Der Bundestag widmet sich dem Krisensegment Mittelstandsanleihen.

Deutscher Bundestag/Marc-Steffen Unger

17.11.16
Finanzierungen

Berlin hält verschärfte Mini-Bond-Gesetze für unnötig

Die Bundesregierung sieht keinen Grund für eine stärkere Regulierung von Mittelstandsanleihen. Sie nimmt stattdessen die Bondholder in die Pflicht – und die Börsenbetreiber.

Die Bundesregierung plant keine schärfere Regulierung des Marktes für Mittelstandsanleihen. Auch wenn die Anleger in dem Segment viel Geld verloren haben, sei der bestehende gesetzliche Rahmen „ausreichend“. Das schreibt das Finanzministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion des Bundestags, aus der das Handelsblatt zitiert.

Die Grünen-Fraktion hatte die Regierung aufgefordert, zu erklären, warum am Markt für Mittelstandsanleihen inzwischen jeder vierte Emittent ausgefallen ist. Gleichzeitig fragte die Bundestagsfraktion der Grünen an, ob die Regierung auf die bedenklichen Entwicklungen am schwach regulierten Bondmarkt in Zukunft reagieren will.

Bundesregierung verweist auf Mini-Bond-Prospekte

Die Antwort der Regierung: Sie sieht nicht sich selbst, sondern  die Anleger in der Verantwortung, Wertpapierprospekte und andere Informationsquellen zu nutzen. „Die Prospektvorschriften mit ihren detaillierten Anforderungen zum Inhalt stellen Transparenz für den Anleger her, so dass er sich ein umfassendes Bild über den Emittenten, das Wertpapier und die Risiken machen kann“, zitiert das Handelsblatt die Bundesregierung.

Neben den Anlegern sieht das Finanzministerium auch die Betreiber der Handelsplätze in der Pflicht. „Sofern Mittelstandsanleihen in den Freiverkehrssegmenten von Börsen gehandelt werden, liegt es in der Verantwortung der Börsen, die Zulassungsbedingungen zu diesen Märkten so auszugestalten, dass sie der Risikoneigung der Anleger entsprechen“, heißt es in der Antwort weiter.

Mini-Bond-Riese Rickmers in prekärer Lage

Die Grünen-Fraktion äußert sich enttäuscht über die Reaktion. „Die Regierung zeigt sich desinteressiert und steckt den Kopf in den Sand“, zitiert das Handelsblatt Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik. Die hohen Ausfallraten würden zeigen, dass der Markt nicht ordnungsgemäß funktioniere.

Eine Studie des Recherchedienstleisters Capmarcon hatte das Volumen der leistungsgestörten Mittelstandsanleihen jüngst auf fast 1,9 Milliarden Euro beziffert. Seitdem sind schon wieder neue Krisenfälle dazu gekommen. Die Modefirma Laurèl hat Insolvenz beantragt, der Branchennachbar René Lezard kämpft um eine Restrukturierung seiner Anleihe. Die Gläubiger beider Mittelstandsanleihen mit einem Gesamtvolumen von 35 Millionen Euro können ihr Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit weitestgehend abschreiben.

Ein ungleich größerer Ausfall bahnt sich spätestens seit gestern an: Nach dem Zahlungsausfall ihrer Asientochter befindet sich die Reederei Rickmers in einer sehr prekären Lage. Im Feuer steht eine Mittelstandsanleihe über 275 Millionen Euro, eines der größten Papiere, das der Markt zu bieten hat. Eine mögliche Pleite von Rickmers könnte die segmentweite Ausfallrate deutlich über 30 Prozent heben.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de

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