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Compliance: Unternehmen müssen Umgang mit Whistleblowern verbessern

Bestechung und Kungeleien: Mitarbeiter können häufig wertvolle Hinweise über Missstände liefern. Doch Whistleblower sind in Deutschland nicht gerne gesehen.
Thinkstock / Getty Images

Wenn Bilanzbetrug, Korruption oder Kartellverstöße an die Öffentlichkeit gelangen, kann es teuer werden für Unternehmen. Whistleblower können dabei helfen, diese Verstöße frühzeitig intern aufzudecken – und die Missstände im Idealfall zu beheben, bevor sie weiteren Schaden anrichten. Viele deutsche Unternehmen haben zwar Whistleblowing-Hotlines oder andere anonyme Meldeverfahren eingerichtet, der Umgang mit den Meldungen ist aber häufig unzureichend.

„Ich habe den Eindruck, dass die meisten deutschen Unternehmen die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Whistleblowing-Vorwürfen noch nicht erkannt haben“, meint Markus Kappenhagen, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Jones Day: „Andere verzichten bewusst darauf, weil sie befürchten, dass Mitarbeiter die Hotlines dazu nutzen würden, ihrem generellen Unmut Luft zu machen.“ Doch dadurch können den Unternehmen nicht nur wertvolle Informationen entgehen. Wenn Mitarbeiter intern auf taube Ohren stoßen, könnten sie mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gehen – und damit die Reputation des Unternehmens schädigen.

Nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte von 2011 sind Whistleblower auch arbeitsrechtlich geschützt. Der Arbeitgeber darf ihnen nicht kündigen, wenn sie zuvor erfolglos versucht haben, die Missstände intern zu klären und in gutem Glauben gehandelt haben. „Ein Freibrief für öffentliche Rache ist das nicht, aber es bietet Whistleblowern einen gewissen Schutz“, sagt Kappenhagen.

USA: Whistleblowing-Hotlines sind seit dem Sarbanes-Oxley Act Pflicht

Vorbilder im Umgang mit Whistleblowern sind die Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen – sowie die deutschen Unternehmen, die auch an US-Börsen notiert sind. Sie sind seit dem Sarbanes-Oxley Act, den der US-Kongress 2002 nach Finanzskandalen wie Enron verabschiedet hatte, dazu verpflichtet, Verfahren zur Entgegennahme, Speicherung und Bearbeitung von Beschwerden einführen – zumindest solche, die sie in Bezug auf die Rechnungslegung erhalten haben.

„Die Whistleblowing-Hotline ist sehr wertvoll für Unternehmen. Man kann schließlich nicht überall hinschauen und ist auf die Hinweise der Mitarbeiter angewiesen“, sagt Mirko Haase, Compliance-Verantwortlicher bei General Motors (GM) für die Region EMEA. Er ist zugleich auch Präsident des deutschen Berufsverbandes der Compliance Manager (BCM) und hat daher einen guten Überblick über die Aktivitäten anderer Konzerne: „In internationalen Industrieunternehmen kommen pro Jahr ungefähr ein bis zwei Meldungen auf 500 Mitarbeiter, denen man im Rahmen einer internen Ermittlung umfassender nachgeht“, sagt Haase. Etwa 10 bis 20 Prozent dieser Meldungen würden ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen – also beispielsweise zur Entlassung der betroffenen Mitarbeiter oder zur Einschaltung staatlicher Behörden führen. Den Anteil der Beschwerden, die sich auf persönliche Querelen zwischen Mitarbeitern beziehen, beziffert er auf etwa 40 bis 50 Prozent.

Compliance-Chef GM EMEA: Deutsche Mentalität ist das Problem

Haase stellt ebenfalls fest, dass größere international agierende Unternehmen in Deutschland weiter sind beim Umgang mit Mitarbeitern, die Missstände anprangern, als kleinere. Er sieht den Grund dafür auch in der Mentalität: „In Deutschland werden Whistleblower eher als Denunzianten und nicht als Aufklärer wahrgenommen.“ Man sei hierzulande noch stark durch die negativen historischen Erfahrungen mit Bespitzelung geprägt, damit hat aber ein moderenes Hinweisgebersystem mit entsprechenden Schutzmaßnahmen ganz und gar nichts gemeinsam, meint der Compliance-Chef.

Der gesetzliche Schutz ist daher in Deutschland auch geringer als in anderen Ländern. Es gilt zwar die Rechtsprechung der obersten deutschen Arbeitsgerichte und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, ein eigenes Gesetz gibt es allerdings nicht. Im Jahr 2012 war ein entsprechender Antrag im Bundestag gescheitert: „Damit herrscht für Whistleblower nach wie vor eine gewisse Rechtsunsicherheit“, meint Haase.

In den USA gilt teilweise ein absoluter Kündigungsschutz. Whistleblower, die zur Aufklärung von Steuerhinterziehung oder Kartellverstößen beitragen, werden zum Teil sogar finanziell belohnt. Wer Staatsgeheimnisse enthüllt, den verfolgen die USA dafür umso härter.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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