Hilfe! Bestimmte Worte aus dem Unternehmens- und Beratersprech kann die FINANCE-Redaktion einfach nicht mehr hören...

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18.04.19
Finanzabteilung

Unworte der FINANCE-Redaktion

Überstrapaziert, unlogisch oder schlicht unnötig: FINANCE-Redakteure erklären, über welche Ausdrücke in der Unternehmens- und Beraterwelt sie täglich stolpern und warum diese für innerliches Augenrollen sorgen.

Proaktiv

Wir wissen ja, liebe Berater, dass ihr gerne mit größtmöglicher Dynamik punkten möchtet. Und wir glauben euch auch, dass ihr nicht einfach herumsitzt und wartet, bis etwas passiert, auf das ihr dann Reaktion folgen lassen müsst. Aber aktiver als aktiv könnt auch ihr nicht sein.
Sabine Reifenberger

Heißer Sommer

Wegen des heißen Sommers sagen Deutsche Ihre Urlaube ab, kaufen keine Schuhe und auch keine Kleidung mehr, und ihre Wohnung wollen sie auch nicht mehr einrichten, sondern lieber auf dem Balkon schlafen. Das glauben Sie nicht? Wir auch nicht so recht. Trotzdem wurden etliche Gewinnwarnungen von Tui, Zalando, Home24 & Co. zuletzt auf ungewöhnlich hohe Temperaturen und den heißen Sommer zurückgeführt. Ob die Unternehmen bei einem „kalten Winter“ wohl ihre Prognosen alle nach oben anpassen werden? Philipp Habdank

ExzellentesSuperWachstum2020-Programm

Wenn es gerade irgendwie nicht so gut läuft, setzen Vorstände gerne mal Strategie- oder gleich Sparprogramme auf. Diese aber in der Kommunikation nach innen – an die Mitarbeiter – oder nach außen an Investoren oder Journalisten einfach als solche zu bezeichnen, wäre ja viel zu profan und käme auch irgendwie negativ rüber. Stattdessen sollen sie möglichst motivierend, wertschöpfend und zukunftsgerichtet klingen. Und dann kommt dabei eben so etwas wie „Fit4Growth“ (Gerry Weber), „Exzellenz-Programm“ (Bayer) oder „Value 21“ (Leoni) heraus. Die Mitarbeiter, die die meist schmerzhaften Maßnahmen ausbaden müssen, könnten auf solche Worthülsen wohl verzichten. Julia Schmitt

Disruptiv

Es ist ein Wunder, dass die Welt, wie wir sie kennen, noch existiert – angesichts der vielen Technologien, die derzeit von mehr oder weniger versierten Experten als „zerstörend“ eingestuft werden. Neu? Viel zu langweilig. Innovativ? Immer noch zu unspektakulär. Disruptiv muss es schon sein, wenn eine Technologie oder ein Trend sich Gehör verschaffen will. Das nimmt bisweilen komische Züge an – etwa wenn in Pressemitteilungen von „disruptiven Phasen“ in Unternehmen die Rede ist. Nach dem Motto: Augen zu, Auflösung überstehen und dann weitermachen. Blöd nur, dass eine Disruption sich so selten an einen Zeitplan hält.
Desirée Backhaus

Pipeline

Wer bei dem Begriff „Pipeline“ an die Ostsee und Nord Stream 2 denkt, ist wahrscheinlich kein M&A-Berater. Die berichten nämlich oft von ihren „vollen Pipelines“. Doch in denen befinden sich statt Rohöl oder Gas Aufträge und Projekte. Denn im Wirtschaftsjargon des 21. Jahrhunderts, so scheint es, sind Projekte und offene Aufgaben nicht mehr in Planung oder in der Vorbereitung, sondern werden durch sprachliche Rohrleitungen gepumpt. Das englische „Pipeline“ klingt schließlich auch viel dynamischer als auf Deutsch zu sagen, man habe eine „lange Leitung“. Nadine Graf

Führend

Etliche deutsche Unternehmen sind „führend“ oder sogar „weltweit führend“! Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch mal die Selbstbeschreibungen zig kleiner und mittelständischer Unternehmen in den Pressemitteilungen: „Wir sind führend in der Herstellung von Muttern für Trilobularschrauben mit Metallgewinde und Innensechsrund“ oder „Wir sind der führende Anbieter von veredeltem Kunstharzpressholz für Stimmstöcke bei Streichinstrumenten“ – so oder so ähnlich absurd liest sich das dann. Aber Achtung: Nur solange, bis eine Fusion ansteht und das Kartellamt das Unternehmen unter die Lupe nimmt. Plötzlich ist man doch lieber nur die kleine Firma aus dem Spreewald mit unbedeutender Marktmacht. Julia Schmitt

Agil

Kein Unternehmen, kein Team, kein Bewerber, der oder die nicht bereits „agil“ ist oder es bald sein wird, aber auf jeden Fall sein könnte und eigentlich auch am besten schon gestern agil gewesen sein sollte. Bei dem ganzen agilen Gewusel kann aber eine Kleinigkeit vergessen (oder verdrängt?!) werden: Mit der neuen Agilität und Freiheit kommt auch eine ganze Fuhre an neuer Verantwortung und neuen Pflichten für die Projekt- und Teammitglieder. Wenn nun aber Verantwortung umverteilt wird, was passiert dann mit der Verantwortungsprämie des Managements? Wird die ebenfalls umverteilt? Dominik Ploner

Liefern

Frei Haus oder ab Werk? Und vor allem: Was soll denn eigentlich geliefert werden? Normalerweise sind es Waren, die ihrem Empfänger zugestellt werden sollen. Doch auch Umsatzzahlen, Ergebnisse oder Vorschläge können und müssen geliefert werden. Zumindest, wenn man dem Berater-Sprech glaubt. So müssen Vorstände und Mitarbeiter nicht etwa Ziele erfüllen oder einfach ihrer Arbeit nachgehen, nein, sie müssen ordentlich „abliefern“. Bestellung und Empfängeradresse sind dabei fast so unklar wie der hieroglyphische Nachname der Nachbarn auf dem Zustellschein im Briefkasten. Nadine Graf

Plattform

Gefühlte 80 Prozent aller Neugründungen sind es. Selbst gemacht wird eigentlich nichts mehr, das ist ohnehin meist zu anstrengend. Aber Leute verbinden, die Dinge tun und Dinge brauchen, das klingt doch nach einem lukrativen Geschäftsmodell, ohne sich allzu sehr verausgaben zu müssen. Uber, AirBnB und Co. machen es vor. Mittlerweile ist der Trend längst auch in der Unternehmenswelt angekommen. Denn eine Plattform ist ja digital und innovativ und damit per se ein Gewinn. In einigen Fällen ist das in der Tat so. Problematisch wird das Ganze jedoch, wenn es unzählige davon gibt. Das merkt man schon an der Pluralform des Worts: Plattformen. Klingt komisch, oder? Antonia Kögler

Gibt es auch in Ihrem Arbeitsalltag, liebe Leserinnen und Leser, Unworte, die Sie einfach nicht mehr hören können? Dann schreiben Sie uns gerne an redaktion[at]finance-magazin.de. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen!