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Finanztransaktionssteuer trifft CFOs doppelt

Vor der Finanztransaktionssteuer gibt es (kaum) kein Entkommen, auch wenn nur elf EU-Staaten die Steuer einführen.
Thinkstock / Getty Images

In den Finanzabteilungen von Großkonzernen deutet sich das nächste regulatorische Megaprojekt an: Mit dem Mitte Februar veröffentlichten Richtlinienentwurf zur Finanztransaktionssteuer fallen jetzt nämlich auch Unternehmen in den direkten Anwendungsbereich der Steuer. Bislang galt dies nur für Finanzinstitute. Doch mit dem Ziel, möglichst wenig Ausnahmetatbestände zuzulassen und damit Möglichkeiten zur Umgehung der Steuer zu schaffen, sind jetzt auch Unternehmen der Realwirtschaft betroffen, sofern die Nettojahresumsätze zu mehr als der Hälfte aus Finanztätigkeit stammen. Auf Konzernebene mag das zwar für kaum ein Unternehmen zutreffen. „Allerdings basiert die Steuerpflicht auf einer Legal-Entity-Betrachtung, und damit fallen Finanztöchter von Unternehmen in vielen Fällen in den Anwendungsbereich“, sagt Hans-Jürgen Feyerabend, Leiter der Taskforce Finanztransaktionssteuer bei KPMG in Frankfurt. Inoffiziellen Schätzungen zufolge sind damit alle im deutschen Bluechip-Index DAX vertretenen Unternehmen betroffen. In den anderen zehn europäischen Ländern, die die Steuer ebenfalls einführen, ist die Situation ähnlich.

Kleine Zahlen, große Wirkung

In Unternehmen, die sich für die Finanztransaktionssteuer „qualifizieren“, dürfte die Steuer hauptsächlich bei derivativen Geschäften zur Absicherung von Währungs-, Zins- und Rohstoffpreisrisiken anfallen. Bei diesen Geschäften wird sowohl beim Käufer als auch beim Verkäufer eine Steuer in Höhe eines Basispunktes bezogen auf das Nominalvolumen erhoben. Das mag auf den ersten Blick nicht ins Gewicht fallen. Doch haben Großkonzerne durchaus Derivateportfolien in dreistelliger Milliardenhöhe. Hält man sich dann vor Augen, dass Sicherungsgeschäfte in der Regel kurzfristiger Natur sind, mithin das Bestandsportfolio an Derivaten mehrmals jährlich umgeschlagen wird, und auch interne Finanztransaktionen von der Steuer betroffen sind, liegt das Aufkommen schnell im zwei- wenn nicht sogar dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Hinzu kommen die indirekten Kosten der Steuer die dadurch entstehen, dass Banken – die eigentlichen Adressaten der Finanztransaktionssteuer – die bei ihnen anfallenden Beträge an die Unternehmen durchreichen dürften. So kann ein simples Swapgeschäft aufgrund von Kaskadeneffekten, etwa bei grenzüberschreitenden Absicherungsaktivitäten, in denen mehrere Banken involviert sind, bis zu fünfmal transaktionssteuerpflichtig werden. Auch das Kreditgeschäft, das von der Steuer eigentlich ausgenommen ist, könnte nach Meinung von Experten indirekt betroffen sein. Denn die zur Absicherung von Zins- und Währungsrisiken anfallende Finanztransaktionssteuer frisst an der Kreditmarge. Und das lassen sich die Finanzinstitute sicher vom Kreditnehmer bezahlen.

Es gibt (kaum) ein Entkommen

Viele Finanzabteilungen haben die Problematik noch nicht auf dem Schirm – auch wenn der Zeitplan bis zum in Kraft treten der Steuer zu ambitioniert erscheint. Eine Verschiebung auf 2015 ist wahrscheinlicher, als die planmäßige Einführung Anfang des kommenden Jahres. Erst langsam wächst das Bewusstsein in den Unternehmen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Die hohe Komplexität und der globale Anwendungsbereichs der Finanztransaktionssteuer machen die Sache jedoch diffizil. Denn betroffen sind längst nicht nur Marktteilnehmer in den elf die Steuer einführenden Ländern. Über das Ansässigkeits- und das Ausgabeprinzip entfaltet die Abgabe globale Wirkung. So reicht es aus, wenn nur eine Partei im FTT-Gebiet ansässig ist, um auch den anderen Kontrahenten zu besteuern. Ob dieser in London, in New York oder in Tokio sitzt ist dabei völlig egal. Mit dem Ausgabeprinzip kommt es noch besser. Selbst wenn beide Kontrahenten außerhalb des FTT-Gebiets ansässig sind, können sie steuerpflichtig werden. Nämlich dann, wenn sie Finanzinstrumente handeln, die in einem der die Steuer einführenden Länder emittiert wurden. Ein New Yorker Hedgefonds, der mit einer Shanghaier Bank eine spanische Anleihe handelt, ist damit genauso steuerpflichtig wie das chinesische Finanzinstitut.

Strategische Implikationen der Steuer

„Detaillierte Betroffenheitsanalysen, bei der die gesamte Transaktionskette durchleuchtet wird, hat bislang kaum ein Industrieunternehmen angestellt“, berichtet Feyerabend. Er rechnet mit einem erheblichen Projektaufwand in den Unternehmen, da nicht nur das Treasury sondern auch die IT, die Steuer- und Rechtsabteilung sowie das Rechnungswesen involviert sind. KPMG hat in diesem Zusammenhang rund 100 Geschäftsvorfälle definiert, die die Steuer auslösen können – angefangen von simplen Swapgeschäften bis hin zu zeitlich nachgelagerten Transaktionen wie den laufenden Austausch von Sicherheiten oder den Risikotransfer zwischen Konzerneinheiten.

Die strategischen Implikationen für Unternehmen können enorm sein, denn die Steuer wirft Fragen über den richtigen Weg zum Kapitalmarkt oder die optimale Hedgingstrategie auf. „Einige Unternehmen überlegen, Sicherungsgeschäfte künftig über die operativen Einheiten abzuschließen“, berichtet Feyerabend. Damit ließe sich vielleicht die Steuer sparen. Doch ist die Bonität der Business Unit schlechter als die der Finanzierungsholding, ist womöglich wenig gewonnen. Negative Auswirkungen erwartet Feyerabend auch für die betriebliche Altersvorsorge, für die es nach jetzigem Stand der Dinge wohl keine Ausnahmetatbestände geben wird.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

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