Viceroy wirft Grenke einige Ungereimtheiten vor, manche Marktteilnehmer sehen Parallelen zu Wirecard. Zu Recht?

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FINANCE+ 11.11.20
Finanzierungen

Ist Grenke das neue Wirecard?

Der Finanzdienstleister Grenke ist ins Visier des berüchtigten Shortsellers Fraser Perring geraten. Viele seiner Vorwürfe erinnern an den Bilanzskandal von Wirecard. Doch wie ähnlich sind sich die Fälle wirklich?

Kurssturz um über 50 Prozent, 1,3 Milliarden Euro vernichteter Börsenwert: Der 14. September und die darauffolgenden Tage waren eine Zäsur für Grenke. Der Grund für die heftige Marktreaktion: Der bis dahin unauffällige Mittelständler aus Baden-Baden war unerwartet ins Visier des berüchtigten US-Shortsellers Viceroy geraten. In seinem 64-seitigen Bericht sowie mehreren kürzeren nachfolgenden Papieren veröffentlichte das Research-Haus heftige Vorwürfe gegen Grenke: Vetternwirtschaft, Bilanzmanipulation und Beihilfe zu Geldwäsche seien dort an der Tagesordnung.

Besonders pikant: Viceroy, hinter dem der bekannte Investor Fraser Perring steht, hatte zuvor bei dem Möbelhersteller Steinhoff und dem Zahlungsdienstleister Wirecard mit Vorwürfen zu Bilanzmanipulationen ins Schwarze getroffen. Dieser Track Record lässt seine neueste Attacke bei vielen Aktionären glaubwürdig erscheinen. Auch Perring ist sich dessen bewusst: In seinem Analysebericht zieht er immer wieder den Vergleich mit Wirecard, dem größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ist Grenke wirklich das neue Wirecard, wie es manche befürchten? Sind die Badener mit ähnlich hoher krimineller Energie am Werk?

Grenke: Einfaches Geschäft, komplexe Bilanzierung

Auf den ersten Blick könnten die beiden Unternehmen unterschiedlicher kaum sein. Wirecard galt bis zum Auffliegen des Skandals als deutsches Vorzeige-Tech-Unternehmen: ein internationaler Zahlungsdienstleister mit innovativem Geschäftsmodell, gelistet im Dax. Grenke hingegen ist glatt das Gegenteil: ein unauffälliger Finanzdienstleister aus Baden-Baden mit solidem, aber nicht gerade innovativem Geschäftsmodell, Fokus auf Leasing von Büro-Hardware. Der fast schon langweilige Mittelständer mit einigen Hundert Millionen Euro Zinserträgen ist seit Juni 2019 im MDax gelistet.

Doch eine große Gemeinsamkeit verbindet beide Unternehmen: Beide sind Finanzdienstleister und haben ein auf den ersten Blick zwar einfaches Geschäftsmodell – Wirecard wickelte elektronische Zahlungen ab, Grenke verleast Bürogegenstände und kauft Forderungen an –, doch die Bilanzierung ist komplex und schwer zu durchblicken. Das lässt die Vorwürfe des Shortsellers Viceroy auf fruchtbaren Boden fallen.

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