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Finanzierungsfrage bildet Engpass für Genossenschaften

Die Finanzierungsaussichten von genossenschaftlichen Unternehmen verschlechtern sich. Sie müssen auspassen, dass sie deshalb nicht ins Schlittern geraten.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Die Diskussionen um Themen wie Ethik, Moral und Nachhaltigkeit beflügelt auch die Neugründungen von genossenschaftlich organisierten Unternehmen. Deshalb ist es kein Wunder, dass das Genossenschaftswesen und dessen Grundwerte derzeit eine Renaissance erleben. Unternehmen mit der  Rechtsform der Genossenschaft weisen darüber hinaus statistisch die mit Abstand höchste Eigenmittelquote und gleichzeitig die geringste Insolvenzquote auf – eigentlich sollten dies gute Voraussetzungen für eine positive Einschätzung der Organisationsform Genossenschaft durch die Kreditgeber sein.

Doch die Studie „Genossenschaften aus Finanzierersicht“ des Beratungshauses Dr. Wieselhuber & Partner, an der 175 Entscheider aus dem gesamten Bankensektor teilgenommen haben, kommt zu einem völlig anderen Bild: Genossenschaften können bei derFremdkapitalversorgung nicht von der gesellschaftlichen Wertediskussion und dem positiven Image der Rechtsform profitieren. Sie haben sogar eher Nachteile.

Genossenschaften haben Nachteile im Unternehmensrating

Für rund die Hälfte der Befragten – rund 44 Prozent davon sind in der Firmenkundenbetreuung und 35 Prozent in der Sanierung oder Sonderbetreuung tätig – hat die Rechtsform der Genossenschaft einen negativen Einfluss auf das Unternehmensrating. Die Gründe hierfür liegen überwiegend in der kleinteiligen Gesellschafterstruktur und der Zwitterstellung, das heißt der gleichzeitigen Lieferanten-, Abnehmer- und Gesellschafterposition der Mitglieder. Kritisch sehen die Banker auch die ehrenamtlichen Aufsichtsgremien und die Höhe der Eigenkapitalausstattung von Genossenschaften.

Die Bereitschaft der Banken, genossenschaftliche Unternehmen zu finanzieren, ist bei 43 Prozent der Befragten grundsätzlich gering und wird sich zukünftig bei 41 Prozent noch weiter verschlechtern. Lediglich 22 Prozent stehen Finanzierungsanfragen von Genossenschaften generell positiv gegenüber und 10 Prozent sehen zukünftig sogar eine höhere Finanzierungsbereitschaft (siehe Abb. 1, Mehrfachnennungen möglich). Die sich Finanzierungsaussichten für genossenschaftliche Unternehmen verschlechtern sich also tendenziell. Dies überwiegend die Umfrageteilnehmer mit dem Einfluss von Basel III. Den Genossenschaften wird die Erfüllung der verschärften Kreditanforderungen offenbar nur sehr eingeschränkt zugetraut, die Eigenkapitalanforderungen an diese Unternehmensind sogar höher als an andere Rechts- und Unternehmensformen.

Eine Divergenz in der Einschätzung von Geschäftsbanken und Sparkassen auf der einen und den befragten Genossenschaftsbanken auf der anderen Seite, insbesondere was die zukünftige Finanzierungsbereitschaft anbelangt, lässt auf einen Rückzug der nicht genossenschaftlichen Banken schließen. Genossenschaften werden Fremdkapital künftig also überwiegend nur noch im Genossenschaftssektor aufnehmen können.

Genossenschaften müssen sich zunehmend über Eigenmittel finanzieren

Nach Meinung der Banken werden sich Genossenschaften zukünftig verstärkt über Gewinnthesaurierung und Gesellschaftermittel finanzieren müssen. Die klassische Fremdkapitalbeschaffung über Bankdarlehen wird stark an Bedeutung verlieren und teilweise durch Asset-bassierte Finanzierungsformen wie Leasing oder Factoring ersetzt werden müssen.

Die Genossenschaften sind also gefordert die rechtsformspezifischen Nachteile zu überwinden, indem sie sich Eigenkapital beschaffen. Wesentlicher Hebel hierfür ist ein robustes und zukunftsfähiges Geschäftsmodell – zu diesem Schluss kommen über 90 Prozent der Teilnehmer der Studie.

Info

Der Autor

Christian Groschupp ist Senior Manager im Bereich Restructuring&Finance bei Dr. Wieselhuber & Partner. Seine Schwerpunkte liegen in der Erstellung und Prüfung von Sanierungskonzepten, der Umsetzungsbegleitung (CRO, u.a. bei einer genossenschaftlichen Molkerei) sowie der Begleitung von M&A-Prozessen in der Sanierung.