Wird Windeln.de das neue Gamestop?

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09.06.21
Finanzierungen

Windeln.de wird gehyped wie Gamestop

Wird Windeln.de das deutsche Pendant zu Gamestop? Nach Empfehlungen bei „Reddit“ kaufen Anleger gerade Aktien wie verrückt, der Kurs explodiert. Dabei verbrennt das Unternehmen Cash ohne Ende.

Aktienspekulanten haben sich ein neues Ziel ausgesucht – diesmal in Deutschland: In dem Internetforum „Reddit“ empfehlen sie den Kauf der Aktie des Onlineversandhändlers für Baby- und Kinderartikel Windeln.de. Mit Posts wie „To the moon“, „I am in“, oder „Dips sind gesund“ werben sie für das Investment, und das bislang erfolgreich.

Vor gerade einmal einer Woche war die Aktie ein Pennystock und notierte bei 70 bis 80 Cent je Papier. Heute ist das Papier schon über 5 Euro wert, das entspricht einem Wertzuwachs von rund 600 Prozent. Die Hoffnung der Anleger: Der Hype um Windeln.de verhält sich so ähnlich wie der um die Gamestop-Aktie zu Beginn dieses Jahres in den USA.

Der Fall Gamestop: Hedgefonds vs. Kleinanleger

Damals waren Hedgefonds bei Gamestop in eine Short-Position gegangen, hatten also auf fallende Kurse gewettet. Kleinanleger hatten sich daraufhin verbündet, um den Kurs in die Höhe zu treiben und den Investoren zu schaden. Verabredet hatten sich diese Hobby-Anleger ebenfalls in einem Forum auf der Plattform „Reddit“, auch deutsche Anleger zockten mit. Die Aktie schoss daraufhin künstlich in die Höhe, von rund 30 auf bis zu 300 Euro. Und auch heute ist das Papier noch rund 270 Euro wert.

Dass bei Windeln.de derzeit Hedgefonds engagiert sind, wie manche in den Reddit-Foren behaupten, ist freilich höchst unwahrscheinlich. Leerverkaufspositionen müssen im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Dort findet sich aber keine Anzeige. Zudem ist der Handel in dem Pennystock bis vor wenigen Tagen derart dünn gewesen, dass sich größere Institutionelle dort gar nicht engagieren könnten, weder long noch short. Doch die Kleinanleger haben noch weitere Argumente, die angeblich für ein Investment sprechen, schreibt etwa der „Spiegel“: Windeln.de solle von dem Abrücken der Ein-Kind-Politik in China profitieren.

Kursexplosion bei Windeln.de (Chart der vergangenen Woche)

Tatsächlich erzielt Windeln.de 70 Prozent seines Umsatzes in China. Der Schluss von der politischen Entscheidung auf die Entwicklung der Geburtenrate ist allerdings fragwürdig. Und selbst wenn die Geburtenrate in China im Lauf der Zeit tatsächlich steigen sollte, wären die kurz- und mittelfristigen Folgen davon für den deutschen Online-Shop-Betreiber marginal.

Langfristige Entwicklungen sind für die Masche der Spekulanten aber so gut wie irrelevant: Sie empfehlen kleinere Titel zum Kauf, die sie selbst halten. Nachdem der Kurs extrem gestiegen ist, verkaufen sie ihre Aktien mit hohem Profit wieder. Deshalb warnen Behörden wie die Bafin immer wieder vor solchen Kaufempfehlungen.

Windeln.de musste Verlustanzeige machen

In der Tat handelt es sich bei Windeln.de um kein besonders erfolgreiches Unternehmen. Erst Ende März dieses Jahres warf CFO Nikolaus Weinberger das Handtuch, seitdem hat das Unternehmen keinen Finanzchef mehr. 

Das Unternehmen hat es seit seiner Gründung nicht in die schwarzen Zahlen geschafft und verbrennt in erheblichem Maße Cash, nicht selten einen zweitstelligen Anteil des Umsatzes. 2020 fuhr Windeln.de bei einem Umsatz von 76,1 Millionen Euro einen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 8,6 Millionen Euro ein. CFO Weinberger hat mehrfach über Kapitalerhöhungen frische finanzielle Mittel in die Kassen des Unternehmens geholt, allerdings mit wenig nachhaltigem Erfolg.

Und auch das Jahr 2021 begann für Windeln.de nicht gut. Zuletzt mussten die Münchener sogar eine Verlustanzeige machen: Anfang April kündigte das Unternehmen an, dass nach „pflichtgemäßem Ermessen anzunehmen ist, dass ein Verlust in Höhe von mehr als der Hälfte des Grundkapitals der Gesellschaft“ eingetreten ist. Dafür seien im Wesentlichen operative Verluste verantwortlich. Windeln.de musste damals per Gesetz unmittelbar zur Hauptversammlung einladen, diese fand am 14. Mai statt.

Wie die wenige Tage nach der virtuellen Hauptversammlung veröffentlichten Zahlen für das erste Quartal zeigen, hat sich die Lage bei Windeln.de seitdem nicht verbessert. Zwar hat das Unternehmen eine neue Einkaufsplattform gelauncht, doch die Zahlen sind immer noch tiefrot. Im ersten Quartal 2021 erwirtschafteten die Münchener einen Umsatz von 14,6 Millionen Euro, das liegt leicht unter Vorjahresniveau. Das bereinigte Ebit lag mit 3,5 Millionen Euro im Minus, das entspricht einer negativen Ebit-Marge von 23,6 Prozent. Die nächste Kapitalerhöhung wird bereits offiziell erwogen.

olivia.harder[at]finance-magazin.de