Das Coronavirus sorgte auch für Verwerfungen am IPO-Markt: Das Emissionsvolumen brach in diesem Jahr um 75 Prozent ein.

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08.12.20
Finanzierungen

Corona sorgt für IPO-Flaute

Aufgrund der Covid-19-Pandemie blieb Deutschland 2020 ohne große Börsengänge. Kommendes Jahr könnten jedoch wieder Milliarden-IPOs anstehen.

Angesichts der Coronavirus-Krise haben in Deutschland in diesem Jahr nur wenige Unternehmen den Gang aufs Börsenparkett gewagt. Im streng regulierten Prime Standard wurden lediglich fünf Börsengänge durchgeführt, heißt es in einer Studie der Hamburger Finanz- und Unternehmenskommunikation Kirchhoff Consult.

Das waren zwar immer noch zwei mehr als im bereits mauen Vorjahr. Allerdings sank das Emissionsvolumen laut Kirchhoff-Studie im Vergleich zu 2019 um fast 75 Prozent auf 900 Millionen Euro. Das ist der tiefste Stand seit der Finanzkrise im Jahr 2009. Damals lag das IPO-Volumen lediglich bei 100 Millionen Euro.

„2020 war ein unberechenbares Jahr für Börsengänge“, fasste der namensgebende Agentur-Gründer Klaus Rainer Kirchhoff zusammen. Neben der Pandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus hätten auch Unsicherheiten aufgrund der US-Wahl für eine hohe Volatilität an den Märkten gesorgt. So hätten viele Unternehmen ihre Börsengänge verschoben oder ganz abgesagt.

Welche Firmen den IPO wagten

Zu den wenigen Ausnahmen gehört der Rüstungskonzern Hensoldt, dem mit einem Emissionsvolumen von gerade einmal 403 Millionen Euro der größte IPO in Deutschland gelang. Mit Blick auf das Gesamtemissionsvolumen deckte das KKR-Investment mehr als 40 Prozent des deutschen Gesamtmarkts ab. Daneben gaben auch der Wohnmobilehersteller Knaus Tabbert, der Pharmahersteller PharmaSGP und der Ladesäulenspezialist Compleo Charging Solutions ihr Börsendebüt.

Nachdem im Börsensegment Scale 2019 kein einziger IPO stattfand, gab es 2020 mit dem Online-Handtaschenhändler Fashionette und dem Datenbankentwickler Exasol gleich zwei Debütanten. Gemeinsam brachten sie es mit ihren ausgegebenen Aktien auf einen Gesamtwert von rund 200 Millionen – auf Jahressicht ein neuer Rekord in dem Segment für Wachstumswerte.

Auch Markt für Mittelstandsanleihen rückläufig

Neben dem müden IPO-Markt musste auch das Segment für Mittelstandsanleihen im Corona-Jahr 2020 einen deutlichen Rückgang verkraften. Auch wenn sich die Zahl der Anleihebegebungen um lediglich vier auf insgesamt 27 Neu-Emissionen verringerte, fiel das Gesamtemissionsvolumen im Vorjahresvergleich um 33 Prozent auf 938 Millionen Euro. Der Anteil von Vollplatzierungen ging von 65 auf 37 Prozent zurück.

Im Vergleich zu 2019 konnten die Unternehmen nur noch 74 statt 81 Prozent des angestrebten Zielvolumens erreichen. Lediglich der durchschnittliche Kupon blieb unverändert bei 5,5 Prozent. Treiber des Mini-Bond-Segments war erneut die Immobilienbranche, die vor allem die großen Emissionen über 100 Millionen Euro verantwortet hat.

Optimistischer IPO-Ausblick für 2021

Sofern die Covid-19-Pandemie dank der im Genehmigungsprozess befindlichen Impfstoffe beherrschbarer werde, könnte 2021 das Jahr der Börsengänge werden, prophezeit Kirchhoff. Denn mit Blick auf die zahlreichen abgesagten und verschobenen Börsengänge gilt die IPO-Pipeline für das kommende Jahr als prall gefüllt. „Laut offiziellen Informationen und Marktgerüchten könnten derzeit rund 100 Unternehmen einen Börsengang anstreben“, hieß es im Ausblick der Studie.

Kirchhoff Consult ist dann doch konservativer: Man rechne mit zwölf bis 15 Börsengängen. Gleichzeitig dürfte das Platzierungsvolumen deutlich ansteigen. Potentiellen Börsenkandidaten wie dem Ölkonzern Wintershall Dea, dem Unternehmenssoftwareentwickler Suse oder dem Wissenschaftsverlag Springer Nature winken Bewertungen in Milliardenhöhe. Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und eine positive wirtschaftliche Entwicklung könnten für zusätzlichen Rückenwind sorgen.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de