Mittelständische Unternehmen werden risikofreudiger.

Thinkstock / Getty Images

11.09.14
Finanzabteilung

Mittelstand geht ins Risiko

Der kleinere deutsche Mittelstand ist sich seiner Sache wieder sicher. Trotz immer niedrigerer Zinsen streben Unternehmen bei der Anlage ihrer liquiden Mittel wieder nach Rendite. Dabei gehen sie auch größere Risiken ein.

Kleinere mittelständische Unternehmen überdenken ihre Anlagerichtlinien. Auf der Suche nach höheren Renditen sind sie auch bereit größere Risiken einzugehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Bielefeld unter kleineren deutschen Unternehmen in Kooperation mit der Commerzbank (zur Methode siehe auch der Kasten am Ende des Artikels). Der deutsche Mittelstand setzt die erwartete Mindestverzinsung für das eingesetzte Kapital bei 2,83 Prozent an. Das ist 1 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese höhere Erwartung ist überraschend. Nach der neuesten Zinssenkung der EZB wird das Zinsniveau in Europa weiter äußerst niedrig bleiben. Für Professor Volker Wittberg, Institutsleiter der FHM könnte eine Erklärung für diesen Widerspruch sein, dass sich die Unternehmen an das niedrige Niveau als neuen Normalzustand gewöhnt haben und in ihrem Anlageverhalten mehr Risiken eingehen als in den Vorjahren.

Um ihre Renditeziele zu erreichen, sind Unternehmen bereit bei ihren Anlagen auch größere Risiken einzugehen. „Bei dem Versuch eine Enteignung zu verhindern, gehen die Unternehmen das ein oder andere kalkulierte Risiko ein“, erklärt Volker Wittberg. Unternehmern nehmen wieder verstärkt Rentenfonds, gemischte Fonds und auch Aktienfonds zusätzlich zu Sichteinlagen und Festgeld in ihr Anlageportfolio auf. Auch Immobilienfonds tauchen wieder in den Anlagestrategien der Mittelständler auf, nachdem diese in den Jahren der Finanzkrise fast vollständig verschwunden waren. Auch Martin Keller, Geschäftsbereichsleiter Zins-, Währungs und Anlagemanagement der Commerzbank bestätigt diesen Trend: „Firmenkunden haben ihre Einstellung geändert und gehen in die gesamte Welt der Anlageformen“. Anders seien die hohen Zinserwartungen nicht erreichbar.

Mehr Bedarf nach langfristigen Anlageformen

Neben der Diversifizierung der Anlageprodukte haben mittelständische Unternehmen auch ihren Anlagehorizont verändert. Anlagen mit einem Horizont von unter 3 Monaten sind deutlich zurückgegangen. „Die Mittelständler halten sich nur noch die Liquidität vor, die sich tatsächlich brauchen“, sagt Wittberg. Überschüssige Liquidität wird langfristiger angelegt. 26 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, einen Anlagebedarf im Bereich von ein bis fünf Jahren zu haben. Im vergangenen Jahr waren das nur 15 Prozent.

Der Anlagebedarf insgesamt hält sich bei mittelständischen Unternehmen auf hohem Niveau. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen hat Liquiditätsüberschüsse, die sie anlegen wollen. In das eigene Unternehmen investieren derzeit nur wenige. „Wir sehen, dass Ersatzinvestitionen getätigt werden. Ganz neue Investitionen oder Aufbrüche in neue Märkte – das erleben wir derzeit nicht“ beschreibt Martin Keller die aktuelle Kreditnachfrage.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Zum 5. Mal hat die Fachhochschule des Mittelstands Unternehmen mit einem Umsatz von 5 bis 50 Millionen Euro und 10 bis 499 Mitarbeitern zu ihrem Anlageverhalten befragt. 129 Unternehmen haben an der Umfrage teilgenommen, mehr als die Hälfte davon gab an, einen Anlagebedarf zu haben. Ergänzt wurden die Ergebnisse der quantitativen Befragung durch Experteninterviews und einen Abgleich mit den praktischen Erfahrungen der Commerzbank.