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Regulierung mit Biss

Nun also auch JP Morgan! Ausgerechnet die Bank, die die Krise der vergangenen Jahre so gut wie kein anderes Geldhaus überstanden hat, deren Risikomanagement als vorbildlich gilt, und dessen Vorstandschef James Dimon von US-Präsident Barack Obama zuletzt noch als „smartester Banker“ geadelt wurde – ausgerechnet diese Bank verzockt jetzt Milliarden mit hochkomplexen Kreditderivaten. Die Vorfälle im Chief Investment Office in London entbehren nicht einer gewissen Ironie. Dimon gilt als einer der schärfsten Gegner einer strengeren Bankenregulierung. Vor allem die Volcker-Rule, die den Banken den hochspekulativen Eigenhandel untersagen soll, ist dem „König der Wall Street“ ein Dorn im Auge. Mutmaßlich sind die besagten Geschäfte der JP-Morgan-Trader in London nun genau das: Missglückte Spekulationen und nicht, wie von der Bank behauptet, „Sicherungsgeschäfte.“

Dabei ist der Verlust von mehr als 2 Milliarden US-Dollar längst nicht so dramatisch, wie es das mediale Echo Glauben lässt. Nicht einmal dann, wenn am Ende deutlich mehr als 4 Milliarden Euro Miese zu Buche schlagen. Was wahrscheinlich ist. Eine Bank mit einer solchen Ertragskraft steckt das weg. Was beunruhigt ist die Möglichkeit, dass es eben auch 20 oder 30 Milliarden US-Dollar hätten sein können. Und die Tatsache, dass ein effektives Risikomanagement in den Banken Wunschdenken bleibt. Es ist immer das gleiche Muster: Erfolgreiche Handelstische – und dazu zählte das Chief Investment Office von JP Morgan in London über Jahre – drehen, berauscht vom eigenen Erfolg und der eigenen Unfehlbarkeit, immer riesigere Räder – bis sie irgendwann das Glück verlässt. Dass dies auch bei den Londoner Tradern von JP Morgen so kommen würde hatte sich bereits Anfang April angedeutet als durchsickerte, welch riesige Positionen die Truppe in Kreditderivaten eingegangen war.

Ende Juli soll die Volcker-Rule festgeschrieben werden. Es ist zu hoffen, dass Dimon mit seiner Vermutung Recht behält, die Verluste würden „einer ganzen Reihe von Experten da draußen in die Hände spielen“. Die Verabschiedung neuer Gesetze und Richtlinien ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Was es vor allem braucht sind Regulierungsbehörden mit Biss. Es ist empirisch nachgewiesen, dass Sanktionen das beste Mittel sind, um übermäßige Risikobereitschaft zu bändigen. Langfristig ist das im Interesse aller Beteiligten.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

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