Deutschland ist reif für Tech-Börsengänge

JP Morgan

26.09.18
Finanzierungen

Deutschland ist reif für Tech-Börsengänge

Das deutsche IPO-Jahr ist mit 7 Milliarden Euro an Emissionserlösen schon jetzt ein Rekordjahr. Treiber dafür waren große Konzernausgliederungen. Die nächste IPO-Welle werden aber deutsche Tech-Unternehmen tragen, vermutet JP Morgan.

Dieses IPO-Jahr ist gemessen am Emissionsvolumen schon jetzt ein Rekordjahr. Laut des Datenanbieters Dealogic haben deutsche Unternehmen über Börsengänge bereits rund 7 Milliarden Euro eingesammelt. Und weitere IPOs wie der E-Roller-Produzent Govecs, der Halbleiterzulieferer Exyte und der Finanzinvestor Primepulse stehen schon in den Startlöchern. „Das ist der höchste Wert seit dem Jahr 2000“, sagt Stefan Weiner, der das deutsche Eigenkapitalgeschäft der US-Investmentbank JP Morgan leitet. Das liegt vor allem daran, dass viele Großkonzerne im Zuge von IPOs Anteile an Tochterfirmen verkauft oder an ihre Aktionäre verschenkt haben.  

Carve-outs schützen vor aktivistischen Investoren

Bekannte Beispiele für solche Spin-offs, bei denen kein Geld fließt, sind laut JP Morgan Puma (Eigentümer: Kering), Uniper (E.on), Osram (Siemens) oder Lanxess (Bayer). Als Beispiele für renommierte Carve-outs, die mit einem IPO-Erlös einhergehen, nennt die Investmentbank Siemens Healthineers, Innogy (RWE) oder Covestro (Bayer). „Siemens Healthineers war ein erfolgreicher Carve-out, der auch ein Wegbereiter für vergleichbare Transaktionen in den USA gewesen ist“, meint Weiner.

Indem große deutsche Unternehmen ihre Konglomerate aufbrechen, können sie aktivistischen Investoren zuvorkommen, die häufig auf Konzernaufspaltungen drängen. JP Morgan sieht deshalb solche Restrukturierungen auch für das nächste Jahr als wesentlichen Treiber für den deutschen IPO-Markt. Mit VW, Continental und Daimler haben bereits einige große Automobilkonzerne solche Projekte angekündigt. 

Nasdaq ist nur noch für Biotech alternativlos

JP Morgan glaubt aber auch zu erkennen, dass sich die IPO-Pipeline mit immer mehr deutschen Technologiewerten anreichert: „In den nächsten 24 bis 36 Monaten wird es einige Technologieunternehmen geben, die in Deutschland an die Börse gehen“, glaubt Christian Kames, der das Investmentbanking von JP Morgan in Deutschland leitet. Darunter seien auch Kandidaten, die eine Marktkapitalisierung von über 1 Milliarde Euro versprechen, und nicht nur solche aus dem Bereich E-Commerce wie Hello Fresh, Home24 und Delivery Hero, die zuletzt dieses Segment geprägt haben.

Laut Weiner liegt das daran, dass die Investorenlandschaft in Deutschland inzwischen deutlich offener für Tech-Börsengänge ist als früher. Das komme den emittierenden Tech-Unternehmen zugute, die in Deutschland inzwischen die gleichen Bewertungen erzielen könnten wie an der Nasdaq. Die New Yorker Technologiebörse ist laut Weimer inzwischen nur noch für Biotech-Unternehmen alternativlos. 

JP Morgan will mehr Familienunternehmen an der Börse

Mehr Börsengänge erhofft sich JP Morgan auch von Familienunternehmen wie aktuell Knorr-Bremse. „Der Investorenbonus für Mittelständler ist sehr hoch“, meint Kames. Um den Einfluss nach dem Börsengang nicht zu verlieren bietet sich vor allem die KGAA-Struktur an. Im Gegensatz zu stimmrechtlosen Vorzugsaktien fordern Investoren laut Kames bei einer Kommanditgesellschaft auf Aktien bei der Börsenbewertung derzeit keinen Preisnachlass. 

Für Kames ist aber auch klar: „Wir brauchen noch ein paar mehr Familien-Flagschiff-IPOs wie Knorr-Bremse.“ Weil diese noch fehlen, sieht JP Morgan bei Börsengängen von Familienunternehmen aktuell auch noch keine Welle, sondern nur eine Zunahme. Die großen Hoffnungen liegen auf den Tech-Unternehmen. 

philipp.habdank[at]finance-magazin.de