30.04.12
Finanzierungen

„Leasing und Factoring werden unter Wert verkauft“

Wie schlagen sich Leasing und Factoring im derzeitigen Marktumfeld? Joachim Secker, Chef von GE Capital Germany, spricht über die Zukunftsaussichten der beiden Finanzierungsinstrumente.

Herr Secker, die Turbulenzen der Finanzmärkte lassen auch das Factoringgeschäft nicht ungeschoren. Wie wirken sich die Turbulenzen der letzten Monate aus?
Sie haben unterschiedliche Effekte. Auf der einen Seite haben die Euro- und Staatsschuldenkrise das Factoring geradezu beflügelt, denn immer mehr Mittelständler entdecken es für sich, um die Bankfinanzierung zu ergänzen. 2011 war ein neues Rekordjahr für die Factoringbranche. Auf der anderen Seite gehen die Turbulenzen natürlich nicht spurlos vorbei: Einige Anbieter haben sich aus dem deutschen Markt zurückgezogen, weil sie ihr Geschäft strategisch neu ausrichten. Andere, besonders bankunabhängige Gesellschaften, kämpfen um die Refinanzierung des Geschäfts.

Wir hören auch, dass Factoringanbieter Preise erhöhen und gleichzeitig die Möglichkeiten des Forderungsverkaufs einschränken wollen – gerade bei Forderungen aus den Euro-Peripherieländern. Bemerken Sie das?
Auch im Factoring wurden nicht immer risikoadjustierte Preise verlangt. Diejenigen, die über den Preis Marktanteile gewinnen wollten, versuchen jetzt, Preise zu erhöhen. Das kann sich rächen, denn Kunden honorieren abrupte Veränderungen nicht, sondern suchen nach einem nachhaltigen Partner.

Auch für Unternehmen nehmen die Risiken zu. Fürchten Sie angesichts der aktuellen Insolvenzen von Schlecker und Manroland eine neue Pleitewelle?
Die Schlecker-Pleite hat viele getroffen, auch uns. Sie war zwar ärgerlich, aber für uns nicht bedrohlich, da wir Wert darauf legen, durch unterschiedliche Kreditversicherungsgeschäfte abgesichert zu sein. Eine neue Pleitewelle kann ich aber nicht erkennen, auch wenn für die deutschen Mittelständler ein rauerer Wind weht.

In der letzten Krise sind besonders die Kreditversicherer in die Kritik geraten, da sie sich panikartig zurückgezogen haben. Haben sie daraus gelernt?
Ja, ich kann den Kreditversicherungen bislang ein gutes Zeugnis ausstellen. Allerdings kann man im Moment noch nicht genau sagen, wie sich das Jahr entwickeln wird. Wir wissen nicht, wie sich die Situation in Griechenland gestalten wird und welche Auswirkungen sie für uns hat. Aber auf diesem Land lag nie unser Fokus. Im Factoring haben wir eine Exportquote von 20 Prozent.

Neben Factoring ist Leasing ein wichtiger Bereich von GE Capital Deutschland. Wie hat sich denn das Leasinggeschäft im vergangenen Jahr entwickelt?
Wir haben das, was wir uns für 2011 vorgenommen hatten, erreicht. Im Leasinggeschäft hatten wir sowohl im Equipment als auch bei der Autofinanzierung verglichen mit 2010 ein erhebliches Wachstum im zweistelligen Bereich. Allerdings ist es kein Geheimnis, dass das unsichere Marktumfeld Leasingabschlüsse im vierten Quartal 2011 erschwert hat. Kunden haben Bestellungen verzögert oder sogar Finanzierungen angehalten. Diese Tendenz hat sich auch im ersten Quartal fortgesetzt.

Was erwarten Sie für das laufende Jahr?

Im Leasing gehen wir von einem moderaten Wachstum aus, auch wenn wir uns ein zweistelliges wünschen würden. Ob das jedoch der Markt hergibt, insbesondere zu auskömmlichen Preisen, ist jedoch ein anderes Thema. Die Refinanzierung ist für uns über den Mutterkonzern jedenfalls kein Problem.

Ändert sich die Kalkulationsbasis für Leasingverträge aufgrund der Marktsituation in der Euro-Zone?
Das würde ich im Moment noch nicht bestätigen, da ich derzeit, wie gesagt, von keiner neuen Pleitewelle ausgehe. Aber auch im Leasing wird nicht risikoadjustiert gepreist, vielleicht ist es sogar noch schlimmer als im Factoring. Beides wird unter Wert verkauft, und man kann keine Schwankungen ausgleichen. Unternehmen erwarten jedoch nicht, dass die Geldversorgung am billigsten sein muss. Sie sind im Zweifel bereit, auch mehr zu bezahlen.

Leasing steht durch regulatorische Schritte unter Druck. Welche Zukunft sehen Sie für das Leasing, das in Deutschland seinen 50. Geburtstag feiert?
Leasing als Produkt hat seine Daseinsberechtigung und gute Erfolgsaussichten. Es wird ein attraktives Produkt bleiben, auch wenn es in diesem Markt eine Konsolidierungsphase geben wird. Wenn man über die Zukunft von Leasing spricht, muss man die Auswirkungen von Basel III berücksichtigen. Für die Banken wird es schwieriger, mittel- und langfristige Kredite zur Verfügung zu stellen. Wir finanzieren heute schon alles fristenkongruent, weshalb wir nichts zu befürchten haben.

Herr Secker, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Joachim Secker (Jahrgang 1959) ist seit 1980 für die GE Capital Bank AG in Mainz tätig. 1992 berief ihn der Aufsichtsrat der GE Capital Bank zum stellvertretenden Vorstand der Gesellschaft, drei Jahre später wurde er zum ordentlichen Vorstandsmitglied ernannt. Seit Oktober 1999 steht er als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der GE Capital Bank. Seit 2008 hat er die Position des CEO von GE Capital in Deutschland inne und verantwortet neben dem Leasing- und Factoring-Geschäft u.a. auch die Bereiche Investitionskredit, Lagerfinanzierung und Fuhrparkmanagement sowie Fuhrparkleasing. Darüber hinaus vertritt der gelernte Industriekaufmann die Position des Verbandssprechers des Deutschen Factoring-Verbandes und ist Vorstandsmitglied des Bankenverbandes Rheinland-Pfalz.