Die Supply Chain Finance kann Kapitalflüsse entlang der Lieferkette verbessern. Finanzvorstände lassen Milliarden ungenutzt.

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19.02.14
Finanzierungen

Supply Chain Finance: CFOs schöpfen Finanzierungspotenzial nicht aus

Die Supply Chain Finance kann Kapitalflüsse entlang der Lieferkette verbessern. CFOs nutzen jedoch ein Finanzierungsvolumen von mehreren hundert Milliarden Euro nicht.

Unternehmen könnten sich durch die Erschließung alternativer Finanzierungsquellen große Chancen bieten, Wettbewerbsvorteile zu erreichen. Allerdings lassen CFOs ein Finanzierungsvolumen von mehreren hundert Milliarden Euro ungenutzt liegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der h&z Unternehmensberatung in Zusammenarbeit mit der Hochschule München unter europäischen Banken. Die größte Hürde für Supply Chain Finance (SCF) in Deutschland ist demnach Unwissenheit und Angst.

Bumerang-Effekt im Supply Chain Management

Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen kämpfen aufgrund ihrer geringeren Bonität mit steigenden Finanzierungskosten und erschwertem Zugang zu Krediten. Ein zusätzlicher Druck entsteht durch lokale Optimierungsansätze großer Unternehmen, insbesondere seitens Erstausrüstern, so genannten OEMs. Mit Fokus auf ihren eigenen Geschäftserfolg vernachlässigen sie die Situation ihrer Lieferanten.

Die Unternehmen verlängern die eigenen Zahlungsziele und wälzen Liquiditätsbereitstellung und Finanzierungskosten auf ihre Lieferanten ab. Dieses Verhalten trat verstärkt während und nach der Finanzkrise auf. „Es hat jedoch einen Bumerang-Effekt“, warnen Supply Chain-Experten. Denn die Folgen sind hohe Kapitalkosten, Liquiditätsengpässe, ein gestiegenes Lieferantenausfallrisiko und verschlechterte Beziehungen zwischen Abnehmer und Lieferant.

Supply Chain-Finanzierung bezieht Lieferant und Abnehmer ein

Der Ansatz von SCF berücksichtigt beide Seiten, die des Lieferanten und die des Abnehmers. Er basiert auf dem Grundgedanken einer ganzheitlichen unternehmerischen Orientierung an den Kapitalflüssen innerhalb der Lieferkette. Durch gemeinsame Maßnahmen von Käufern, Lieferanten und Banken lassen sich die Finanzierungskosten senken, sowie die gebundene Liquidität in der Lieferkette freisetzen. Es entsteht eine Win-win-Situation für Käufer, Lieferanten und Banken (s. Abb. 1).

Dabei umfassen die Maßnahmen neben bereits etablierten Konzepten wie zum Beispiel Leasing, Factoring oder Vendor Managed Inventory auch neue Ansätze wie etwa das Reverse Factoring oder das Cash-Forwarding. Durch die Vielzahl an Konzepten ermöglicht SCF einen umfassenden Beitrag, um die Kapitalflüsse zu verbessern. Mit einzelnen Maßnahmen können beispielsweise die Transaktionskosten pro Rechnung um 75 Prozent gesenkt werden. Ferner lässt sich bis zu 90 Prozent der gebundenen Liquidität aus Forderungen gegenüber Lieferanten freisetzen und die Finanzierungskosten für Bestände im Produktionsprozess um 20 Prozent senken (siehe Abb. 2).

Laut einer Studie des Working Capital-Spezialisten DEMICA, für die bereits 2012 die 50 größten europäischen Banken befragt wurden, beträgt das potenzielle Transaktionsvolumen mit SCF-Lösungen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich zusammen über 460 Milliarden Euro. Davon würden derzeit nur fünf bis zehn Prozent ausgeschöpft. Das unterstreicht auch die aktuelle Studie.

Unsicherheit als Hürde

Insbesondere bei kleinen und mittelständischen Unternehmen sind die Konzepte zur Optimierung finanzieller Flüsse kaum bekannt. Es bestehen eine große Unsicherheit und Vorbehalte gegenüber SCF-Maßnahmen. Die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen und ihr Beitrag zur Kapitalkostensenkung und Liquiditätssteigerung sind für viele nicht zu erkennen. Supply Chain-Manager von großen Unternehmen beklagen, dass ihre Zulieferer nicht an SCF-Maßnahmen interessiert sind und das Gefühl haben, übervorteilt zu werden.

Eine weitere nicht zu unterschätzende Hürde ist neben der mangelnden Bekanntheit auch die Vielschichtigkeit der Ansätze und ihre Komplexität. Das zeigt eine Studie der Nyenrode Business University aus dem Jahr 2013. Diese Komplexität erschwert es abzuschätzen, ob sich SCF eignet und welche Hebel  gestellt werden müssen. Eine Frage, die im Vordergrund bleibt ist: Wie und mit welcher Methode genau kann ich in der individuellen Situation entsprechende Vorteile für mich erschließen?

Reverse Factoring setzt Kapital frei

Ein Beispiel ist das Reverse Factoring. Unternehmen wie zum Beispiel Knorr Bremse und die Metro Tochter MIAG wenden es an. Das Reverse Factoring verdeutlicht auch das Konzept von SCF-Ansätzen.

Beim Reverse Factoring übernimmt eine Bank die Zwischenfinanzierung der Lieferantenforderung zu den Konditionen des Abnehmers, da dieser der Bank die Richtigkeit der einzelnen Forderungen bestätigt. Während der Lieferant ohne SCF die Ware bis zur Begleichung der Forderung durch den Kunden 50 Tage zu seinen Konditionen von 14,7 Prozent finanzieren muss, übernimmt beim Reverse Factoring eine Bank die Finanzierung der Ware und zwar zu den Konditionen des Kunden (7,4 Prozent).

Der Lieferant muss den Rechnungsbetrag lediglich rund fünf Tage finanzieren, das heißt bis zum Zahlungseingang durch die Bank. Dadurch reduzieren sich die Finanzierungskosten um circa 50 Prozent. Gleichzeitig wird 90 Prozent des gebundenen Kapitals freigesetzt.

CFOs müssen sich aber nicht nur mit den Konzepten und Wirkungsmechanismen vertrauter machen, sie müssen auch die Vor- und Nachteile von SCF klar kommunizieren, um ihre Lieferanten zu überzeugen. Vor allem aber ist die Wahl des richtigen Konzeptes für den Erfolg ausschlaggebend. Situation, Branche, Unternehmensgröße und Lieferantenstruktur haben darauf einen großen Einfluss.

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Thomas Mrozek ist Partner bei der Unternehmensberatung h&z und verantwortlich für den Themenbereich Supply Chain-Management.