Grenkes Firmenzentrale: Der Finanzdienstleister versucht die Vorwürfe des Hedgefonds Viceroy zu kontern.
21.09.20
Finanzierungen

Shortseller-Attacke: Warum Grenkes Antwort nicht überzeugt

Grenke weiß mit der Reaktion auf Viceroy nicht vollends zu überzeugen. Der große Schwachpunkt bleibt das komplexe Konstrukt um Gründer Wolfgang Grenke. Vor allem das am Kapitalmarkt verlorene Vertrauen könnte sich als Problem erweisen.

Nach mehreren Tagen und einer tröpfelnden Informationspolitik hat sich das Management des Finanzdienstleisters Grenke nun ausführlich zu den Vorwürfen des Hedgefonds Viceroy geäußert. Die Quintessenz: An den Vorwürfen des Shortsellers sei nichts dran und man prüfe rechtliche Schritte gegen das selbsternannte Researchhaus von Fraser Perring.

„Hier ist völlig grundlos Porzellan zerschlagen worden“, erklärte CEO Antje Leminsky. „Wir sind ehrbare Kaufleute. Wir verwehren uns gegen jeglichen Vergleich mit Wirecard.“ Man halte sich streng an die Vorgaben des Bilanzierungsstandards IFRS, sagte Vorstand Sebastian Hirsch. „Unser ureigenes Interesse ist, ein faires Zahlenwerk zu haben.“

Grenke rechtfertigt sein Franchisemodell

Vorausgegangen war ein Angriff des Hedgefonds Viceroy in der vergangenen Woche, der zu einem massiven Kurseinbruch der Grenke-Aktie geführt hat. Auch zu Wochenbeginn stehen die Grenke-Papiere unter Druck. Das Research-Haus um Fraser Perring kritisiert unter anderem das Franchisesystem von Grenke, auf dem das Geschäftsmodell des MDax-Konzerns in großen Teilen basiert. Die von Grenke akquirierten Franchiseunternehmen schrieben Verluste und hätten keinen reellen Wert, so der Vorwurf. Dennoch tauchten sie in den Büchern des Konzerns mit Goodwill auf.

Grenke entgegnet nun, die Franchiseunternehmen werden „gerade deshalb nach vier, fünf oder sechs Jahren akquiriert, weil sie dann schon ein gutes Händlernetz aufgebaut und gleichzeitig viel Potenzial haben“. Zu diesem Zeitpunkt ist das Geschäft oft kurz vor dem „Breakeven“.

Der Kaufpreis bemesse sich nach einer marktüblichen Bewertungsmethode, deren Formel bereits zu Beginn der Franchisebeziehung feststeht. Diese berücksichtige unter anderem die bisherige Performance und das Marktpotential. Einen bei der Kaufpreisallokation entstehenden Goodwill unterzieht Grenke einem jährlichen Impairment-Test.

Profitiert Wolfgang Grenke vom Franchisesystem?

Soweit scheint das nachvollziehbar – doch das ist nicht der einzige Aspekt, den Viceroy in puncto Franchise kritisiert. Ein zentraler Teil des Franchisemodells ist die CTP Handels- und Beteiligungs GmbH, deren Gesellschafter Wolfgang Grenke – Gründer, Großaktionär und Aufsichtsrat der Grenke AG – ist. Laut dem Hedgefonds ein klarer Interessenskonflikt. Die CTP beteiligt sich gemeinsam mit den Geschäftsführern der Franchise-Unternehmen an eben diesen Gesellschaften. Sie finanziert die Anlaufkosten und den Aufbau der Start-ups und nimmt dabei die Rolle eines Private-Equity-Investors ein. Der Grenke-Konzern hat dann eine Kaufoption für das Geschäft.

Grenke aber beschwichtigt: Diese so genannte „Related-Party“-Eigenschaft des Aufsichtsratsmitglieds Wolfgang Grenke bestehe erst seit Anfang 2020, als Wolfgang Grenke die CTP-Mutter Sacoma AG gekauft habe, und werde dementsprechend erstmals im diesjährigen Geschäftsbericht ausgewiesen. Seit dem indirekten Erwerb der CTP nehme Wolfgang Grenke nicht mehr an Beratungen des Aufsichtsrats zum Erwerb von Franchiseunternehmen teil und sei „erst recht nicht an diesbezüglichen Entscheidungen beteiligt“.

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Das Grenke-Management räumt indes ein, dass unter den Geschäftsführern der Franchiseunternehmen durchaus ehemalige Grenke-Mitarbeiter sind, wie FINANCE vergangene Woche berichtete. Diese sollen aber spätestens mit Aufnahme ihrer Tätigkeit als Gesellschafter und Geschäftsführer der Franchiseunternehmen keine Rolle im Grenke-Konzern mehr innehaben.

Der 69-jährige Unternehmensgründer zeigt sich bezüglich der Ausgestaltung des Franchisemodells selbstbewusst: „Dass ehemalige Mitarbeiter sich als Geschäftsführer der Franchisenehmer selbstständig machen, ist kein Makel, sondern im Gegenteil gerade eine der ganz großen strategischen Stärken von Grenke.“ Denn diese Manager kennen das „Unternehmen, die internen Prozesse, den Markt und die Produkte sehr genau“. 

Das Firmengeflecht des Wolfgang Grenke

Grenke kann zwar wichtige Punkte von Viceroy entkräften. Letztlich bleibt die Person Wolfgang Grenke aber die Achillesferse im Duell mit dem Hedgefonds. Denn: Auch wenn durch seine Rolle als mittelbarer Gesellschafter der CTP kein Geld in Richtung von Wolfgang Grenke geflossen ist, wie Grenke beteuert, so ist er doch indirekt ein Profiteur.

So räumte das Management gegenüber FINANCE ein, dass Wolfgang Grenke als Gesellschafter der CTP-Mutter Sacoma AG in Zukunft theoretisch durchaus finanziell von der Akquisition der Franchiseunternehmen profitieren könne.

Und es laufen weitere Fäden bei Wolfgang Grenke und dem Franchisesystem zusammen. So ist ein weiterer Eigner der CTP die Garuna AG. Seit 2014 erwirbt Garuna laut Grenke 10 Prozent an einzelnen gehaltenen Franchisebeteiligungen der CTP mit dem Ziel, die Beteiligungsquote der CTP an den Franchisegesellschaften auf unter 50 Prozent zu reduzieren und damit eine mehrheitliche Beherrschung zu verhindern. Wozu das gut ist, schreibt Grenke nicht. Die Garuna-Aktien werden von einer persönlichen Vertrauten von Wolfgang Grenke namens Corina Stingaciu als wirtschaftliche Berechtigte gehalten, wie Grenke selbst sagt. 

Wolfgang Grenke kennt den Ex-Besitzer von Sacoma

Zudem ist ein vorheriger Besitzer von Sacoma und CTP FINANCE-Recherchen zufolge ebenfalls ein Bekannter von Wolfgang Grenke: Es ist der Anwalt Jörg Erich Wilhelm, der bis August auch Aufsichtsratschef des 1. FC Kaiserslautern war, dort aber wegen eines fehlgeschlagenen Deals mit einem Investor aus Dubai in Ungnade gefallen ist. Unternehmer Grenke und Wilhelm sind dem Anschein nach keine entfernten Bekannten: Beide sitzen etwa in einem Beirat der SRH Hochschule Berlin, wie auf der Website zu sehen ist. Ebenfalls im Gremium der Fachhochschule: Grenke-Vorstand Sebastian Hirsch.

Es lässt sich entsprechend leicht nachvollziehen, woher der Vorwurf der Vetternwirtschaft von Viceroy kommt. Die Strukturen scheinen in einigen Teilen für einen MDax-Konzern unpassend. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass an den Anschuldigungen nichts dran ist: Die Badener müssen die Konstruktion des Franchisesystems, dass um Gründer und Großaktionär Wolfgang Grenke kreist, plausibel erklären. Der Kapitalmarkt ist nach dem spektakulären Fall Wirecard massiv verunsichert.

Grenke lässt Franchisesystem unter die Lupe nehmen

Es scheint daher folgerichtig, dass Wolfgang Grenke seine Aufsichtsratsmandate bei Grenke nun doch ruhen lässt, bis die Vorwürfe ausgeräumt sind. Und dass die Organisation des Franchisesystems durchaus Fragen aufwirft, scheint auch Grenke einzusehen: Man prüfe nun, das Franchisesystem in den Konzern zu integrieren. Beide Maßnahmen wurden am Montagmorgen verkündet. Offenbar sah sich Grenke nach der Stellungnahme am Freitagabend dazu gezwungen, noch einmal nachzulegen.

Das Grenke-Management hat zudem die Wirtschaftsprüfer von KPMG für eine Sonderprüfung beauftragt. Dass KPMG auch der reguläre Prüfer von Grenke ist, stößt einigen Kritikern auf. Grenke begründete die Wahl zunächst damit, dass man die Vorwürfe möglichst schnell aufklären wolle. Doch auch hier legte der MDax-Konzern am Montagmorgen nach: Grenke will nun einen zweiten unabhängigen Prüfer für das Franchise-System beauftragen.


Grenke-Aktienkurs diesen Monat

Grenke sieht Liquidität als komfortabel an

Neben dem Franchisesystem hat Viceroy die finanzielle Lage des Konzerns moniert. Den Vorwurf, dass ein Großteil der 1,1 Milliarde Euro der Liquidität erfunden sei, weist das Unternehmen wie auch schon vor einigen Tagen erneut zurück. Fast 80 Prozent der liquiden Mittel befänden sich auf Konten der Deutschen Bundesbank.

„Die vergleichsweise starke Liquiditätsposition ist sachlich darauf zurückzuführen, dass wir uns – wie viele andere Unternehmen auch – zu Beginn der Corona-Krise bewusst zusätzliche Liquidität gesichert haben“, sagt Vorstandsmitglied Sebastian Hirsch. „Dies geschah im Wesentlichen durch die Begebung einer Anleihe im April 2020 sowie durch ein attraktives Festgeldangebot an Kunden der Grenke Bank, über die als Vorsichtsmaßnahme eine Zunahme der Einlagen erreicht wurde.“

Durch das Liquiditätspolster sei auch die Refinanzierung der zahlreichen Anleihen gesichert, die in diesem und im kommenden Jahr ansteht. Anfang Oktober wird etwa ein Papier über 120 Millionen Euro fällig. „Durch unser auskömmliches Guthaben sind wir bei der Refinanzierung gut ausgestattet. Wir werden uns angemessen refinanzieren können“, so Hirsch.

„Wir werden uns angemessen refinanzieren können.“

Sebastian Hirsch, Grenke-Vorstand

Kundeneinlagen sind Achillesferse bei Grenke

Gerade das Bankguthaben könnte aber zu einem Problem werden, falls Kunden ihre Einlagen aufgrund des erlittenen Vertrauensverlusts aus der Grenke Bank abziehen würden. Die Kundeneinlagen beliefen sich zum Halbjahr 2020 auf 1,3 Milliarden Euro und sind für die Finanzierung des MDax-Konzerns essentiell. Das Grenke-Management muss daher alles tun, um Panik in den Märkten zu verhindern.

Zumindest einige Aktionäre stellen sich schon öffentlich hinter das Grenke-Management. Der Fondsberater Gané, der auch Aktionär des Unternehmens ist, teilte offiziell mit, man halte die Vorwürfe für „abwegig“. Allerdings sehe man durchaus Luft für Verbesserung: Eine organisatorische Änderung und Weiterentwicklung des Franchisesystems von Grenke sei notwendig, heißt es seitens Gané. Die scheint Grenke jetzt anzustoßen.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

Der Finanzdienstleister Grenke ist heftigen Anschuldigungen des Shortsellers Viceroy ausgesetzt. Wie argumentiert Viceroy und was kann Grenke gegenhalten? Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserer Themenseite zu Grenke.