Harter Schlag für S&P, Moody's und Fitch: Die Verurteilung in Australien könnte weltweite Folgen für die Ratingagenturen haben.

B64

05.11.12
Finanzierungen

S&P verurteilt: Schwerer Schlag für Ratingagenturen

S&P droht, in Australien für ein fehlerhaftes AAA-Rating in Haftung genommen zu werden. Wenn Gerichte in Europa und Amerika in ähnlichen Fällen genauso entscheiden, hätte das nicht nur für die Ratingagenturen gravierende Folgen. Auf Investoren und Emittenten könnten neue Spielregeln am Kapitalmarkt zukommen.

In einem potentiell wegweisenden Prozess ist Standard & Poor‘s in Australien wegen einer Fehleinschätzung verurteilt worden. Die Ratingagentur hatte 2006 ein von ABN Amro strukturiertes komplexes Schuldpapier (Constant proportion debt obligation: CPDO) mit AAA eingestuft, das zwei Jahre später im Zuge der Finanzkrise 90 Prozent seines Werts einbüßte. Mehrere kommunale Investoren verloren mit dem so genannten „Rembrandt“-Papier insgesamt rund 15 Millionen Australische Dollar (13 Millionen Euro). 

Das australische Bundesgericht begründete sein Urteil damit, dass eine „hinreichend kompetente“ Ratingagentur diesen „grotesk komplexen“ CPDOs niemals ein AAA-Rating hätte geben dürfen. S&P und ABN Amro hätten zudem Informationen veröffentlicht, die entweder „falsch“ gewesen seien oder „fahrlässige Fehleinschätzungen“ enthielten. „Das Urteil ist ein harter Schlag für die Ratingagenturen“, sagte die Anwältin der Kläger. „Die Ratingagenturen werden sich nicht länger hinter Disclaimers verstecken und sich damit der Haftung entziehen können.“   

S&P will in Berufung gehen

S&P kritisiert das Urteil scharf: „Wir sind enttäuscht von dieser Entscheidung und weisen jeglichen Verdacht zurück, dass unsere Meinungen nicht angemessen wären. Wir werden in Berufung gehen“, kündigte eine S&P-Sprecherin gegenüber FINANCE an.

Sollte dieses Urteil den Charakter eines Präzendenzfalls für anhängige Verfahren in Europa und den USA bekommen, droht den Ratingagenturen eine Welle von millionenschweren Schadenersatzfällen. Das wäre eine Zeitenwende für die Ratingindustrie, die mit ihrer juristischen Position, wonach Ratings nur eine unverbindliche Meinungsäußerung seien, bislang erfolgreich gefahren ist. Sollte diese Argumentation fallen, könnten neben S&P auch die beiden anderen großen Ratingagenturen Moody’s und Fitch in juristische und finanzielle Bedrängnis geraten.

In Deutschland sind die Ratingagenturen noch weit davon entfernt, juristisch ähnlich stark in die Defensive zu geraten wie in Australien. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das auch hier bald ändern könnte. „Eine Haftung von Ratingagenturen ist in Deutschland sehr umstritten. Die Hürden sind nicht gering“, erklärte Dr. Mathias Wittinghofer, Partner bei der Kanzlei Baker & McKenzie, in einer ersten Einordnung gegenüber FINANCE. Doch der Litigation-Spezialist betont auch, dass „absolute Haftungsfreizeichnungen nach deutschem Recht immer unwirksam sind“. Sich in ihrer aktuellen juristischen Position einzurichten, könnte für die Ratingagenturen also auch in Deutschland noch problematisch werden.

Folgen: Teure Ratings, steigende Risikoprämien

Wenn die Agenturen künftig für ihre Einschätzungen haften müssten, hätte das auch gravierende Folgen für die Emittenten von Wertpapieren. Zum einen dürften die Ratings der Agenturen in einem solchen Fall unterm Strich deutlich konservativer ausfallen als das aktuell der Fall ist. Außerdem könnte sich für die Emittenten die Beauftragung einer Ratingagentur deutlich verteuern, wenn diese die Kosten möglicher Schadenersatzzahlungen in die Ratingkosten einpreisen würde. Dabei gelten Ratings schon jetzt als relativ teuer, es sind hauptsächlich Finanzinstitute und Großkonzerne, die für Wertpapieremissionen auf die großen Drei S&P, Moody’s und Fitch zurückgreifen. Viele Mittelständler verzichten darauf, sich einem unabhängigen Ratingprozess zu unterziehen.

Das Urteil aus Australien könnte am Ende somit auch die Spielregeln am deutschen Kapitalmarkt verändern: Weniger und schlechtere Ratings würden den Markt intransparenter machen und die Risiken für Investoren erhöhen – und damit am Ende wahrscheinlich auch die Risikoprämien, die die Investoren von den Emittenten in Form eines Zinsaufschlags verlangen. Da viele Unternehmen stärker als in der Vergangenheit für ihre Finanzierung auf den Bondmarkt setzen, wären die zusätzlichen Finanzierungkosten enorm.       

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de