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23.01.18
Finanzierungen

Aurelius, Nordex & Co. prägen das Shortseller-Jahr 2017

2017 war ein packendes Shortseller-Jahr: Ein aggressiver Hedgefonds vernichtete kurzzeitig fast die Hälfte von Aurelius‘ Börsenwert. Die Spekulanten triumphierten außerdem bei Nordex und nutzten den Diesel-Skandal für Short-Investments in diverse Autozulieferer.

Börsenspekulanten haben auch 2017 wieder ausgiebig auf fallende Aktienkurse deutscher Unternehmen gewettet. Die sogenannten Shortseller, auch Leerverkäufer genannt, haben laut Angaben des Bundesanzeigers im vergangenen Jahr rund 4.000 Leerverkaufspositionen eröffnet, verändert oder geschlossen. Der aktivste Monat war mit 416 registrierten Trades der März. Er verzeichnete auch die höchste Short-Position des Jahres überhaupt, als der Asset-Manager Point 72 auf 3,73 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals des Immobilieninvestors Altisource Portfolio Solutions wettete.

Shortseller leihen sich bei Banken und Brokerhäusern Aktien, um die Papiere anschließend zu verkaufen. Ist der Kurs wie erhofft gesunken, kaufen sie die Aktien, die sie nie besaßen, am Markt billiger zurück und returnieren sie an die Bank oder den Broker. Seit März 2012 müssen solche Leerverkäufe im Bundesanzeiger veröffentlicht werden, wenn sie mindestens 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienvolumens des betroffenen Unternehmens ausmachen. Damit werden zwar nicht alle, aber die größten Leerverkäufe erfasst.

Gotham City Research attackiert Aurelius

Die spektakulärste Wette lieferte Gotham City Research. Ende März veröffentlichten die US-Amerikaner ein kontroverses Papier, in dem sie den börsennotierten Private-Equity-Investor Aurelius hart angingen. Dessen Kurs brach innerhalb weniger Tage um 42 Prozent von 67 auf 38 Euro ein. Mit dem Angriff wurde auf einen Schlag beinahe die Hälfte des Börsenwertes von Aurelius vernichtet – fast 1 Milliarde Euro.

Doch Aurelius ging in die Gegenoffensive, entkräftete sich gegen die Vorwürfe und kündigte zwei Aktienrückkaufprogramme an, die dem Aktienkurs zusätzlich Halt gaben. Deshalb – und wohl auch, weil Gotham seine Short-Positionen wenig später wieder schloss – erholte sich der Kurs wieder und beendet das Jahr bei 60 Euro. Der Profit für Gotham City Research dürfte bei dieser Wette, deren Mechanismus viel Kritik erfuhr, trotzdem stattlich gewesen sein. 

Aurelius: Fast 1 Milliarde Euro Börsenwert vernichtet

Aurelius Aktie

Aurelius Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Leerverkäufer antizipieren Nordex-Gewinnwarnung

Ein beliebtes Ereignis für Shortseller sind nicht nur schwer durchschaubare Bilanzen wie im Fall Aurelius, sondern auch Gewinnwarnungen. Leerverkäufer haben dafür oft ein gutes Gespür und bauen kurz vor der Ad-hoc-Mitteilung des Unternehmens ihre Short-Position auf. So geschehen Mitte Februar beim Windturbinenhersteller Nordex. Der Bundesanzeiger verzeichnete damals gleich 14 offene Leerverkaufspositionen.

Als der TecDax-Konzern dann eine Umsatz- und Gewinnwarnung für das Geschäftsjahr 2017 herausgab, sackte der Aktienkurs um 15 Prozent auf 13,40 Euro ab, im Jahresverlauf ging es sogar noch weiter bergab. Die Aktie schloss am Ende bei 9 Euro und hat erst in den ersten Januarwochen zu einer Erholung angesetzt.

Shortseller profitieren vom Dieselskandal

Mit Aurelius (102 Trades) und Nordex (154 Trades) haben die Leerverkäufer im vergangenen Jahr ordentlich verdient. Auf andere Unternehmen wurde laut Bundesanzeiger noch häufiger gewettet.

Die größte Shortseller-Aktivität wurde bei dem SDax-Unternehmen Bertrandt verzeichnet. Der Ingenieursdienstleister für die Autoindustrie litt stark unter den Reaktionen der Autokonzerne auf den Dieselskandal, die daraufhin viele Outsourcing-Aufträge auf Eis legten.

Shortseller wetteten insgesamt 247 Mal auf den Fall der Aktie und profitierten von zwei größeren Kursrutschen Anfang Mai und Mitte August. Bertrandt war zu einer Gewinnwarnung gezwungen, nachdem der wichtige Kunde Volkswagen Aufträge verschoben hatte und auch Audi mehr interne als externe Ingenieure einsetzte.

K+S, Adva und Hugo Boss beglücken Leerverkäufer

Shortseller lieben auch Unternehmen, die mit strukturellen Problemen kämpfen oder vor tiefgreifenden Veränderungen stehen. Der unter Preisrückgängen und Produktionsproblemen leidende Salz- und Düngemittelkonzern K+S gehört schon seit Jahren zu den Lieblingszielen der Leerverkäufer. Auch 2017 verzeichnete der Bundesanzeiger wieder 222 Trades von Leerverkäufern mit K+S.

Der dritte Platz geht mit 192 Trades an den Netzwerkausrüster Adva Optical. Der Kurs des TecDax-Unternehmens startete mit 8 Euro in das Jahr und kletterte zunächst auf 10 Euro. Doch ab Juni ging es steil bergab, das Unternehmen hatte seine Aktionäre mit einer Gewinnwarnung für das dritte Quartal verschreckt. Der Kurs sank bis auf 4,30 Euro.

Beliebt bei Shortsellern war 2017 mit 174 Trades auch die Aktie des im MDax notierten Modeunternehmens Hugo Boss, die Ende Oktober kurzzeitig auf 67 Euro einbrach, als die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ankündigte, Ermittlungen wegen mutmaßlichen Insiderhandels im Zusammenhang mit der Gewinnwarnung aus dem Jahr 2016 aufzunehmen.

Shortseller verspekulieren sich bei Aixtron

Ähnlich wie K+S taucht auch Bilfinger regelmäßig in den Shortseller-Listen auf. Das SDax-Unternehmen landete mit 155 Trades auf dem fünften Platz. Die Aktie ist ein interessantes Ziel für Leerverkäufer, weil Bilfinger den tiefgreifenden Umbruch von einem Baukonzern zu einem Industriedienstleister bislang miserabel bewältigt. Der Aktienkurs schwankte im Jahresverlauf sehr stark, was den Shortsellern immer wieder gute Gewinnmöglichkeiten eröffnete.

Die Shortseller liegen mit ihren Spekulationen zwar erstaunlich oft richtig, doch auch 2017 gab es mit Aixtron ein Unternehmen, dessen steigender Aktienkurs den Leerverkäufern missfallen haben dürfte. Stand der Chipanlagenbauer Ende 2016 noch mit dem Rücken zur Wand, als ein Verkauf nach China am Veto der US-Regierung scheiterte, verschaffte sich das Unternehmen im Mai 2017 wieder Luft, indem es einen Großteil seines USA-Geschäfts nach Korea verkaufte. Der Aktienkurs hat sich im Jahresverlauf – ausgehend von 3,20 Euro – in etwa vervierfacht.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Die Shortseller-Attacken auf Aurelius, Ströer und Wirecard waren spektakulär. Auch große Konzerne wie die Deutsche Bank stehen im Visier. Mit der FINANCE-Themenseite bleiben Sie auf dem Laufenden.