Der Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach benötigt dringend eine Kapitalerhöhung.

Schmolz + Bickenbach

25.11.19
Finanzierungen

Insolvenzgefahr bei Schmolz + Bickenbach?

Die Schweizer Übernahmekommission verweigert Schmolz + Bickenbach eine Ausnahmeregelung für deren überlebenswichtige Kapitalerhöhung. Mit drastischen Worten kündigt der Stahlkonzern seine Beschwerde an.

Für den Schweizer Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach (S+B) scheint es derzeit ums Überleben zu gehen. So prangert der Konzern die Absage der Schweizer Übernahmekommission bezüglich einer geforderten Ausnahme für die geplante Kapitalerhöhung als „krasse Fehlentscheidung“ an, die das Insolvenzrisiko in „erheblichen Maße“ steigere, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Damit einhergehend könnten „Tausende von Kleinaktionären alle ihre Investitionen verlieren und über 10.000 Arbeitsplätze weltweit, davon zirka 800 in der Schweiz, verloren gehen“, zeichnet Schmolz + Bickenbach ein Schreckensszenario.

Martin Haeffner will kein Pflichtangebot machen

Konkret lehnte es die Behörde ab, eine Ausnahme bei der Angebotspflicht zu erteilen. Die beiden Schmolz + Bickenbach-Großaktionäre, die BigPoint Holding von Martin Haefner und die Beteiligungsgesellschaft Liwet des russischen Investors Viktor Vekselberg, hatten entsprechende Ausnahmeanträge bei der Schweizer Aufsichtsbehörde gestellt.

Haefner hatte zuvor angekündigt, sich an einer Kapitalerhöhung beteiligen zu wollen, mit der Bedingung, seine Beteiligung von 17,5 Prozent (Stand Ende September) auf mindestens 37,5 Prozent erhöhen zu können. Allerdings muss ein S+B-Aktionär bei Übertreten der Schwelle von 33,3 Prozent ein Pflichtangebot für die anderen Aktionäre vorlegen – dafür wollte Haefner eine Ausnahme erwirken, die nun abgelehnt wurde. „Ohne solche Ausnahmen werden die großen Aktionäre sich nicht beziehungsweise nicht in ausreichenden Ausmaß an der Kapitalerhöhung beteiligen“, erklärt dazu Schmolz + Bickenbach.

Machtkampf der Schmolz + Bickenbach-Großaktionäre

Nicht bekannt ist offiziell, ob und inwieweit der größte Aktionär Liwet vom Bezugsrecht bei einer potenziellen Kapitalerhöhung Gebrauch macht und seine Beteiligung von knapp 27 Prozent halten oder gar aufstocken will. Doch offenbar hat auch er die Schweizer Übernahmekommission um eine Ausnahme der Angebotspflicht gebeten, die ihm ebenfalls nicht gewährt wurde.

Wie die Schweizer „Handelszeitung“ berichtet, soll zwischen den Investoren Martin Haefner und Viktor Vekselberg ein Machtkampf um den Stahlproduzenten entbrannt sein. So soll Haefner ursprünglich geplant haben, Liwet von der Kapitalerhöhung auszuschließen, mit der Begründung, dass Vekselberg auf einer Sanktionsliste der USA stünde.

Neben den beiden Großaktionären hält die in Familienbesitz befindliche Schmolz + Bickenbach Beteiligungsgesellschaft 10 Prozent der Anteile, die restlichen 45,5 Prozent befinden sich im Streubesitz.

Schmolz + Bickenbach will Generalversammlung

Der Stahlkonzern wollte die Aktionäre eigentlich am 2. Dezember auf einer außerordentlichen Generalversammlung über die Kapitalerhöhung abstimmen lassen. Mit der Maßnahme will Schmolz + Bickenbach eigenen Angaben zufolge mindestens 325 Millionen Schweizer Franken einnehmen. Nun kündigte das Unternehmen eine Beschwerde bei der Finanzmarktaufsicht FINMA an. Aufgrund der Sachlage sei man überzeugt, dass den Gesuchen der beiden Aktionäre „entsprochen werden muss, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern“.

Doch auch ohne eine Entscheidung der Aufsichtsbehörde will Schmolz + Bickenbach am Termin festhalten, wie ein Unternehmenssprecher auf FINANCE-Nachfrage verriet. Laut dem Schweizer Online-Portal „Cash“ habe die Übernahmekommission die Gesuche abgelehnt, weil es nicht aussichtslos sei, „die Rekapitalisierung in einem ausreichenden Umfang auch ohne Kontrollwechsel durchzuführen“.

Schmolz + Bickenbach schreibt tiefrote Zahlen

Wie wichtig das frische Geld für Schmolz + Bickenbach ist, zeigen die vor Kurzem vorgelegten Zahlen. Das Unternehmen leidet unter der deutlich schwächeren Nachfrage aus der Automobilindustrie. Trotz einer „Intensivierung der Kostensenkungsmaßnahmen“ musste es erneut seine Ergebnisprognose für das Gesamtjahr kassieren und geht nun von einem bereinigten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von weniger als 70 Millionen Euro aus. Im Geschäftsjahr 2018 lag das bereinigte Ebitda noch bei rund 237 Millionen Euro.

Der Umsatz fiel auf Neunmonatssicht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar nur leicht von 2,5 auf rund 2,4 Milliarden Euro. Doch die Ertragslage zeigt das gesamte Ausmaß des Problems: Das Unternehmen musste in den ersten neun Monaten einen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) in Höhe von 360,4 Millionen Euro ausweisen, während im Vorjahreszeitraum noch ein Gewinn von 142,7 Millionen Euro zu Buche stand.

Der Kursrutsch der Schmolz+Bickenbach-Aktie (Kurs auf Jahressicht)

Abschreibungen drücken Eigenkapital

Besonders setzen Schmolz + Bickenbach Wertberichtigungen zu: Wegen der mangelnden Auslastung der Stahlwerke musste das Unternehmen fast 300 Millionen Euro auf Tochterfirmen abschreiben. Das Eigenkapital schmolz im Neunmonatszeitraum daher von rund 708 auf 224 Millionen Euro, was einer Quote von nur noch 11 Prozent entspricht.

Währenddessen ist die Nettoverschuldung von 655 auf 724 Millionen Euro angestiegen. Dabei stieg der Leverage auf 8,2x Ebitda, was fast einer Verdreifachung zum Vorjahreszeitraum entspricht. „Der Leverage ist angesichts des schwachen Ebitda nicht nachhaltig“, hatte CFO Matthias Wellhausen bei der jüngsten Zahlenvorlage betont.

Die Geschäftsentwicklung spiegelt sich auch im Aktienkurs wider: Auf Jahressicht büßte die Aktie über die Hälfte ihres Werts ein und steht aktuell bei 0,25 Schweizer Franken. Dabei musste der Titel am Montag einen Tagesverlust von knapp 10 Prozent hinnehmen. Vom Höchststand 2007, als das Papier noch bei knapp 13 Schweizer Franken notierte, ist die Aktie bereits seit vielen Jahren weit entfernt.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de