Vorstandswechsel bei Wirecard: CEO Markus Braun tritt nun doch zurück.

Wirecard

19.06.20
Finanzierungen

Wirecard-Chef Braun tritt zurück

Die Ereignisse bei Wirecard überschlagen sich. Chef Markus Braun tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Die Stellungnahmen zweier asiatischer Banken schütten neues Öl ins Feuer. Zudem zeichnet sich eine Klagewelle gegen das Unternehmen ab.

Wirecard-Chef Markus Braun konnte sich nicht mehr halten: Der CEO des Zahlungsdienstleisters tritt mit sofortiger Wirkung als Vorstand zurück. Das teilte das Unternehmen vor wenigen Minuten mit. Die Rufe nach dem Rücktritt des CEOs – insbesondere, nachdem gestern EY das Testat für die Geschäftszahlen 2019 vorerst verweigerte, waren immer lauter geworden. So hat etwa die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka den Rücktritt erneut gefordert und sagte: „Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je.“

Der gestern in den Vorstand bestellte James Freis wird nun zum Interims-CEO ernannt. Er war gestern bereits früher als geplant zum Compliance-Vorstand berufen worden.  

Darüber hinaus gibt es eine neue Entwicklung bezüglich der 1,9 Milliarden Euro, die dem Wirtschaftsprüfer EY ins Auge gestochen waren. Die Prüfer hatten Hinweise darauf gefunden, dass von einem Treuhänder beziehungsweise aus dem Bereich der Banken, die die Treuhandkonten führen, „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken“ vorgelegt wurden. Nun haben die beiden Banken BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands (BPI), bei denen diese Gelder liegen sollen, laut der Nachrichtenagentur Bloomberg jede Geschäftsbeziehung mit Wirecard abgestritten.

Wirecard muss sich gegen rechtliche Schritte rüsten

Schon vor dieser Meldung zeichnete sich ab, dass Wirecard mit einer Reihe von Klagen rechnen muss. Sowohl die DWS als auch Union Investment prüfen nun die Einleitung rechtlicher Schritte gegen Wirecard. Beide Gesellschaften gehörten zeitweise zu den größten Aktionären des Dienstleisters, haben ihre Beteiligungen inzwischen aber nahezu aufgelöst. Die DWS hatte ihre treuhänderisch gehaltene Position in den vergangenen Monaten verringert und bis zum Marktschluss am Mittwoch bereits um 60 Prozent reduziert. Sie hält „keine materiellen Positionen in aktiv gemanagten Fonds mehr“.

Fondsmanager Andreas Mark von Union Investment teilte am gestrigen Donnerstag mit: „Wir haben unseren Aktienanteil an Wirecard in den vergangenen Wochen drastisch reduziert. Schon vor dem heutigen Tag lag er bei unter 0,1 Prozent der ausstehenden Wirecard-Aktien.“

Auch Aktionärsvertreter werden gegen Wirecard aktiv

Nicht nur die beiden Fondsgesellschaften erwägen, gegen Wirecard vorzugehen. Auch die Anwaltskanzlei Tilp will das von ihr bereits beantragte Musterverfahren gegen das Dax-Unternehmen um weitere Punkte erweitern. Wirecards Ad-hoc-Mitteilung untermauere die Einschätzung der Kanzlei, dass bei Wirecard „in der Vergangenheit in ganz erheblichem Maße falsch bilanziert wurde“. Die Kanzlei sieht sich darin bestätigt, dass Wirecard „mehrfach erheblich gegen deutsches und europäisches Kapitalmarktrecht verstoßen und sich damit gegenüber Anlegern und Investoren schadensersatzpflichtig gemacht hat”, heißt es zudem.

Auch die SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger will aktiv werden. Sie lasse derzeit „eine rechtliche Einschätzung bezüglich möglicher Pflichtverletzungen der Organe und Dritter anfertigen”. Sie plant, ein gemeinsames Vorgehen der betroffenen Aktionäre und Anleiheinhaber zu organisieren. Zudem sollen Medienberichten zufolge die Staatsanwaltschaft München und die Bafin, die sich bereits mit dem Fall Wirecard auseinandersetzen, die neuen Entwicklungen ebenfalls prüfen wollen.

Wirecard stellt Vorstand Jan Marsalek frei

Bereits gestern war zudem bekannt gegeben worden, dass Vorstandsmitglied Jan Marsalek „mit sofortiger Wirkung widerruflich bis zum 30. Juni 2020“ von seiner Tätigkeit freigestellt wird. Einen genauen Grund dafür nennt das Unternehmen nicht.

Der neu ernannte Interims-CEO James Freis war gestern mit sofortiger Wirkung zum Compliance-Vorstand berufen worden. Er sollte das neugeschaffene Ressort „Integrity, Legal and Compliance“ ursprünglich erst zum 1. Juli übernehmen.

Abseits der Personalfront hatte Wirecard gestern bereits selbst rechtliche Schritte angekündigt. Das Unternehmen will Anzeige gegen unbekannt erstatten. Wirecard-Chef Braun erklärte gestern in einem Videostatement, es könne derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass Wirecard „in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist“.

Aktie von Wirecard stürzt weiter ab

Die Talfahrt der Wirecard-Aktie ging am heutigen Freitag weiter. Das Papier verlor am Vormittag zeitweise um über 45 Prozent auf unter 22 Euro. Für enorme Unsicherheit dürfte sorgen, dass Kredite in Höhe von rund 2 Milliarden Euro gekündigt werden können, wenn das Testat der Geschäftszahlen nicht bis zum heuten Tag, dem 19. Juni, vorliegt.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Update 19.06.2020: Am frühen Nachmittag teilte Wirecard mit, das Unternehmen befinde sich in konstruktiven Gesprächen mit seinen kreditgebenden Banken hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung.

Bei Wirecard geht es jetzt Schlag auf Schlag. Verfolgen Sie die neusten Entwicklungen auf unserer Themenseite zu Wirecard.