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Mittelstandsanleihen: Deutsche Börse zieht die Zügel an

Die Deutsche Börse will dem Treiben am Mini-Bondmarkt offenbar nicht mehr länger zusehen. „Wir sind nicht passiv“, sagte Börsenmanager Eric Leupold gegenüber FINANCE-TV. „Wir müssen dem Markt zwar Zeit geben, sich zu entwickeln, aber irgendwann auch Standards setzen, die im Markt akzeptiert werden. Mittelfristig wird da sicher etwas passieren.“ Mit über 50 im Entry Standard gelisteten Mittelstandsanleihen sind die Frankfurter inzwischen mit großem Abstand zu Stuttgart und Düsseldorf der dominierende Handelsplatz für deutsche Mittelstandsanleihen.

Als ersten Schritt verschärft die Deutsche Börse die Ad-hoc-Pflichten der Mini-Bondemittenten. Die neue, von der EU getriebene Regelung tritt Anfang 2016 in Kraft und ersetzt die bisherige, schwächere „Quasi-Ad-hoc-Pflicht“. Selbst diese halten einige Mini-Bondemittenten bislang nicht ein. Gleichwohl zeigt eine aktuelle Untersuchung des Finanzdienstleisters FAS, dass der Anteil der Mini-Bondemittenten, die ihren Investoren und interessierten Dritten wichtige Kennzahlen offenlegen, seit 2013 stetig zunimmt. Aktuell liegt er so hoch wie nie zuvor seit der Etablierung des Marktsegments Ende 2010.

Deutsche Börse ist von Emissionsbegleitern „ganz klar enttäuscht“

Die Verschärfung der Ad-hoc-Pflichten soll nur der Anfang sein, deutet Leupold an. Auch bei der Deutschen Börse tritt langsam aber sicher das Problem der fehlenden Haftung der Emissionsberater in den Blick. Leupold erklärte, dass künftig möglicherweise auch die Emissionsberater bei Ausfällen für fehlerhafte Angaben im Emissionsprospekt mit haften könnten.

Dass die Deutsche Börse den Beratern gegenüber einen Groll hegt, ist offensichtlich: „Ganz klar sind wir von der Arbeit der Emissionsbegleiter enttäuscht“, kritisierte Leupold. Die Börse steht mit dieser Haltung nicht alleine da: Die schwache Selektion der Bondemittenten durch die begleitenden Banken hat in den Augen zahlreicher Marktteilnehmer viele Pleiten und Skandale am Mini-Bondmarkt erst möglich macht – die Ausfallraten laufen inzwischen in Richtung 20 Prozent. Eine Mitverantwortung der Börse wies Leupold zurück: „Wir selbst können keine Qualitätsprüfung machen.“

Vor einem Jahr hatte die Deutsche Börse schon einen Best Practice Guide aufgelegt, der für Mindeststandards sorgen sollte. Die Vorgaben sind allerdings nicht verbindlich und werden entsprechend nur in geringem Maße eingehalten: Zum Stand 1. Dezember 2014 hatten von 31 Anleihen beispielsweise nur fünf Emittenten alle Empfehlungen zu den finanziellen Kennzahlen erfüllt. Zwölf Emittenten erfüllten immerhin fünf von sechs Empfehlungen.

Strengere Haftung: Deutsche Börse fürchtet Rückzug der Banken

Eine schärfere Haftung, wie sie nun kommen könnte, birgt allerdings auch Risiken für das Marktsegment, das bislang vor allem kleinere und mittelgroße Mittelständler für einen ersten Schritt an den Kapitalmarkt genutzt haben. Aktuell dominieren kleine Bankhäuser wie die unlängst nach Frankreich verkaufe Oddo Seydler, Equinet und Steubing das Geschäft mit Mittelstandsanleihen. Als einzige größere Bank engagiert sich die IKB, die zuletzt den neuen Bond von Katjes International an den Markt gebracht hat. Auch das Bankhaus Lampe hat man bei größeren Emissionen einige Male gesehen.

Die Anbieterstruktur engt den Spielraum der Deutschen Börse ein: „Die im Moment in diesem Markt aktiven Banken sind zu klein, um die Haftung für Emissionen übernehmen zu können“, glaubt Leupold. Wenn die Deutsche Börse dies zur Auflage mache, „dann würden wir all diese Banken nicht mehr sehen“.

Offenbar hofft die Deutsche Börse, dass nach einer Verschärfung der Standards größere Banken in den Mini-Bondmarkt einsteigen. Doch das Geschäft mit der Emission von Mittelstandsanleihen verliert an Reiz. Schon 2014 ging die Zahl der Neuemissionen nach Daten von NAI Apollo von 50 auf 28 zurück. Für das laufende Jahr erwartet Leupold noch weniger Neuemissionen. „Die Marktbereinigung ist noch nicht abgeschlossen“, glaubt der Börsenmanager.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Wie es um den Mini-Bondmarkt steht und welche Transaktionen und Pleiten die Marktstimmung aktuell prägen, erfahren Sie auf unserer FINANCE-Themenseite zu Mittelstandsanleihen.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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