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Junkbond-Party im Frankfurter Quotation Board

Verkommt das Quotation Board der Frankfurter Börse zum Friedhof für Mittelstandsanleihen? Mehr als 20 Mini-Bond-Emittenten handeln ihre Junk-Bonds inzwischen dort im unregulierten Markt.
Stockphoto24 / iStock / Thinkstock / GettyImages

Bereits sechs Mini-Bond-Emittenten haben dieses Jahr laut Angaben der Deutschen Börse freiwillig ihre Mittelstandsanleihen aus dem Entry Standard des unregulierten Marktes abgezogen. Sowohl der Maschinenbauer Singulus als auch die kriselnden oder bereits insolventen Modeunternehmen Laurèl, Steilmann, Rene Lezard und Sympatex sowie der insolvente Brennstoffhersteller German Pellets haben ihre Notierung im Entry Standard gekündigt und möchten fortan lieber im Quotation Board der Frankfurter Börse gehandelt werden.

Das Quotation Board ist neben dem Entry Standard ein Teilsegment des sogenannten unregulierten Marktes, auch Open Market oder Freiverkehr genannt. Es unterscheidet sich zum regulierten Markt (General und Prime Standard) in erster Linie bei den Publizitäts- und Transparenzvorschriften, die im Freiverkehr wesentlich geringer sind.

Oddo Seydler, Equinet, Steubing & Co.: Spezialisten im Quotation Board

Während sich im Entry Standard gelistete Unternehmen immerhin noch zu der zeitnahen Veröffentlichung von Jahresabschlüssen und Zwischenberichten verpflichten und Ad-hoc-Nachrichten unmittelbar an die Börse liefern müssen, gelten im Quotation Board diese Reportingstandards nicht. Es gelten lediglich die gesetzlichen Forderungen aus dem Wertpapierhandelsgesetzt und der neuen Marktmissbrauchsverordnung. Für die wenigen verbliebenen Investoren, die spekulativ mit Papieren im Freiverkehr handeln, wird es damit meistens schwerer, sich über ein Unternehmen zu informieren, wenn es vom Entry Standard in das Quotation Board wechselt. 

Deshalb kommt es im Quotation Board auf die sogenannten Spezialisten an. Das sind elf Wertpapierhandelsbanken, deren Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass ein Handel mit den jeweiligen Anleihen stattfinden kann. Sie melden die Anleihe im Quotation Board an, sorgen als Market Maker für die nötige Liquidität und sind auch für die Weiterleitung von kursrelevanten Informationen an die Börse verantwortlich. Zu den Spezialisten gehören mit Oddo Seydler, Equinet, Steubing & Co. überwiegend diejenigen Banken, die auch die meisten Mini-Bond-Emissionen begleitet haben

Wird das Quotation Bord zum Friedhof der Mittelstandsanleihen?

Im Quotation Board landeten zuletzt vor allem die ausgefallenen und notleidenden Mittelstandsanleihen. Mehr als 20 Mini-Bond-Emittenten haben ihre Junkbonds inzwischen im Quotation Board notiert. Und ihre Zahl nimmt zu, schließlich kommen den insolventen oder angeschlagenen Unternehmen die abgeschwächten Publikationsvorschriften entgegen.

Von Golden Gate über Mox Telekom und MS Deutschland bis hin zu jüngeren Ausfallkandidaten wie dem Maschinenbauer Rena oder Friedola Gebr. Holzapfel – im Quotation Board finden sie alle ihren Frieden. Umfassende Quartalsberichte wären aus Sicht der Unternehmen angesichts des minimalen Handelsumsatzes und der weggebrochenen Bedeutung des Kapitalmarkts für die Unternehmensfinanzierung in Relation zum Arbeitsaufwand allerdings auch wenig angemessen.

Dennoch täte man falsch daran, dem Quotation Bord einen Mini-Bond-Friedhof-Stempel aufzudrücken, umfasst das Börsensegment insgesamt doch rund 6.500 Anleihen und noch mehr Aktien und Zertifikate. Mit Katjes International ist dort beispielsweise ein Mini-Bond-Emittent notiert, der seine Anleihe zuletzt durch einen neuen Bond erfolgreich refinanzieren konnte.

Gleiches gilt für den Spirituosenhersteller Underberg mit seinen drei Anleihen. Sogar Dax-Größen wie Daimler, Allianz oder Adidas haben dort Bonds zum Handel zugelassen. Der Löwenanteil der im Quotation Board gehandelten Anleihen entfällt aber auf Banktitel. Nahezu alle deutschen Landes- und Privatbanken finden sich im Board, ebenso die ausländischen Geldhäuser, die hierzulande aktiv sind. 

Singulus, Laurèl und Steilmann gehen bewusst ins Quotation Board

Bei den Großkonzernen, deren Wertpapiere in unzähligen Börsenplätzen gehandelt werden, dürfte die Anmeldung wohl in den meisten Fällen nicht vom Unternehmen, sondern von den Spezialisten ausgehen, um die ohnehin liquiden Papiere noch liquider zu machen und Handelsprovisionen zu erzielen. Die Blue-Chip-Bonds sind parallel ohnehin im regulierten Markt vertreten, ihre Emittenten müssen deshalb umfassend reporten.

Singulus, Laurèl, Sympatex und Co. dagegen haben sich bewusst für das Quotation Board und gegen den Entry Standard entschieden: Ihre Zugehörigkeit zum Entry Standard haben sie eigens dafür gekündigt. Eine Bondrestrukturierung verpflichtet per se nicht zwangsläufig dazu, in das Quotation Board zu wechseln.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Info

Bevor etliche von ihnen zu Junkbonds verkamen, galten sie als ein verheißungsvolles Finanzierungsinstrument. Verfolgen Sie die ganze Entwicklung des Markts für Mittelstandsanleihen mit der zugehörigen FINANCE-Themenseite.

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