01.06.12
Finanzabteilung

Bestechen und bestechen lassen

Umfragen werfen kein gutes Licht auf die Moral internationaler CFOs. Korruption ist längst nicht mehr nur ein Thema in einschlägig bekannten Ländern. Deswegen ist es an der Zeit, sich die Verantwortung als Finanzchef wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Heutzutage überraschen Meldungen über Korruptionen im Geschäftsleben kaum noch, es sei denn, es ist einmal wieder ein „ganz großes“ Unternehmen betroffen. Kommen die Meldungen dagegen aus bestimmten, einschlägig bekannten Regionen der globalisierten Welt, sind sie kaum eine Schlagzeile wert, selbst wenn sie – wie so oft – Töchter namhafter europäischer oder US-amerikanischer Unternehmen betreffen.
 
Wie gefährlich diese Gleichgültigkeit ist und wozu sie führt, zeigen aber Zahlen aus einer neuen Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young: Eine erschreckend hohe Zahl von 15 Prozent der 400 Befragten gab zu, Schmiergeldzahlungen gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigt zu sein, die Zahl übertraf den Wert der letzten Befragung von 2010 um 6 Prozentpunkte. Das Bemerkenswerte dabei: Die Befragten stammten 43 verschiedenen Ländern, wobei die Neigung zu wirtschaftskriminellen Handlungen sich gerade nicht auf eine bestimmte regionale Herkunft zurückführen ließ. Zeit also, mit Vorurteilen aufzuräumen? Der CFO als akribische und korrekter Zahlenmensch – in erstaunlich vielen Fällen nur eine Illusion?
 
Dabei sollte sich doch jeder Finanzchef der Verantwortung bewusst sein, die er als zentrales Bindeglied zwischen Investoren und Unternehmen trägt. Enttäuscht der CFO dieses Vertrauen, sind die Folgen katastrophal. Gleichzeitig aber scheint das Risiko, dabei erwischt zu werden, vielen offensichtlich gering. Zwar gibt es kein Ressort, das im Unternehmen sensibler ist – aber möglicherweise auch (fast) keines, in dem öffentlicher Druck und versteckte Verlockung so häufig aufeinander treffen. Natürlich, man mag einwenden, dass es ja „nur“ 15 Prozent der aktuellen Umfrage trifft. Immerhin, sie waren ehrlich. Bleibt nur zu hoffen, dass auch die übrigen 85 Prozent der Befragten aufrichtig geantwortet haben.


sarah.nitsche[at]finance-magazin.de