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Compliance in der Schweiz: Bloß kein „One size fits all”

Das Autonomieverständnis der Schweizer Unternehmen prägt auch ihre Compliance-Arbeit.
Thinkstock / Getty Images

Wohl kein anderes Land ist derart geprägt vom Bankensektor wie die Schweiz – nicht zuletzt dank des früher äußerst strikt gehüteten Bankgeheimnisses, das dem kleinen Alpenstaat eine der stabilsten Volkswirtschaften der Welt bescherte. Dass die Verschwiegenheit aber nicht nur Segen, sondern vor allem Fluch ist, zeigen die immer neuen Fälle Prominenter, die das Land als Paradies für Schwarzgeldkonten betrachten.

In den Unternehmen werden die Grauräume offenbar längst nicht so intensiv genutzt wie im Finanzsektor. Abgesehen von Kartellfällen haben sie lange Zeit kaum Schlagzeilen produziert, Verurteilungen nach dem Unternehmensstrafrecht gab es nicht – bis Ende 2011 der Alstom-Konzern von Schweizer Richtern wegen Korruption zu einer Strafe von rund 3 Millionen Euro verurteilt wurde: „Nach diesem Urteil sind die Unternehmen sensibler geworden“, meint Mate Soso, Compliance Manager bei dem Telekomkonzern Swisscom.

Mehr Pflicht als Kür für den Schweizer Mittelstand

Zwar existiert in der Schweiz seit 2002 der Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance, der unter anderem dem Verwaltungsrat die Aufgabe auferlegt, die Compliance zu überwachen. Anders als in Deutschland müssen die Schweizer Unternehmen aber keine Entsprechungserklärungen abgeben. Auch eine „Business Judgement Rule“, durch die sich die Geschäftsleitung bei Pflichtverletzungen beispielsweise mit dem Hinweis auf ihre Compliance-Organisation entlasten kann, kennt das Schweizer Recht nicht. Das Thema Compliance sei deshalb für kleinere Unternehmen mehr Kür als Pflicht, meint Prof. Jörg Wilhelm von der Kanzlei Dr. Holzhauser & Partner aus Zürich: „Unternehmen, die nicht an der Börse sind, glauben oft, dass Compliance sie nicht betrifft.“

Bei international aktiven Unternehmen sieht es anders aus: „Für uns ist Compliance ein Geschäft des täglichen Lebens“, sagt der CCO von Novartis, Dr. Peter Kornicker. „Aktuell beschäftigen wir weltweit über 100 Compliance-Mitarbeiter, wegen der zunehmenden Regulierung werden es immer mehr.“ Auch die Compliance-Arbeit bei Swisscom unterscheidet sich bei den Compliance-Tools nicht von der in anderen Konzernen, eingesetzt werden die Grundelemente des IDW 980 und das COSO ERM-Framework, wie Soso erklärt.

Compliance-Regeln sind gut, Vertrauen ist besser

Trotzdem: Beim Umgang mit Compliance gibt der Schweizer Gesetzgeber den Firmen einen ordentlichen Vertrauensvorschuss – und trägt damit dem großen Autonomieverständnis der Schweizer Firmen Rechnung, wie der Jurist Wilhelm meint. Das zeigt sich allerdings nicht nur bei der Ausgestaltung der Compliance-Management-Systeme, sondern auch bei deren Überprüfung: „Wir orientieren uns zwar am IDW 980 – aber von einer Zertifizierung sehen wir ab. Unser Compliance-System ist effektiv und effizient, verursacht aber keine unnötigen Verwaltungskosten. Außerdem hat ein externer Prüfer ohnehin nur beschränkte Prüfungsmöglichkeiten“, sagt Soso entschieden.

Auch Kornicker von Novartis gibt sich pragmatisch: „Die Schweizer haben einfach ein Problem mit zu viel Bürokratismus, mit einem ,One size fits all‘-Approach können wir nicht umgehen.“ Deshalb sieht auch Novartis keinen Anlass, das CMS zertifizieren zu lassen. „Das Wichtigste ist der gesunde Menschenverstand“, findet Kornicker, „aber wenn es wenig objektive Standards gibt, muss man natürlich umso mehr argumentativ überzeugen. Das ist nicht immer leicht.“

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de

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