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Raus aus den Staatskrediten

Für Augsburg war es ein Schock: Kaum jemand hatte in der Stadt vor den Toren Münchens mit der drohenden Insolvenz des Kuvertiermaschinenherstellers Böwe Systec gerechnet. Sie kam im Mai 2010, genau einen Tag nachdem die Geschäftsleitung ihren 600 Mitarbeitern noch versichert hatte, dass sie beruhigt in den Urlaub fahren könnten. Doch es zeigte sich: Trotz gut gefüllter Auftragsbücher mit einem Volumen von rund 18 Millionen Euro erwies sich der Schuldenberg im dreistelligen Millionenbereich als zu hoch. Mittlerweile hat die Lübecker Possehl-Gruppe den Betrieb des Europa- und Japangeschäfts im Rahmen eines Assetdeals übernommen. Um die Finanzverbindlichkeiten über 240 Millionen Euro kümmert sich der Augsburger Insolvenzverwalter Werner Schneider.Nun bangen die Gläubiger um ihr Geld. Dazu gehören Banken, Mezzanine- Programme und auch die Staatsbank KfW. Hintergrund: Böwe hatte im August 2009 noch ein Darlehen aus dem KfW-Sonderprogramm erhalten. Ursprünglich waren damals 24 Millionen Euro für einen syndizierten Kredit mit Beteiligung der KfW im Gespräch gewesen. Die tatsächlich ausgezahlte Summe liegt allerdings darunter, meint ein mit dem Unternehmen vertrauter Berater. Wie viel die KfW von dem Kredit abschreiben muss, wird sich erst gegen Ende des Jahres zeigen. Dann soll auch der Verkauf des schwedischen und USamerikanischen Böwe-Geschäfts unter Dach und Fach sein. Mit Einbußen ist erfahrungsgemäß zu rechnen.

Einstige Giganten
 
Auch im 200 Kilometer entfernten Freudenstadt herrscht Katerstimmung, nachdem der ehemalige Druckgigant Schlott zu Jahresbeginn Insolvenz anmelden musste. Weder der KfW-Kredit mit einem Volumen von 50 Millionen Euro, den das Unternehmen laut Geschäftsbericht 2008/2009 in Anspruch nahm, noch der krisenerprobte CFO Heiko Arnold konnten Schlott retten. Das Aus für Quelle und damit auch der Wegfall des Katalogauftrags brachten das Fass zum Überlaufen. Bislang sind die (öffentlich bekannten) Pleiten mit Staatskredit nur Einzelfälle. “Doch wenn man sich anschaut, wer die Kredite bekommen hat, war das ja nicht immer der Branchenprimus“, sagt Sven-Erik Gless, Partner bei FMC. Zudem drängt sich die Frage auf, ob die Staatskredite das Sterben nur ein wenig hinausgezögert, nicht aber verhindert haben. Wäre das der Fall, dann wäre es eine teure Verschiebung der Kreditvergabe von den Privatbanken in die öffentliche Hand.

Massiver Einstieg
Abgesehen von dieser wirtschaftspolitischen Frage war für CFOs der massive Einstieg der KfW in die Kreditvergabe im Dezember 2008 ein Segen. Mit dem zur Hochzeit der Krise aufgelegten Programm sollten in finanzielle Schwierigkeiten geratene Unternehmen gestützt werden. Insgesamt gingen bis zum Auslaufen des Programms Ende 2010 rund 24 Milliarden Euro an beantragten Krediten ein. Seit dem Programmstart erteilte die KfW Kreditzusagen in Höhe von 13,5 Milliarden Euro. Insgesamt sind rund 6.700 Anträge bei der KfW eingegangen, knapp 5.000 wurden bislang bewilligt. Ein Antragsnachhang von etwa 5 Prozent wird derzeit noch von der KfW bearbeitet. Im Rahmen des Sonderprogramms finanzierte die Bank erstmals auch Großunternehmen und Konzerne mit einem Umsatz von mehr als 500 Millionen Euro. Das war notwendig geworden, da den Geldhäusern durch die Finanzmarktkrise das Kapital fehlte, um die kriselnden Unternehmen zu stützen. Nach Basel II galt die Regel: Je schlechter die Bonität des Kreditgebers, desto höher das eingesetzte Eigenkapital. Es zeigte sich zwar, dass die Auswahlkriterien nicht zu weich waren. Zweifelhafte Anträge wie von der Karstadt-Mutter Arcandor (seit Jahren in der Krise) und Porsche (selbstverschuldete riskante Übernahmestrategie) wurden abgeschmettert. Doch es drängte sich der Eindruck auf, dass sich Banken durch das Staatsangebot über die Maßen zurückziehen und das Ausfallrisiko letztendlich auf den Steuerzahler abwälzen (FINANCE Juli/August 2009).

Wackelkandidaten

Wie viele der ausgezahlten Kredite gefährdet sind, ist jedoch nicht bekannt. „Derzeit gibt es noch ein paar Wackelkandidaten im Portfolio“, sagt KfW-Sprecher Wolfram Schweickhardt, ohne aber Namen zu nennen. Der prominenteste Sanierungsfall mit KfW-Kredit dürfte derzeit Pfleiderer sein. Der Holzverarbeiter aus Neumarkt hatte noch im Januar 2010 rund 140 Millionen Euro von der Staatsbank erhalten. Nach einem miserablen Geschäftsjahr 2010 laufen jetzt Restrukturierungsverhandlungen. Kommt es zur derzeit diskutierten Lösung, müssten die Senior-Gläubiger – unter ihnen auch die KfW – auf rund 40 Prozent ihrer Forderung, also 56 Millionen Euro, verzichten (FINANCE Seite 50). Hier zeigt sich, dass die bei Programmstart aufgekommenen Befürchtungen teilweise eingetreten sind. Denn die KfW-Kredite haben mancherorts zu Wettbewerbsverzerrungen geführt. „Einige hätte man lieber über die Wupper gehen lassen sollen“, gibt ein Berater zu bedenken.

S.A.G. tilgt

Bei anderen Unternehmen sieht es allerdings weniger düster aus. So hat das Solarunternehmen S.A.G. Solarstrom aus Freiburg den aus heutiger Sicht teuren
Staatskredit bereits teilweise getilgt. Das ursprüngliche Volumen von 10 Millionen Euro reduzierten die Freiburger so zum Ende des Jahres 2010 auf 8,75 Millionen Euro. „Damals hat uns das Darlehen bei der Umsetzung unseres Expansionsprozesses während der ausgehenden Finanzkrise gut geholfen“, betont Finanzvorstand Christoph Koch. „Aufgrund des Wachstums des Unternehmens hat die S.A.G. Solarstrom AG heute natürlich auch höhere Finanzbedarfe.“ Die Ablösung des KfW-Darlehens könne durch marktgängige
Bankkredite beziehungsweise durch den operativen Cashflow erfolgen. „Das Darlehen läuft allerdings noch drei Jahre“, sagt Koch. Dem Solarspezialisten gelang es erst jüngst, eine Anleihe zu platzieren, die finanzielle Zukunft scheint gesichert.

Erfolgreich refinanziert

Noch besser steht es um Heideldruck, ein Positivbeispiel für die erfolgreiche Refinanzierung des KfW-Kredits. Schon zu Beginn des Jahres meldete der Hersteller von Druckmaschinen die vollständige und vorzeitige Tilgung des Kredits mit einem Volumen von ursprünglich 300 Millionen Euro mit einer Laufzeit bis 2012. Davon wurden jetzt die verbliebenen 100 Millionen 
Euro getilgt. Zur Refinanzierung weiterer, teilweise mit Landesbürgschaften
abgesicherter Kreditlinien hat Heideldruck Anfang April noch eine Hochzinsanleihe mit einem Volumen von 304 Millionen Euro platziert. Doch es scheint außer Frage, dass weitere Pleiten folgen werden. „KfW-Kredite tauchen bei Insolvenzfällen immer wieder auf“, sagt auch der Berater, der nicht genannt werden möchte. „Sie sind für uns keine Unbekannten.“ In den kommenden Jahren dürften die Pleitefälle noch zunehmen. Laut statistischen Erhebungen, beispielsweise der Ratingagentur Standard & Poor’s, steigt die Kreditausfallrate, über die Laufzeit gesehen, an. Bei den meisten Unternehmen, setzt man die Standards der Ratingagenturen an, handelt es sich um Investments im hochspekulativen Bereich. Zum Vergleich: Nach Informationen von S&P liegen die historischen Kreditausfallraten, bezogen auf den Zeitraum zwischen 1981 und 2009, für Ratings im Speculative Grade bei knapp 26 Prozent. Das bedeutet, dass im statistischen Ernstfall rund ein Viertel der Kredite ausfallen könnte. Dann wären Böwe Systec und Schlott nur der Anfang.

Echte Eleichterung

Für eine abschließende Bewertung ist es noch zu früh, laufen die Kredite doch zwischen zwei und acht Jahren. Dass bislang die große Pleitelawine ausgeblieben ist, ist hauptsächlich das Verdienst der guten Konjunktur. Sie sorgte bei vielen Unternehmen für Rückenwind. Am Ende könnte die Rechnung auch aus wirtschaftspolitischer Sicht aufgehen, dass der Staat zeitweise ein dysfunktionales Kreditsegment übernommen hat. Niemand möchte wissen, was passiert wäre, wenn die Wirtschaft nicht so schnell wieder angezogen hätte. Für CFOs ist das Resümee klar: Das KfW-Programm war eine echte Erleichterung für die Finanzierung „ihrer“ Unternehmen in der Krise. Beflügelt durch die Konjunktur, nutzen sie jetzt die Gelegenheit, die teuren Kredite abzulösen – wenn sie dazu noch in der Lage sind.

anne-kathrin.meves(*)finance-magazin(.)de

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