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Compliance vs. Guanxi: In China prallt die alte auf die neue Welt

Auch wenn China sich immer weiter dem Westen öffnet: Der Umgang mit dem Thema Compliance hängt im Riesenreich stark von regionalen Einflüssen ab.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Längst ist China nicht mehr nur das Land, dessen Wirtschaft vor allem durch billige Plagiate westlicher Produkte Aufsehen erregt – chinesische Unternehmen haben sich in einer ganzen Reihe von Branchen etabliert und strecken ihre Fühler immer stärker Richtung Europa aus. Trotz aller Internationalisierung führt das Riesenreich aber weiter ein Doppelleben, das Geschäfte in China für europäische Firmen zu einem Drahtseilakt werden lässt.

Erst vor wenigen Wochen machte der Prozess gegen die Politikergattin Gu Kailai Schlagzeilen. Am Ende wurde sie wegen Mordes zum Tode verurteilt, wenn das Urteil auch in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt werden dürfte. Dabei ging es ursprünglich gar nicht nur darum, dass Gu einen britischen Geschäftsmann vergiftet hat, sondern auch um Geldwäsche und Korruption – Vorwürfe, die in dem Verfahren letztlich keine Rolle spielten.

Und doch sehen viele Chinesen den Fall als gutes Zeichen für demokratischen Fortschritt, ist doch endlich auch einmal die Angehörige eines Funktionärs bestraft worden. Dabei hatte es sich Gus Ehemann Bo Xilai, ehemals Chef der Kommunisten in Chongqing, ordentlich mit den Kadern verscherzt. Dass seiner Frau nun ein derart kurzer Prozess gemacht wurde, ist vor dem Hintergrund wenig überraschend – und zeigt einmal mehr, wie eng Staat, Wirtschaft und Politik im Reich der Mitte miteinander verwoben sind.

China nähert sich dem westlichen Standard

In diesem engen Geflecht bleibt auf den ersten Blick wenig Raum für Compliance. Aber: „In China ist das Thema Compliance angekommen, wenn auch zeitversetzt im Vergleich zu Europa. Allerdings sind es vor allem Unternehmen, die über die Landesgrenzen hinaus tätig sind, die durch den Einfluss internationaler Gesetze für das Thema schon sehr sensibilisiert sind“, sagt Rechtsanwältin Susanne Rademacher, die den Pekinger Standort der Kanzlei Beiten Burkhardt leitet. „Aber auch in China selbst gibt es einen umfassenden Strauß an straf-, verwaltungs- und wettbewerbsrechtlichen Bestimmungen, die wirtschaftskriminelle Handlungen sanktionieren.“

Trotz dieses dichten Rahmenwerks schwebt über allem ein Schlagwort, das tiefer im chinesischen Selbstverständnis verwurzelt ist als jeder andere ethische Grundsatz: „Guanxi“, die Beziehungskultur. Als elementarer Grundstein des menschlichen Zusammenlebens hat sie eine Tradition, die sich bis zum Beginn des Kaiserreichs vor mehr als 2000 Jahren zurückverfolgen lässt. „Traditionell schwach ausgeprägte Institutionen, wie zum Beispiel die Rechtsdurchsetzung, haben andere Mittel in den Vordergrund treten lassen, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse zu steuern. Die Einhaltung von gesetzlichen Regeln ist demgegenüber traditionell weniger wichtig“, bilanziert Dr. Sven-Michael Werner, der als Partner von Taylor Wessing in Shanghai arbeitet.

Und nicht nur das – Gesetze, die der Guanxi-Kultur im Weg stehen, sind in der Realität oft das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben sind. Denn kleine Aufmerksamkeiten, Gefälligkeiten und Geschenke, sei es durch offene Einladungen zu traditionellen Feiertagen oder versteckte Geldzuwendungen, beispielsweise in Zigarettenschachteln, öffnen auch heute noch viele Türen, die sonst verschlossen bleiben würden. Rademacher: „Wenn Aufmerksamkeiten über viele Jahre Teil der Geschäftsbeziehungen waren, muss man schon einen enormen Aufwand betreiben, um das Bewusstsein zu schärfen.“ Mit ihren strikten Geschenkerichtlinien kommen europäische Unternehmen da nicht weit.

Für Unternehmen führt kein Weg am Staat vorbei

„Guanxi funktioniert wie eine Zwiebel: Im Kern steht die Familie, und im Laufe des Lebens kommen immer weitere Schalen hinzu. Beziehungen werden für immer gepflegt, und man verliert auch Bekannte aus den frühen Lebensjahren wie Schulkameraden nicht aus den Augen“, weiß Rechtsanwältin Barbara Scharrer, die als Of Counsel für Eiger Law arbeitet und selbst langjährige Erfahrungen als Geschäftsführerin deutscher Niederlassungen in China gesammelt hat. Unternehmen haben dabei in der Regel keine andere Möglichkeit, als die Spielregeln zu beachten, zu groß ist die Macht der staatlichen Einrichtungen. „Compliance lässt sich in China meist 1:1 mit Korruptionsbekämpfung übersetzen“, sagt Scharrer. Ob es um die Vergabe von Aufträgen, Steuerzahlungen, Zölle oder elementare Infrastruktureinrichtungen wie den Telefonanschluss der Firma geht, es führt kein Weg am Staat vorbei. Die mageren Gehälter der meisten Staatsbediensteten tun ihr Übriges.

Gerade Beziehungen zu rein chinesischen Unternehmen könnten europäische Gesellschaften vor schwer überwindbare Hürden stellen. Denn obwohl auch in China der Vorstand offiziell dafür sorgen muss, dass das eigene Unternehmen keine Compliance-Verstöße begeht, fehlt deshalb vor allem in rein chinesischen Unternehmen oft jegliche Compliance-Struktur. Dabei geht es nicht nur um Guanxi, auch die Lehren des Konfuzius leben in den Köpfen momentan verstärkt wieder auf: Der Chef gilt als großer Mentor, dem man nicht widerspricht: „Sein Wort ist in vielen Unternehmen heute noch Gesetz“, erklärt die China-Expertin Scharrer. „Ein unabhängiges Kontrollgremium wie eine Compliance-Abteilung passt da meist nicht zu.“

Verschobene Risiken bei internationalen Unternehmen

Anders ist die Lage in internationalen Unternehmen, die im Gegensatz zu rein chinesischen Firmen allerdings auch weniger am Staatsapparat hängen – die Risiken lauern hier in ganz anderen Bereichen wie beispielsweise bei Verstößen gegen internationale Gesetze wie den UK Bribery Act. Aber auch abgesehen von solch rationalen Motiven setzt sich in den Ballungszentren wie Shanghai oder Peking zunehmend eine westlichere Sicht durch – die sogenannte Generation Y löst sich von tradierten Denkweisen und kommt nach und nach in den Chefetagen an.

Ob der Compliance-Gedanke in China irgendwann flächendeckend mit der Guanxi-Kultur zumindest konkurrieren kann, dürfte vor allem davon abhängen, wie nachhaltig die nachwachsende Generation neue Werte auch in entlegenere Teile des Riesenreichs transportieren kann. Denn echte Impulse bei der Rechtsdurchsetzung sind vom Staat nicht zu erwarten. Ansonsten haben Unternehmen gerade im ländlichen Bereich bislang noch wenig zu befürchten – missachten sie zum Beispiel das Korruptionsverbot, hängt der Staat ohnehin meist unmittelbar mit drin. Damit wirklich etwas passiere, müsse man es sich mit vielen verderben, meint Scharrer: „Die Frage ist am Ende immer, wer der Richter ist – und ob er aus irgendwelchen Gründen ein Exempel statuieren möchte.“

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de

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