Hogan Lovells

16.11.15
Finanzierungen

„Fintechs sind für CFOs ein heißes Thema“

Fintechs können nicht nur Retail. Auch für CFOs werden die Finanztechnologien immer interessanter. Branchenexperte Dietmar Helms spricht über die spannendsten Geschäftsmodelle für Finanzchefs.

Fintechs sind derzeit in aller Munde und vor allem inzwischen auch in Deutschland. Im Retailgeschäft vermitteln sie günstige Kredite, sie ermöglichen Crowdfunding, suchen Sparern die attraktivsten Zinsangebote heraus und wickeln den Zahlungsverkehr schneller und günstiger ab als konventionelle Banken. Doch wie weit sind die Fintechs im Firmenkundengeschäft? Dietmar Helms ist Anwalt und Partner bei der internationalen Kanzlei Hogan Lovells und berät Fintechs am Kapitalmarkt. Zuletzt begleitete er die Übernahme des Rocket-Internet-Startups Zencap durch die britische Kreditplattform Funding Circle.

Herr Helms, Fintechs erleben in Deutschland derzeit einen echten Boom. Inwiefern können CFOs davon profitieren?
Da stimme ich Ihnen zu, in den deutschen Fintech-Markt kam zuletzt viel Bewegung. Im Retail-Markt sind die Fintechs zum Teil bereits ein wichtiger Bestandteil. Aber auch im Corporate Finance entstehen zunehmend neue Geschäftsmodelle, was das Ganze für die Finanzabteilung eines Unternehmens interessant macht. Großes Potential sehe ich hier vor allem in der Online-Kreditfinanzierung.

Wie genau sieht das Geschäftsmodell dieser Fintechs aus?
Die Fintechs punkten hier vor allem mit ihrer Flexibilität. Sie sind in der Lage, Kreditanträge extrem schnell auszureichen, oft innerhalb weniger Stunden oder maximal einem Tag. Sie beschränken das Kreditvolumen bewusst auf 250.000 Euro und sprechen deshalb derzeit vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, Selbständige und Freiberufler an, die bei der Bank schwerer an Kredite kommen. Die Fintechs besetzen also eine Nische und heben sich von den Banken ab.

Ein Konzern-CFO kann mit 250.000 Euro aber wenig anfangen. Werden sich die Volumina in absehbarer Zeit erhöhen?
Mit höheren Volumina müssten die Fintechs ihre Flexibilität und damit ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Banken aufgeben. Von daher denke ich nicht, dass die Fintechs in naher Zukunft große Sprünge bei den Kreditvolumina machen werden. Es wird graduell nach oben gehen. Funding Circle zum Beispiel verfolgt zusammen Zencap das ambitionierte Ziel, in zehn Jahren jährlich Kredite im Gesamtvolumen von 100 Milliarden Euro an Unternehmen vergeben zu wollen.

Bekommen die Fintechs nicht Probleme mit der Bafin, wenn sie ohne eine Banklizenz Kredite vergeben?
Die meisten Fintechs besitzen aktuell in der Tat keine Banklizenz. Die brauchen sie aber auch nicht, um rechtsgültig Kredite zu vergeben. Die Fintechs nutzen dazu hauptsächlich zwei Vehikel: Im Markt etabliert ist vor allem die sogenannte Fronting Bank. Sie vergibt den Kredit, behält ihn jedoch nicht in ihren Büchern, sondern verkauft ihn direkt weiter. Alternativ haben Fintechs seit diesem Mai die Möglichkeit, über einen Kreditfonds Darlehen auszugeben. Auch dafür benötigen sie keine Banklizenz. Ich erwarte deshalb von dieser Seite her keine weiteren Regulierungsmaßnahmen durch die Bafin.

Fintechs profitieren von Banken

Die Kredite müssen refinanziert werden. Wie stemmt das ein Fintech?
Zunächst behalten die wenigsten Fintechs die Kredite tatsächlich in ihren Büchern, sondern verkaufen sie gleich nach der Ausgabe an Investoren weiter. Generell finanzieren sich Fintechs hauptsächlich über besicherte und tranchierte Anleihen. Besichert sind die Papiere mit den Krediten, die sie vergeben. Die Senior-Tranchen machen derzeit rund 80 Prozent der Anleihe aus, je nach Risikoneigung der Investoren. Vor allem Banken sind von den Senior-Tranchen angetan, ich sehe aber auch neue Investoren wie Family Offices oder amerikanische Fonds, die starkes Interesse zeigen.

Die Kredite, die als Sicherheit dienen, werden von Banken oft abgelehnt. Das hat mit Sicherheit einen Grund. Was muss ein Fintech für solch eine Anleihe bezahlen?
Die Refinanzierungskosten fangen bei 5 Prozent an und gehen in der Spitze bis auf 12 oder 14 Prozent. Die Höhe der Kosten hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Zum einen der Granularität des Portfolios. Zum anderen von der historischen Performance. Die Senior-Tranchen werden aber sicherlich noch günstiger werden, da sie bald ein öffentliches Investmentgrade-Rating erhalten werden.

Könnte sich ein Fintech nicht günstiger refinanzieren, wenn es mit einer etablierten Bank kooperiert?
Banken refinanzieren sich derzeit noch deutlich günstiger. Meines Wissens profitieren Fintechs davon jedoch noch nicht so sehr. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Kooperation mit Banken auch in diese Richtung gehen wird. Ohnehin ist in den Geschäftsmodellen der Fintechs nicht per se verankert, die Banken angreifen zu wollen. Im Gegenteil: Fintechs sind auf Banken angewiesen, sie profitieren von der Kooperation. Sie können beispielsweise die Reputation und Glaubwürdigkeit der Bank nutzen, um so schneller an mehr Geschäft zu kommen. Auch die Verbindungen der Banken zu Unternehmen können Fintechs so besser anzapfen.

Und dennoch sind Fintechs für Banken in manchen Bereichen eine Bedrohung. Stichwort Cash Management.
Natürlich herrscht in machen Bereichen Wettbewerb, wie überall in der Wirtschaft. Betrachten wir zum Beispiel das Thema Blockchain: Hier forschen sowohl Fintechs als auch Banken. Momentan sind sie auf einem ähnlichen Niveau, der Wettlauf ist komplett offen. Auch im Cash Management und beim Zahlungsverkehr sind manche Fintechs schon sehr präsent. Mit Transferwise zum Beispiel können Unternehmen grenzüberschreitende Zahlungen deutlich schneller und günstiger abwickeln als mit Banken. Mir ist jedoch momentan noch kein Mittelständler bekannt, der sich im Corporate Finance den Fintechs verschrieben hat.

Abschließende Frage: Welches der Geschäftsmodelle hat für CFOs die höchste Relevanz?
Die Kreditvergabe ist meines Erachtens klar im Kommen, und damit für CFOs interessant. Sicher ist aber auch, dass sich das erst noch entwickeln muss. Potential sehe ich auch im Treasury und in der Vermittlung der Geldanlage. Im Retail-Bereich gibt es bereits Vermittlungsplattformen wie Savedo oder Weltsparen, die die besten Zinsangebote in Europa vergleichen. Dieses Geschäftsmodell lässt sich auch auf Firmenkunden skalieren, wie so vieles aus dem Retail-Markt.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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