Windeln.de

20.08.19
Finanzierungen

Windeln.de braucht wieder frisches Geld

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr sollen die Windeln.de-Aktionäre einer Kapitalerhöhung zustimmen. Mit dem frischen Geld will der kriselnde Online-Händler endlich das Ruder rumreißen – doch die gebeutelten Anteilseigner sind skeptisch.

Der Internethändler für Baby- und Kleinkinderprodukte, Windeln.de, muss seine Aktionäre wieder um frisches Geld bitten. Dazu plant das Münchener Unternehmen eine weitere Kapitalerhöhung. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 27. September sollen die Aktionäre zuerst einer Kapitalherabsetzung durch eine Aktienzusammenlegung im Verhältnis 2:1 zustimmen, um so den Weg für eine Kapitalerhöhung frei zu machen.

Dies ist nötig um den Aktienkurs der neuen Papiere rechnerisch auf über 1 Euro zu bringen und damit dem gesetzlichen Mindestausgabepreis für Kapitalerhöhungen nach dem deutschen Aktiengesetz zu entsprechen. Sollten die Aktionäre zustimmen, würde das Kapital von knapp 10 auf 5 Millionen Euro herabgesetzt werden. Im Anschluss soll das Kapital wieder um bis zu 10 Millionen Euro aufgestockt werden. Zudem will sich der Vorstand genehmigen lassen, bis 2024 weitere Kapitalerhöhungen durchführen zu dürfen.

Die frischen Finanzmittel will Windeln.de unter anderem für seine China-Expansion und für „kapitalunterlegte Unternehmenskooperationen mit chinesischen Unternehmen“ nutzen, womit Joint Ventures gemeint sein dürften. Konkret will das Unternehmen in China ein zweites Zolllager eröffnen, neue Online-Vertriebskanäle erschließen, das Produktangebot erweitern und gegebenenfalls ein hybrides Vertriebsmodell auch mit stationärem Geschäft aufbauen. Der chinesische Markt biete ein „signifikantes Wachstumspotenzial“, so das Unternehmen zur Begründung.

Nicht die erste massive Verwässerung bei Windeln.de

Für die leidgeprüften Anteilseigner wäre dies schon die zweite Kapitalerhöhung in diesem Jahr. Bereits Anfang Januar stimmte die Mehrheit bei einem außerordentlichen Investorentreffen einem umgekehrten Aktiensplit im Verhältnis 10:1 zu. Durch die Kapitalherabsetzung verringerte die Gesellschaft das Grundkapital von 31,1 Millionen auf 3,1 Millionen Euro. Die Differenz von rund 28 Millionen Euro verwendete Windeln.de eigenen Aussagen zufolge dafür, die Verluste auszugleichen.

Die damalige Neuausgabe konnte mit einem Bruttoemissionserlös von 10,1 Millionen Euro abgeschlossen werden und erhöhte die verfügbaren liquiden Mittel zum 31. März 2019 auf 15,5 Millionen Euro, nachdem sie zum 31. Dezember 2018 mit 11,1 Millionen Euro ausgewiesen wurden. Ohne die Kapitalerhöhung wäre dem Unternehmen wohl im Laufe des ersten Halbjahres das Geld ausgegangen.

Windeln.de zog die Notbremse

Mit der damaligen Kapitalerhöhung kamen auch zwei neue Investoren aus dem asiatischen Raum in den Anlegerkreis. So wurde Anfang Januar Charles Zhixiong Yan neben CEO Matthias Peuckert und CFO Nikolaus Weinberger zum weiteren Vorstandsmitglied berufen, um die Strategie- und Geschäftsentwicklung in China zu verantworten. Mit der neuen Kapitalerhöhung will Windeln.de den eingeschlagenen Kurs stärker forcieren – auf das Chinageschäft, welches aktuell 59 Prozent der Umsätze ausmacht, setzt das gebeutelte Unternehmen alle seine Hoffnungen.

Denn das im April 2015 als frühere Venture-Beteiligung von Goldman Sachs und der Deutschen Bank hoffnungsvoll an der Börse gestartete Unternehmen kam nie auf einen grünen Zweig. Mit Blick auf das  bedrohlich geschmolzene Liquiditätspolster zog Windeln.de Anfang 2018 schließlich die Reißleine und strich seine Expansionspläne deutlich zusammen.

Dr. Nikolaus Weinberger, Windeln.de AG

Von 2000 bis 2015 arbeitet Nikolaus Weinberger als Investmentbanker bei Goldman Sachs in Frankfurt, London und San Francisco. Zuletzt ist er bei der Bank zuständig für Transaktionen in den Sektoren Konsumgüter, Einzelhandel und E-Commerce im deutschsprachigen Raum. Im April 2015 wechselt Weinberger als CFO zu dem E-Commerce-Anbieter Windeln.de, an dem Goldman Sachs zu diesem Zeitpunkt minderheitlich beteiligt ist. 

zum Profil

Neben massiven Kürzungen bei Personal und Marketing wurde das selbst aufgebaute Italiengeschäft wieder geschlossen und die 2015 übernommene Osteuropatochter Feedo im vergangenen Jahr an den tschechischen Groß- und Einzelhändler AGS92 veräußert. Auch bei der bislang größten Übernahme von Windeln.de, dem in Portugal, Spanien und Frankreich tätigen Babyartikelhändler Bebitus, wurden die Kosten gesenkt und das Sortiment ausgedünnt. Erste Effizienzmaßnahmen hatte das Unternehmen bereits Mitte 2016 aufgelegt.

Windeln.de will Break-even nun 2020 erreichen

Dennoch läuft es immer noch nicht rund bei den Münchnern. Im Geschäftsjahr 2018 brachen die Umsatzerlöse verglichen mit dem Vorjahr um über 40 Prozent auf rund 105 Millionen Euro ein, der bereinigte Verlust vor Steuern (Ebit) reduzierte sich leicht von rund 21 auf rund 19 Millionen Euro.

Auch die aktuellen Zahlen sehen nicht rosig aus: Zum 1. Halbjahr 2019 sank der Umsatz um mehr als ein Viertel auf rund 41 Millionen Euro. Auch die Erlöse in China sind leicht gesunken. Der bereinigte Verlust vor Zinsen und Steuern betrug rund 7 Millionen Euro, nach 11 Millionen im Vorjahreszeitraum. Zum 14. August wies das Unternehmen 9,1 Millionen Liquidität aus.  Vom Ziel, den Break-Even auf Basis des bereinigten EBIT in diesem Jahr erreichen zu können, hat sich das Management verabschiedet und peilt nun den Jahresanfang 2020 an.

Dem damaligen Ausgabepreis von 18,50 Euro, der sich bereinigt um den 1:10-Split im Januar auf 185 Euro beläuft, steht aktuell ein Kurs von 0,52 Euro gegenüber – nach der angekündigten Kapitalerhöhung krachten die Titel um fast 30 Prozent nach unten. Wenn sich der Abwärtstrend fortsetzt, wird eine Zusammenlegung der Aktien im Verhältnis 2:1 nicht einmal mehr ausreichen, um den Kurs über 1 Euro zu heben.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

Bei Windeln.de setzt die Unternehmensführung mit CFO Nikolaus Weinberger nun alles auf das China-Geschäft. Mehr zu seinem persönlichen und beruflichen Hintergrund in seinem FINANCE-Köpfe-Profil.