In bankenbasierten Volkswirtschaften wachsen die Kapitalmärkte stärker.

Aima

14.04.14
Finanzierungen

Studie: Kapitalmärkte befeuern BIP-Wachstum

Größere Kapitalmärkte gleich mehr Wirtschaftswachstum: Dies ist die These, die ein deutsches Forscherteam in einer neuen Studie aufstellte. Insbesondere in hoch entwickelten, bankorientierten Volkswirtschaften wie Deutschland ist der potenzielle Effekt enorm.

Für Christoph Kaserer (TU München) und Marc Steffen Rapp (Uni Marburg) ist der Fall klar: Wächst der Kapitalmarkt einer Volkswirtschaft, dann steigt anschließend und zwar im kausalen Zusammenhang das BIP des Landes. Dies schließen die beiden Wissenschaftler aus einer Studie, die sie in Kooperation mit dem Verband für Alternative Investments (Aima) erstellt haben.

„Eine Vergrößerung der europäischen Kapitalmärkte um ein Drittel führt zu einer langfristigen Steigerung des Wirtschaftswachstums um rund ein Fünftel“, erklärte Christoph Kaserer. In einzelnen Staaten könnte der Effekt sogar noch höher sein. Für Deutschland bedeute dies: Wächst der Kapitalmarkt, im Jahr 2000 bei rund 50 Prozent des BIP, auf 80 Prozent, dann könnte das BIP um ein Drittel steigen – wie er im Gespräch mit FINANCE-TV ausführte. Grund dafür sei die hohe Entwicklung und die traditionelle Finanzierung über Kreditmärkte – dies habe einen zusätzlichen positiven Einfluss. Marc Steffen Rapp spricht sich daher für eine „systematische Vertiefung der Kapitalmärkte unter Wachstumsaspekten“ aus.

 

 

Börsengänge bringen größte Wachstumschancen

Vor allem bei Börsengängen zeigten sich demnach Wachstumschancen. Das durchschnittliche IPO-Unternehmen etwa mache zwei Jahre nach dem Börsengang fast doppelt so viel Umsatz (+85 Prozent) wie im Jahr vor dem Börsengang, bei Assets (+94 Prozent) und Mitarbeiterzahlen (+75 Prozent) sieht es ähnlich aus. Diese implizite Empfehlung zum Börsengang berücksichtige dabei aber nicht die traditionellen Strukturen des deutschen Mittelstandes. „Kleine Unternehmen können sich ja noch am Verbriefungsmarkt bedienen“, erklärte Kaserer.

Die Wissenschaftler sehen schon jetzt einen Trend hin zu mehr Eigenkapitalfinanzierung bei den Unternehmen. In den letzten 20 Jahren sank demnach der Verschuldungsgrad der Unternehmen sowohl in Europa als auch den USA systematisch. Insbesondere innovative Unternehmen würden demnach stärker ihre F&E-Ausgaben aus Eigenkapital finanzieren. Für Kaserer liegt dies am hohen Risiko und der Art der Investition. Am Kapitalmarkt sei es leichter, an langfristiges Risikokapital zu kommen. Im Gespräch mit FINANCE-TV wies der Münchener Kapitalmarktforscher auf die historisch einmalig niedrige Verschuldung börsennotierter deutscher Unternehmen hin.

Deutschland: Pensionsfonds könnten Aktienmärkte treiben

Einen wichtigen Faktor für die Kapitalmarktgröße sehen die Experten in den Rahmenbedingungen für die Altersvorsorge über Pensionsfonds. In Staaten wie Großbritannien oder der Schweiz, wo die Fonds etwa den Umfang des BIPs haben, seien auch die Kapitalmärkte enorm, in der Schweiz bei rund 140 Prozent des BIP. Ganz anders dagegen Deutschland, Frankreich der auch Italien, wo die Pensionsfonds nur eine marginale Größe haben – und dementsprechend die Kapitalmarkttiefe unter 60 Prozent des BIP liegt. Diese Unterschiede erklären die Wissenschaftler mit „traditionellen Modellen der einzelnen Staaten“. Die Wissenschaftler fordern auch hier mehr Aktienaffinität.

Doch im Kapitalmarkt ist nicht alles Gold, was glänzt. „Es wird möglicherweise bei zu wenigen Investoren zu viel Markt konzentriert“, erklärte Christoph Kaserer. Vor allem die Marktmacht der Banken und Versicherer sei problematisch, da diese sich aufgrund ihrer anderen Geschäfte schnell in einem Interessenskonflikt wieder finden können. „Bei unabhängigen Investoren sind diese Konflikte weniger gegeben.“ Die Experten betonten die Kontrollfunktion von Investoren, gerade auch von Hedge- und Investmentfonds, für die Corporate Governance. Gerade der angelsächsische Raum sei wesentlich stärker von diesen Strukturen geprägt.

sebastian.kapp[at]finance-magazin.de