/ Der Shortseller Ontake hat Aurelius ins Visier genommen. Jetzt holt die Beteiligungsgesellschaft zum Gegenangriff aus.

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04.02.20
Finanzierungen

Aurelius wirft Leerverkäufer Ontake Fälschung vor

Vor wenigen Tagen brachte ein Report des Leerverkäufers Ontake die Aurelius-Aktie zum Einsturz. Nun holt die Beteiligungsgesellschaft zum Gegenangriff aus – und spricht von „falschen, irreführenden und fingierten Behauptungen“.

Aurelius setzt sich zur Wehr: Die börsennotierte Beteiligungsgesellschaft hat eine 14-seitige Stellungnahme veröffentlicht, in der sie auf Vorwürfe des Leerverkäufers Ontake Research eingeht, der eine Short-Position in der Aktie hält. Ontake hatte am Donnerstag vergangener Woche einen 48-seitigen Report veröffentlicht, in dem das Haus dem Aurelius-Management Bilanzungereimtheiten vorwarf. Die Aktie brach daraufhin zeitweise um 18 Prozent ein und liegt trotz einer leichten Kurserholung immer noch fast 10 Prozent unter dem Kurs vor der Shortseller-Attacke.

In der Stellungnahme spart Aurelius nicht mit harten Worten: Der Ontake-Bericht führe eine Reihe von Vorwürfen auf, die „auf einer Zusammenstellung falscher, irreführender und fingierter Behauptungen basieren, die darauf abzielen, den Kurs der Aurelius-Aktie zu manipulieren“.

Aurelius: „Kaufpreise sind nicht überhöht“

Brisant ist, dass Ontake neben Kritik an der vermeintlich zu hohen Vergütung der Aurelius-Führung vor allem drei der größten und nach Aurelius-Angaben erfolgreichsten Exits der Unternehmensgeschichte ins Visier nimmt. Ontake mutmaßt, dass Aurelius insgesamt rund zwei Drittel weniger Mittel aus dem Verkauf dieser drei Unternehmen zugeflossen sind als angegeben.

Im Detail stößt sich Ontake etwa an dem Kaufpreis für das ehemalige Portfoliounternehmen Secop. Aurelius soll das Unternehmen für 185 Millionen Euro verkauft haben, zugeflossen seien der Beteiligungsgesellschaft aber nur 71 Millionen Euro vom Käufer Nidec, moniert das Research-Haus.

Diese Diskrepanz erklärt Aurelius so: Bei den 185 Millionen Euro handele es sich um den Unternehmenswert, der Equity Value betrage 140 Millionen Euro, wovon 71 Millionen Euro auf Anteile und 69 Millionen Euro auf historisch vorhandene Gesellschafterdarlehen entfallen würden. Letztere habe Ontake bei seiner Berechnung „schlichtweg vergessen“.

Aurelius wirft Ontake falsche Berechnungen vor

Und auch die Angaben zum Kaufpreis für das im Juni vergangenen Jahres verkaufte Portfoliounternehmen Solidus hält Ontake für überhöht: So habe Aurelius zwar einen Preis von 330 Millionen Euro angegeben, laut einer Anleihepräsentation seien der Beteiligungsgesellschaft aber nur 185 Millionen Euro zugeflossen.

Auch das ist laut Aurelius eine falsche Berechnung: Bei den 330 Millionen Euro handele es sich um den Unternehmenswert. Abzüglich Nettoverschuldung und Transaktionskosten seien Aurelius 221 Millionen Euro zugeflossen (Net Cash Proceeds). Die erwähnten 185 Millionen Euro habe Ontake einer Präsentation vom September 2019 entnommen – weitere liquide Mittel seien aber im Oktober geflossen, und eine letzte Tranche des Kaufpreises werde in Kürze gezahlt, so die Rechtfertigung.

Auch zu dem 2017 verkündeten und auch damals als ausgesprochen erfolgreich bezeichneten Verkauf von Getronics formuliert Ontake Zweifel. Der Käufer Bottega habe gar nicht über die Mittel verfügt, um den damals genannten Preis von 220 Millionen Euro zu bezahlen, glaubt der Shortseller. Aurelius kontert mit dem Verweis auf die Geldgeber hinter diesem Deal: Ontake übersehe, dass finanzstarke Kapitalgeber wie White Oak Global Advisory, Permira und H.I.G. Whitehorse den Deal finanziert hätten. Den Kaufpreis habe man längst in voller Höhe erhalten.

Hat Ontake gefälscht und manipuliert?

Die plakativste der vielen von Ontake vorgebrachten Zahlen ist vermutlich jene zum Portfoliowert des deutschen Turnaround-Investors. Während Aurelius den aktuellen Nettovermögenswert (Net Asset Value: NAV) auf 934 Millionen Euro taxiert, kommt Ontakt lediglich auf 257 Millionen Euro. Dies geht darauf zurück, dass Ontake für die Bewertung deutlich niedrigere Gewinne der Aurelius-Unternehmen ansetzt wie die Münchener selbst.

Auch hiergegen verwahrt sich Aurelius – in der Tonalität sogar noch stärker als gegen die übrigen Anschuldigungen: „Ontake bedient sich manipulativer Methoden, um Investoren in die Irre zu führen.“ Bei manchen Tochterunternehmen habe Ontakt sogar ganze Geschäfte und die damit erzielten Gewinne in bestimmten Ländern „ignoriert“, so Aurelius.

„Das ist ein besonders gravierendes Beispiel für betrügerische Praktiken von Ontake.“

Stellungnahme von Aurelius

Besonders bizarr ist, dass Ontake nach Aussage von Aurelius sogar Präsentationsfolien des Finanzinvestors gefälscht haben soll: „Das ist ein besonders gravierendes Beispiel für die betrügerischen Praktiken von Ontake.“ So habe der Shortseller mittels Cut & Paste aus zwei verschiedenen Folien, die aus zwei unterschiedlichen Präsentationen stammen, eine neue zusammengesetzt und die Quellenangabe „verschleiert“, um seine Argumentation zu untermauern.

Dass Ontake moniert, die Aurelius-Holding „verbrenne“ 36 Millionen Euro pro Jahr, Aurelius die nicht durch Managementgebühren der Portfoliounternehmen gedeckte Lücke hingegen lediglich auf 5 Millionen Euro beziffert, kann schon fast als Fußnote in dieser erbitterten Fehde gelten. Denn die Zuspitzung findet der Konflikt in dem „fairen Wert“ von Aurelius, den Ontake bei 0,04 Euro je Aktie sieht – eine Provokation, auf die Aurelius scharf antwortet: „Für ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr ein konsolidiertes Ebitda von über 200 Millionen Euro erwirtschaftet hat, in den vergangenen fünf Jahren Dividenden von 489 Millionen Euro ausgeschüttet hat und in seiner Konzernbilanz liquide Mittel von 400 Millionen Euro ausweist, ist dieses Kursziel lächerlich.“

Geschichte wiederholt sich für Aurelius

Trotz der verbal starken Entgegnung ist es Aurelius aber nicht gelungen, die Anschuldigungen des Shortsellers abzuschütteln: Am gestrigen Handelstag bewegte sich die Aurelius-Aktie rund um ihren Vortagsstand herum, auch am heutigen Dienstagmorgen steigt sie nur marginal. Die von Ontake am Donnerstag aufgerissene Kurslücke bleibt bestehen.

Damit droht sich zu wiederholen, was Aurelius bereits 2017 widerfahren war. Damals löste ein ähnlich geartetes Research-Papier des Hedgefonds Gotham City einen Kursabsturz von 67 auf 40 Euro aus. Obwohl sich Aurelius auch damals ausführlich zur Wehr setzte, hat sich der Aurelius-Kurs bis heute nicht davon erholt – und das, obwohl die zentralen Vorwürfe Gothams, wonach Aurelius‘ Top-Portfoliounternehmen wertlos seien, inzwischen dank diverser erfolgreicher Exits als widerlegt gelten.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Die Angriffe von Leerverkäufern lösen nicht selten heftige Kursreaktionen aus. Lesen Sie mehr zu den brisantesten Fällen auf unserer Themenseite Shortseller-Attacken.