18.09.15
Finanzabteilung

Commerzbank: Niedrigzinsumfeld verändert Anlageverhalten im Mittelstand

Um so viel Geld wie jetzt musste sich der Mittelstand bei der Geldanlage bisher noch nie Gedanken machen. Vor allem das Niedrigzinsumfeld setzt die Unternehmen dabei unter Druck.

Viele Mittelständler schwimmen im Geld: Der Anlagebedarf bei Unternehmen mit Umsätzen zwischen 5 Millionen Euro und 50 Millionen Euro befindet sich derzeit auf einem Allzeithoch, wie eine jetzt veröffentlichte Studie der Commerzbank und der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) erbracht hat.

„Wir sehen, dass es derzeit so viel Liquidität bei den Unternehmen gibt, wie noch nie“, berichtet Professor Volker Wittberg von der FHM, der die Studie wissenschaftlich geleitet hat. Bei den Unternehmen mit einem Anlagebedarf liegt das durchschnittliche Anlagevolumen bei etwa 5,9 Millionen Euro und hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr mehr als  verdoppelt.

Für die Unternehmen sind diese hohen Summen im aktuellen Niedrigzinsumfeld eine Herausforderung, rentable Anlagemöglichkeiten sind rar. Auch mit negativen Zinsen sehen sich die Unternehmen konfrontiert. 16 Prozent wurden von ihren Banken zumindest schon einmal darauf angesprochen. „Wir sehen deutlich, dass sich der Mittelstand jetzt bei der Geldanlage bewegt und nach Alternativen sucht“, berichtet Martin Keller von der Commerzbank.

Mittelstand sucht nach Alternativen bei der Geldanlage

Die Unternehmen schichten verstärkt um: Während im vergangenen Jahr noch 86 Prozent der Unternehmen in Sichteinlagen und laufende Konten investiert waren, sind es jetzt lediglich 75 Prozent. Wenn alle befragten Mittelständler ihre Pläne wahrmachen, könnte dieser Anteil sogar in diesem Jahr noch auf 26 Prozent sinken. Ähnlich rückläufig ist die Tendenz bei Festgeldern und Termineinlagen, bei denen die Unternehmen nicht mehr die Renditen erzielen können, die sie erreichen wollen.

Gerade in diesem Punkt weichen Anspruch und Wirklichkeit stark von einander ab. Auch wenn ihre erwartete Mindestverzinsung im Vergleich zum Vorjahr um rund 0,4 Prozent gesunken ist, erwarten mittelständische Anleger immer noch eine Mindestverzinsung von 2,42 Prozent. Der Median liegt bei 2 Prozent.

Bei diesem vergleichsweise hohen Wert ist vor allem überraschend, dass die Sicherheit des Emittenten für Mittelständler nach wie vor das wichtigste Auswahlkriterium ist. „Allerdings setzt sich bei den Mittelständlern die Erkenntnis durch, dass diese Rendite nicht völlig risikolos erhältlich ist“, sagt Martin Keller.

Mittelständler investieren langfristiger

Deshalb zeigt sich im Mittelstand laut den Autoren der Studie in diesem Jahr zum ersten Mal ein Umdenken. 67 Prozent der Unternehmen seien bereit, für eine höhere Verzinsung auch längere Laufzeiten oder Kursschwankungen hinzunehmen. Welche weiteren Änderungen die Mittelständler deshalb an ihren Portfolien vorgenommen haben oder noch vornehmen wollen, erfahren Sie hier bei der FINANCE-Schwesterpublikation DerTreasurer.

Trotz anhaltender Diskussionen um Zinserhöhungen, besonders in den Vereinigten Staaten, rechnen die Befragten damit, dass das Niedrigzinsumfeld im Euro-Raum noch weiter bestehen wird. „Mehr als die Hälfte glaubt, dass es noch drei Jahre anhalten wird. Fast 30 Prozent gehen sogar von fünf Jahren aus und über 7 Prozent erwarten in den  nächsten zehn Jahren keine wesentlichen Zinssteigerungen“, sagt Volker Wittberg. Nur eine Minderheit von 6,5 Prozent erwarte, dass sich schon innerhalb eines Jahres etwas tun wird.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Die Studie wurde zwischen Mitte April und Mitte Mai 2015 von der Fachhochschule des Mittelstands in Zusammenarbeit mit der Commerzbank durchgeführt. Dazu wurden 82 Fragebögen aus persönlichen und postalischen Befragungen und weitere 75 aus einer Onlinebefragung herangezogen. Bei den befragten Mittelständlern handelt es sich um Unternehmen, die zwischen 10 und 499 Mitarbeiter und einen Umsatz zwischen 5 und 50 Millionen Euro haben. Darüber hinaus wurden 10 Experten befragt.