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S&P steigt in die Bonitätsbewertung für Mittelständler ein

S&P hat nun auch eine explizit auf mittelständische Emittenten zugeschnittene Bonitätsbewertung.
S&P

Die Ratingagentur Standard & Poor’s drängt auf den Markt der Bonitätseinschätzungen für den Mittelstand. Dazu präsentierte das Unternehmen am Dienstag zeitgleich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien ihr neues Produkt Mittelstands-Bonitätseinschätzung (Mid-Market Evaluation). S&P zielt mit der neuen Dienstleistung ausschließlich auf das Segment der privaten Kreditmärkte, das hierzulande vor allem vom Schuldscheinmarkt dominiert wird. Inzwischen gibt es schuldscheinähnliche Instrumente aber auch in Frankreich und in Großbritannien. Europaweit wurden im vergangenen Jahr rund 20 Milliarden US-Dollar über solche Privatplatzierungen aufgenommen. S&P erwartet in den kommenden Jahren ein dynamisches Wachstum in diesem Segment und will mit der Mittelstands-Bonitätseinschätzung eine europaweite Benchmark zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit mittelständischer Emittenten etablieren.

Kein Ersatz für Kreditratings

S&P adressiert mit dem neuen Service europaweit einen potentiellen Pool von rund 8.500 mittelständischen Emittenten. Allein in den drei Kernmärkten Deutschland, Frankreich und Großbritannien, in denen das Produkt in einem ersten Schritt eingeführt wird, sind es gut 5.400 Unternehmen, die in die eigene Mittelstandsdefinition eines Jahresumsatzes zwischen 100 Millionen und 1.5 Milliarden Euro und einer Gesamtverschuldung zwischen 50 und 500 Millionen Euro passen. „Im Vergleich zu den traditionellen Kreditratings von Standard & Poor’s basiert die Mittelstands-Bonitätseinschätzung zwar auf der Ratingmethodik für Corporates mit den Schwerpunkten Liquidität, Umsatzhöhe, Unternehmenssteuerung und -steuerung sowie Finanzpolitik“, erklärt Tobias Mock, Managing Director und Lead Analytical Manager Corporate Ratings EMEA bei S&P. Sie sei jedoch explizit nicht mit einem Kreditrating vergleichbar.

Augenscheinlichstes Beispiel dafür ist die neue Skalierung, die von der bekannten 21-stufigen S&P-Ratingskala abweicht und nur acht verschiedene Bonitätseinstufungen repräsentiert. Die einzelnen Noten (MM1 bis MM8) sagen auch nichts über die absolute Ausfallwahrscheinlichkeit aus, sondern liefern eine relative Einschätzung des Emittenten innerhalb des von S&P definierten Universums Europäischer Mittelstand. S&P verortet die Note MM1 irgendwo im Bereich BBB auf ihrer globalen Ratingskala. Um das Verlustpotential einer Emission abzuschätzen vergibt S&P zusätzlich zur Emittentenbewertung noch eine Indikation über die Erlösquote. Ein Plus steht dabei für eine hohe Besicherung der Emission und eine daraus abgeleitete Erlösquote von mindestens 70 Prozent, ein Minus für eine entsprechend niedrigere Besicherung der Emission. Das Bezahlmodell für die Mittelstands-Bonitätseinschätzungen orientiert sich an dem der traditionellen Kreditratings: Der Emittent zahlt und zwar 40.000 Euro jährlich.

Stärkere Nachfrage nach Bonitätseinschätzungen

S&P rechnet in Anbetracht der sich veränderten Rahmenbedingungen in der Unternehmensfinanzierung mit einer stärkeren Nachfrage nach Bonitätseinschätzungen, insbesondere im Mittelstand. „In den nächsten fünf Jahren benötigen mittelständische Unternehmen in Europa Finanzierungen im Volumen von bis zu 3,5 Billionen Euro“, schätzt Torsten Hinrichs, Geschäftsführer bei S&P Ratings Services in Frankfurt. Da die Banken die Kreditvergabe an den Sektor zurückfahren werde es schwierig, die Finanzierungsbedürfnisse in den nächsten Jahren zu decken. In Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Italien zeige sich das Problem schon heute. Parallel dazu gebe es eine Reihe institutioneller Investoren, die ein größeres Exposure in der Anlageklasse Mittelstand suchten. Europas größter Versicherer Allianz etwa will das Kreditgeschäft mit Immobilien, Unternehmen und Infrastrukturprojekten in Deutschland mittelfristig auf 25 Milliarden Euro ausbauen. Auch der französische Konkurrent Axa geht diesen Weg. Der Konzern hat dafür jüngst eine Kooperation mit der Commerzbank geschlossen und will in den kommenden zwei Jahren rund 500 Millionen Euro an Mittelstandskrediten in Deutschland ausreichen.

In diesem Spannungsfeld sieht Hinrichs eine Marktlücke für Mittelstands-Bonitätseinschätzungen – und zwar sowohl bei den Emittenten, die sich damit neue Finanzierungsquellen und Investorengruppen erschließen könnten, als auch bei den Investoren, für die damit die Assetklasse Mittelstand transparenter würde. Die Berührungsängste mittelständischer Emittenten dürften auch wegen des schlankeren Analyseprozesses und der eingeschränkten Publizität nicht allzu hoch ausfallen, erwartet Hinrichs: „Der Mittelständler entscheidet wer die Bonitätsbewertung sieht und wer nicht.“

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

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