Im März haben Leerverkäufer wieder mehr auf den Kursverfall deutscher Unternehmen gewettet.

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07.04.17
Finanzierungen

Shortseller wetten intensiv gegen deutsche Unternehmen

Die Shortsellerattacke auf Aurelius ist spektakulär, aber womöglich nur der Auftakt zu einem heißen Frühling. Viele neue Ziele, aber auch K+S, die Deutsche Bank und die Commerzbank sind ins Visier der Shortseller geraten.

Gotham City Research sorgte Ende März mit einem extrem kritischen Research-Bericht über Aurelius für große Kursturbulenzen bei dem Münchener Turnaround-Investor. Inzwischen ist klar, dass es sich um eine Shortseller-Attacke gehandelt hat. Laut Bundesanzeiger hatte sich der aktivistische Investor Gotham City in der Spitze mit Leerverkaufspositionen im Wert von 0,8 Prozent des gesamten Grundkapitals von Aurelius eingedeckt. Nachdem sich der Aktienkurs von Aurelius nach der Attacke fast halbiert hatte, schloss Gotham City seine Position und strich einen satten Gewinn ein.

Im Bundesanzeiger müssen alle Nettoleerverkaufspositionen gemeldet werden, die mehr als 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienvolumens des betroffenen Unternehmens ausmachen. Bei Leerverkäufen leihen sich Spekulanten Aktien auf Termin und verkaufen diese gleich wieder. Fällt bis zur vereinbarten Rückgabe der Aktienkurs, kann sich der Leerverkäufer günstig am Markt wieder mit den Aktien eindecken. Die Differenz ist sein Gewinn. Erfasst wird vom Bundesanzeiger auch, wenn ein Shortseller seine bestehende Position verändert. Die Statistik erfasst damit zwar nicht alle Leerverkäufe, aber die größten laufenden Leerverkäufe.

Sieben verschiedene Shortseller haben auf Aurelius gewettet

Im März haben insgesamt sieben unterschiedliche Leerverkäufer auf die Aurelius-Aktie gewettet. Kein anderes Unternehmen lockte in diesem Zeitraum mehr Shortseller an. Die März-Daten zeigen jedoch, dass auch andernorts die Leerverkäufer wieder aktiver werden. Die Shortseller-Aktivitäten – also eröffnete, geschlossene, aufgestockte oder reduzierte Positionen – haben im Vergleich zum Januar und Februar im März stark zugenommen: Rund 400 Trades wurden im Bundesanzeiger vermerkt, nach 260 beziehungsweise 241 Trades in den beiden Vormonaten.

Am aktivsten waren die Leerverkäufer bei der K+S-Aktie. Fünf unterschiedliche Shortseller haben Leerverkaufspositionen insgesamt 27 Mal verändert. Der Salz- und Düngemittelkonzern war lange Zeit das Lieblingsziel von Shortsellern, da das Unternehmen mit Preisrückgängen, Produktionseinschränkungen und hohen Überkapazitäten am globalen Kalimarkt zu kämpfen hat. Im Januar und Februar hatten die Leerverkäufer ihr Interesse an K+S aber ein wenig verloren, nachdem der Aktienkurs zwischen Oktober und Januar zwischenzeitlich um 50 Prozent angestiegen war und so die Shortseller unter starken Druck gerieten.

Eine ähnliche, kurzzeitige Entspannung gab es auch bei dem Maschinenbauer Aixtron, dessen Verkauf nach China im vergangenen Jahr scheiterte. Im März rutschte Aixtron mit 22 Leerverkaufsaktivtäten von fünf unterschiedlichen Shortsellern jedoch wieder in die Spitzengruppe der am häufigsten geshorteten deutschen Unternehmen.

Die Lieblingsziele von Shortsellern zeigen, dass sich die Leerverkäufer mit Vorliebe auf Unternehmen stürzen, die vor tiefgreifenden Veränderungen stehen. Auch die Lufthansa ist mit 16 Trades in der Märzauflistung wieder weit vorne mit dabei, was wohl in erster Linie mit der schwierigen Branchenlage und den zuletzt wieder gestiegenen Kerosinpreisen zu tun hat.

Leerverkäufer als Frühindikator für Aktienkursrutsch

Die Shortseller beweisen nicht selten ein gutes Gespür dafür, bei welchen Unternehmen der Aktienkurs in den nächsten Wochen und Monaten stark unter Druck geraten könnte. Im Februar war dies beispielsweise bei dem Windturbinenhersteller Nordex der Fall, als Leerverkäufer eine kommende Gewinnwarnung antizipiert hatten und satte Gewinne einstrichen

Der Fall Aurelius zeigt jedoch, dass ein Unternehmen auch ohne Vorwarnung zur Zielscheibe werden kann. Das Münchener Private-Equity-Haus war bis zum 24. März, als Gotham City seine Shortposition aufbaute, nicht in der Shortseller-Liste im Bundesanzeiger geführt. Nur wenige Tage, nachdem sich das Unheil andeutete, schlug Gotham dann auch schon zu und veröffentlichte seinen Research-Report, was in den Folgetagen noch mehr Shortseller wie BG Master Fund, CQS, Jericho oder Myriad anlockte.

Am 3. April erst konnte Aurelius-Chef Dirk Markus den Angriff kontern und wieder die Oberhand gewinnen. Viele der Leerverkäufer schlossen daraufhin ihre Shortpositionen. Der Schaden für Aurelius blieb bestehen. Die Aktie notierte bei rund 40 Euro und damit immer noch 40 Prozent unter dem Kurs, den die Aurelius-Aktie vor der Shortseller-Attacke erreicht hatte. Am 5. April legte Gotham City mit weiteren Anschuldigungen nach, tauchte aber nicht mehr in der Shortsellerliste im Bundesanzeiger auf. Dort stehen aktuell vier Leerverkäufer. Die Aktionäre nahmen den zweiten Angriff deutlich gefasster auf. Die Aktie sackte nur kurzzeitig um 5 Prozent ab, hat sich seitdem aber wieder erholt und notiert wieder bei 40 Euro.

Shortseller wetteten auch auf Deutsche Bank und Commerzbank

Zuletzt standen auch bekanntere Namen als Aurelius und Nordex im Fokus der Shortseller: die Deutsche Bank und die Commerzbank. Deutschlands größte Bank verbuchte im März bei zwei unterschiedlichen Leerverkäufern insgesamt zehn Trades, die Commerzbank deren fünf. Das überrascht, da die Banktitel zum Jahresbeginn zunächst überhaupt nicht in den Shortseller-Listen des Bundesanzeigers auftauchten.

Leerverkäufer versuchten sich im März offenbar die Gerüchte über eine Kapitalerhöhung bei der Deutschen Bank zu Nutzen zu machen, die tatsächlich für einen Kursrückgang von fast 20 Prozent führte. Die Deutsche Bank gibt neue Aktien für 8 Milliarden Euro aus. Inzwischen haben die Shortseller ihre Positionen geschlossen oder zumindest auf weniger als 0,5 Prozent des Grundkapitals der Deutschen Bank reduziert, sodass sie nicht mehr im Bundesanzeiger auftauchen. Lediglich Susquehanna International und die Jane Street Group halten noch Shortpositionen.

Bei der Commerzbank könnten die Leerverkäufe mit dem ernüchternden Geschäftsbericht zusammenhängen, der am 23. März veröffentlicht wurde. Die Bank war in ihr neues Firmenkunden-Segment mit einem Gewinneinbruch gestartet. Auch bei der Commerzbank wurden die im März geöffneten Shortpositionen bis eine wieder geschlossen.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Hintergründe zu der Attacke auf Aurelius und zu anderen Kampagnen der Leerverkäufer in Deutschland gibt es auf unserer FINANCE-Themenseite zu Shortseller-Attacken.