Deutsche Börse: Der Börsenbetreiber will seine Dax-Regeln ändern und Wirecard bereits früher aus dem Leitindex nehmen.

Deutsche Börse

17.07.20
Finanzierungen

Deutsche Börse will Wirecard aus dem Dax drängen

Muss Wirecard den Dax schon früher verlassen? Die Deutsche Börse hat eine Regeländerung für die Zugehörigkeit vorgeschlagen. Zwei CFOs dürfen sich derweil Hoffnungen auf eine baldige Dax-Mitgliedschaft machen.

Die Dax-Mitgliedschaft des Skandalunternehmens Wirecard dürfte nur noch von kurzer Dauer sein. Dafür hat die Deutsche Börse einen Änderungsvorschlag auf den Weg gebracht, der die Dax-Zugehörigkeit von Konzernen neu regelt. Laut Vorschlag des Börsenbetreibers sollen Unternehmen nach einem Insolvenzantrag künftig kurzfristig aus dem Dax-Auswahlindizes ausscheiden.

Die Deutsche Börse lädt alle Marktteilnehmer ein, sich via Marktkonsultation auf der Homepage bis zum 7. August zu äußern. Die Ergebnisse sollen noch vor dem 13. August bekanntgeben werden. Sollte der Vorschlag die Zustimmung unter den Marktteilnehmern finden, wovon auszugehen ist, könnte Wirecard bereits im August statt wie bisher geplant im September aussortiert werden.

Wirecard liefert täglich neue Schlagzeilen

Der skandalumwitterte Aschheimer Zahlungsdienstleister stellt mit seiner Pleite ein Novum in der 30-jährigen Geschichte der obersten deutschen Börsenliga dar. Trotz des Insolvenzantrags ist das Unternehmen immer noch Dax-Mitglied und müsste nach dem aktuellen Regelwerks erst im September seinen Platz räumen. Mit dem jetzigen Vorstoß hat die Deutsche Börse auf das zunehmende Unverständnis über die derzeitige Lage reagiert.

Derweil reißen die Negativschlagzeilen um das Zahlungsdienstleistungsunternehmen nicht ab, wie auch ein Blick auf unseren ständig aktualisierten Wirecard-Ticker zeigt.  So hat unter anderem der bereits wegen Betrugsverdacht inhaftierte ehemalige Geschäftsführer des Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East eine Tatbeteiligung eigeräumt.

Symrise und Delivery Hero sind mögliche Dax-Aspiranten

Olaf Klinger, Symrise AG

Nach Bankausbildung und BWL-Studium startet Olaf Klinger 1993 seine Karriere als Financial Analyst im Treasury Department bei Mannesmann in Düsseldorf. Nach einer Station in der Abteilung für Export Finance übernimmt er 1996 den Posten des Treasurers bei der Mannesmann Corporation in New York.

2002 geht Klinger zum Darmstädter Pharmakonzern Merck und übernimmt dort in den folgenden zwölf Jahren verschiedene Führungspositionen in den Bereichen Controlling, Accounting, Corporate Finance, Treasury und Investor Relations. Unter anderem arbeitet Klinger für mehrere Jahre als CFO von Merck Serono in der Schweiz. Für Merck leitet er auch den Aufbau der globalen Finanzorganisation.

Im Januar 2015 wechselt Klinger als CFO zum privaten Klinikbetreiber Ameos nach Zürich und verantwortet dort die Bereiche Finanzen, IT und Innenrevision.

Ein Jahr später übernimmt er die Position als Finanzvorstand bei dem Aromenproduzenten Symrise mit Sitz im niedersächsischen Holzminden.

zum Profil

Mit Blick auf die möglichen Wirecard-Nachfolge im deutschen Leitindex liefern sich die heißesten Kandidaten, Symrise und Delivery Hero, bereits ein Kopf-an-Kopf-Rennen im MDax. Die Symrise-Aktie konnte die Verluste aufgrund der Coronavirus-Pandemie mehr als ausgleichen und legte seit dem Tief von 73,90 Euro im März um knapp 48 Prozent auf derzeit rund 109 Euro zu. Insgesamt kommt das seit 2006 börsennotierte Unternehmen derzeit auf eine Marktkapitalisierung von etwa 14,8 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Wirecards Marktkapitalisierung liegt derzeit nur noch bei knapp 258 Millionen Euro.

Das Holzmindener Unternehmen Symrise, das von CEO Heinz-Jürgen Bertram und CFO Olaf Klinger geleitet wird, produziert und verkauft an rund 90 Standorten weltweit verschiedenste Duft- und Geschmackstoffe. Dax-CFO-Aspirant Klinger sprach noch im vergangenen Jahr als Gast bei FINANCE-TV zur eigenen M&A-Strategie und gibt in unserer aktuellen FINANCE-Printausgabe Einblick in die Arbeit mit Wirtschaftsprüfern in Zeiten von Corona.

Auch für Corona-Profiteur Delivery Hero mit Finanzchef Emmanuel Thomassin ging es an der Börse hoch hinaus. Seit dem Tief von 55,48 Euro im März legten die Papiere um aktuell 72 Prozent auf rund 96 Euro zu. Der weltweit operierende Betreiber von Online-Bestellplattformen für Essen ist seit 2017 an der Börse  und kommt aktuell auf eine Marktkapitalisierung von knapp 18,7 Milliarden Euro.

Gerade erst haben die Berliner über eine Wandelanleihe 1,5 Milliarden Euro frisches Kapital für ihre bereits gut gefüllte Kriegskasse eingeholt. Anfang 2020 platzierte der Essenslieferdienst eine  Wandelanleihe über 2,3 Milliarden Euro um die Übernahme des koreanischen Wettbewerbers Woowa zu finanzieren. Bald könnte der sympathische Franzose Thomassin Finanzchef in Deutschlands wichtigster Börsenliga sein.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

 

 

FINANCE-Köpfe

Emmanuel Thomassin, Delivery Hero SE

Emmanuel Thomassin ist nach seinem Studium der Betriebswirtschaft in Frankreich und Deutschland ab 2001 für sechs Jahre Finanzleiter der operativen Beteiligungen der Radioholding Regiocast und Mit-Geschäftsführer der zur Regiocast gehörenden Forschungsgruppe Medien sowie der TOP Radiovermarktung.

2007 wird Thomassin zum CFO von MetaDesign, einer Agentur für Markenberatung, -Management und –Design berufen. Dort ist er für den kaufmännischen Bereich, das operative Geschäft, Kundenbeziehungen und Personalentwicklung verantwortlich. 2013 beruft der Berliner Inkubator Team Europe Thomassin zum CFO. Dort leitet er das sechsköpfige Finance & Legal Department und ist daneben für Investor Relations und Portfolio-Management mitverantwortlich.

Seit 2014 ist Emmanuel Thomassin CFO bei Delivery Hero. Der Essenslieferant ging im Sommer 2017 an die Börse. Der IPO hatte ein Volumen von fast 1 Milliarde Euro.

zum Profil

Ausführliche Berichte über den Bilanzskandal finden Sie auf unserer Themenseite zu Wirecard, die neuesten Updates berichten wir zudem in unserem Wirecard-Ticker.

Mehr über die Finanzvorstände der Dax-Kandidaten Symrise und Delivery-Hero erfahren Sie auf den FINANCE-Köpfe-Profilen von Olaf Klinger und  Emmanuel Thomassin.