probleme“, sagt Kastenberger. Zurzeit wird JK Wohnbau in Finanzfragen von einem Wirtschaftsprüfer beraten, der als externer Fachmann die durch Haberstocks Abgang entstandene Lücke schließen soll. Die JK Wohnbau sucht zurzeit nach einem neuen Finanzvorstand. Der könnte ein neues Großprojekt an die Hand bekommen: Das Unternehmen steht in Gesprächen mit der Grand City Property Group, die an einer Mehrheitsübernahme interessiert ist. „Wir werden das wohlwollend prüfen, es wird eine Due Diligence geben, und dann sehen wir weiter“, sagt Kastenberger. Das lässt darauf hoffen, dass in diesen Tagen wirklich mit neuen Finanzberichten zu rechnen ist. Der potentielle Investor dürfte seine Due Diligence schließlich kaum auf Basis des Neunmonatsberichts aus dem Jahr 2010 erstellen.

Man könnte es für unglücklich halten, dass nun das Übernahmeangebot in eine Zeit ohne Finanzvorstand fällt. Andererseits stellt sich die Frage, ob sich am Verlauf der Diskussion in der Praxis mit oder ohne CFO so viel ändert. Ein Beobachter, der den damaligen Finanzvorstand Haberstock in gemeinsamer Runde mit den Vorstandskollegen Kastenberger und Christian Dunkelberg erlebt hat, bezeichnet Haberstock als den zurückhaltendsten Manager des Führungstrios. Kastenberger dagegen erlebte er als eher patriarchischen Menschen, mit oftmals sehr genauen Vorstellungen darüber, wie bestimmte Sachen laufen sollen – was Einigungen mitunter erschwere. Wenn es ans Eingemachte ging, habe ohnehin stets Kastenberger die Entscheidungen getroffen, heißt es.

Abgang in aller Stille

Dass das Unternehmen manches anders macht als am Kapitalmarkt gemeinhin üblich, zeigte sich auch in der Art und Weise, wie vor wenigen Wochen das Ausscheiden Haberstocks kommuniziert wurde – nämlich gar nicht. Der Finanzvorstand ging bereits Ende September, einen entsprechenden Hinweis suchte man auf der Unternehmenshomepage jedoch vergebens. „Wir haben das von unseren Rechtsanwälten prüfen lassen. Im Gegensatz zu einem CEO-Wechsel ist das Ausscheiden des Finanzvorstands nicht ad-hoc-pflichtig. Daher sind wir mit der News auch nicht sofort an die Öffentlichkeit gegangen“, sagt CEO Kasten­berger. 

Dennoch hätte eine offene Kommunikation deutlich souveräner gewirkt – eine Trennung in aller Stille führt wohl am ehesten zu ungewünschten Spekulationen. Gegenüber den Investoren zumindest wäre eine Mitteilung nur fair gewesen. Denn letztlich ist auch die Auffassung, der CFO-Ausstieg sei nicht mitteilungspflichtig, reine Auslegungssache. Es gibt durchaus Marktteilnehmer, die darin eine potentiell kursrelevante Entwicklung sehen – und damit wäre der Anlass für eine Ad-hoc-Meldung gegeben. Dass man bei JK Wohnbau diesen Rückschluss nicht gezogen hat, ist ein weiteres Indiz dafür, wie man dort die Position des Finanzvorstands interpretiert hat – zumindest anscheinend als nicht hinreichend stark, um für die Märkte von Interesse zu sein. 

sabine.reifenberger(*)finance-magazin(.)de

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Sabine Reifenberger ist Chef vom Dienst der FINANCE-Redaktion. Ihre redaktionellen Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, die Transformation der Finanzabteilung und Finanzierungsthemen. Seit 2012 moderiert sie beim Web-TV-Sender FINANCE-TV. Außerdem verantwortet sie den Themenhub FINANCE-Transformation, die Distressed Assets Konferenz und das FINANCE CFO Panel. Die Politologin volontierte bei einer Tageszeitung und schrieb während des Studiums als freie Journalistin unter anderem für das Handelsblatt und die Financial Times Deutschland.

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