Der Mittelstand hat hohe Erwartungen bei der Verzinsung bei seiner Finanzanlagen. Wie sie die erreichen wollen, zeigt eine aktuelle Studie der Commerzbank und der Fachhochschule für Mittelstand.

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21.09.16
Finanzabteilung

Geldanlage: Mittelständler ignorieren die Zins-Realität

Bei der Geldanlage erwartet der deutsche Mittelstand zu hohe Zinsen. Diese Blauäugigkeit könnte die Unternehmen teuer zu stehen kommen, denn vor allem bei den Pensionsrückstellungen kommt einiges auf sie zu.

Das Niedrigzinsumfeld weitet sich weiter aus, doch der kleinere deutsche Mittelstand steckt sich bei der Geldanlage immer noch hohe Ziele. Im Durchschnitt erwarten die Verantwortlichen in den Unternehmen eine Mindestverzinsung von fast 3 Prozent auf ihre Finanzanlagen. Das hat eine aktuelle Befragung der Commerzbank in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule für Mittelstand unter rund 150 kleineren mittelständischen Unternehmen ergeben.

Der Wert liegt damit sogar über der erwarteten Mindestverzinsung von 2,4 Prozent im Vorjahr. Und das obwohl sich das Zinsumfeld aus Anlagesicht weiter deutlich verschlechtert. Zum Jahresanfang 2015 lag der 3-Monats-Euribor noch bei 0,076 Prozent. Zu Beginn des Jahres 2016 war er mit -0,132 Prozent bereits deutlich im Minus, aktuell sind es sogar -0,301 Prozent. „Wir erklären uns diese zu hohen Erwartungen damit, dass sich Mittelständler stärker an den Renditeerwartungen an das eigene Unternehmen orientieren als an der marktüblichen Verzinsung“, erklärt Volker Wittberg von der Fachhochschule Mittelstand, der die Studie wissenschaftlich leitet.

Zwei Drittel der Mittelständler passen Vorgehen bei der Geldanlage an

Die erwartete Mindestverzinsung erscheint vor allem deshalb zu hoch, da Unternehmen sich im kurzfristigen Bereich immer stärker in einem negativen Zinsumfeld bewegen. 37 Prozent der befragten Mittelständler wurden bereits auf das Thema Strafzinsen angesprochen. Im vergangenen Jahr waren es lediglich 15 Prozent. Das zeigt, dass auch der kleine Mittelstand, bei dem sich der Anlagebedarf durchschnittlich auf lediglich rund 4,7 Millionen Euro beläuft, von den Banken nicht verschont wird. Die Commerzbank hatte Anfang des Jahres Strafzinsen im Grundsatz auch auf Mittelstandskunden ausgeweitet.

Ein Drittel der Mittelständler ist bereit, solche negativen Zinsen in Kauf zu nehmen, denn sie benötigen kurzfristig verfügbare Liquidität. Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen versucht dagegen, die negative Verzinsung aktiv zu vermeiden. Dazu zählt, dass Mittelständler die Liquidität in längeren Laufzeiten bis zu drei Jahren anlegen oder auch bereit sind, in gewissem Maße Kursschwankungen zu ertragen.

Mittelständler unterschätzen Pensionslücken

Im langfristigen Bereich zeigt sich, dass auch Mittelständler den Trend zu alternativen Anlagen mitgehen. 2015 hatten nur 3 Prozent der Unternehmen solche Assets im Portfolio, jetzt sind es bereits 10 Prozent. Der Anteil soll weiter wachsen. Auch bei Immobilienfonds und nachhaltigen Anlagen planen die Unternehmen in diesem Jahr stärkeres Engagement.

Die Diversifikation im langfristigen Bereich ist für den kleinen Mittelstand vor allem in Hinblick auf die wachsenden Pensionsverpflichtungen wichtig. Rund 50 Prozent der befragten Unternehmen haben solche Verpflichtungen. Bei 34 Prozent der betroffenen Unternehmen sind sie allerdings nicht einmal zur Hälfte ausfinanziert, bei weiteren 20 Prozent nur zu zwei Dritteln.

„Gerade kleinere Unternehmen sehen noch gar nicht, was für ein Problem da auf sie zukommt“, kommentiert Volker Wittberg. In den nächsten fünf Jahren wird der Rechnungszins für Pensionsrückstellung nach HGB-Bilanzierung laut Commerzbank um rund 2,2 Prozentpunkte sinken. Die Rückstellungen für die Pensionen, die die Unternehmen bilden müssen, werden deshalb drastisch steigen.

Erste Konsequenzen hat das bereits: „Bisher habe ich zwar noch keine Insolvenzen gesehen, aber in einigen Fällen kam es zu Kreditvertragsbrüchen bei Konsortialkrediten, weil die Rückstellungen so stark angestiegen sind“, sagt Martin Keller, der bei der Mittelstandsbank der Commerzbank den Bereich Product Management leitet. Die Bank fordert deshalb ein Umdenken im Mittelstand: Die Zinsentwicklung müsse stärker in die strategische Finanzplanung eingebunden werden. Allein durch die Hoffnung auf steigende Zinsen lasse sich das Problem nicht lösen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Die Studie von Commerzbank und Fachhochschule Mittelstand wurde im April und Mai 2016 unter rund 150 Unternehmen durchgeführt. Zu den befragten Mittelständlern zählen Unternehmen mit zehn bis 499 Mitarbeitern und einem Umsatz zwischen 5 und 50 Millionen Euro. Zu den empirischen Daten kommen Interviews mit Experten aus Unternehmen, Verbänden, Banken und Kapitalanlagegesellschaften.