Finanzierung: Kritik an Mittelstandsanleihen: Mit Mittelstandssegmenten wie dem Segment BondM der Börse Stuttgart geht eine Studie von Capmarcon hart ins Gericht.

Börse Stuttgart

05.12.12
Finanzierungen

Finanzierung: Kritik an Mittelstandsanleihen

Für Finanzchefs vieler deutscher Unternehmen ist es zurzeit leicht, an Finanzierung zu kommen: Mit 1.530 Milliarden Euro ist die Kreditversorgung durch Banken einer Studie von Capmarcon zufolge auf einem Allzeithoch. Am Markt für Mittelstandsanleihen dagegen befürchten die Autoren bald einen weiteren Ausfall. Entgegen üblicher Mechanismen gelte dort nahezu ein Einheitszinssatz.

Viele Finanzchefs können das Thema Finanzierung derzeit beruhigt angehen: Von den Befürchtungen, durch Basel III können es zu einem Kreditengpass kommen, ist insbesondere bei Firmen mit guter Bonität noch nichts zu spüren. Mit 1.530 Milliarden Euro liegt die Kreditversorgung durch Banken auf einem Allzeithoch, ergab eine Erhebung der Unternehmensberatung Capmarcon Capital.

Insbesondere Sparkassen, Kreditgenossenschaften und Landesbanken haben ihre Engagements demnach zuletzt ausgeweitet, während Landesbanken die Kreditvergabe im laufenden Jahr eingeschränkt haben.

Rating entscheidet über Kreditkosten

Finanzchefs von Unternehmen mit guter Bonität müssen sich dem Report zufolge kaum Sorgen um die Finanzierung machen. Bei einigen Kapitalgebern beobachten die Autoren bereits „Anlagedruck“ , der Unternehmen mit überschaubarem Risiko „Liquidität zu sehr vorteilhaften Konditionen“ verspreche.

Finanzchefs weniger leistungsstarker Firmen dagegen müssen sich den Autoren zufolge auf steigende Kosten einstellen. Kredite mit hohem Risiko und entsprechend hoher Risikokapitalhinterlegung werden teurer, wenn vom kommenden Jahr an schrittweise die Basel-III-Regularien in Kraft treten.

Mittelstandsanleihen: Die Marke zählt

Während der übliche Preismechanismus „gute Bonität =  niedrigere Finanzierungskosten“ im Fall des Bankkredits greift, sehen die Autoren ihn im Segment der Mittelstandsanleihen außer Kraft gesetzt – mit den entsprechenden Risiken. Nach bislang drei Insolvenzen in dem Segment, den Ausfällen von Siag Schaaf, BKN Biostrom und Solarwatt, steht dem Bericht zufolge ein vierter Ausfall kurz bevor.

Der Report geht mit dem Segment hart ins Gericht: Die Risikoaufschläge „richten sich meist nach dem Bekanntheitsgrad des Emittenten. Die tatsächliche Bonität des emittierenden Unternehmens spielt dabei keine Rolle“, beobachten die Autoren. Als Faustregel gelte: Bekannte Marken zahlen 7 Prozent Zinsen, weniger bekannte 8 Prozent.

Seit dem Jahr 2010 wurden insgesamt 2,5 Milliarden Euro platziert. Doch für risikoscheue Anleger ist das Segment häufig nicht erste Wahl – und auch eine Reihe von Finanzchefs macht einen Bogen darum, schreiben die Autoren: „Börsensegmente für ‚Mittelstandsanleihen‘ sind für Unternehmen mit guter und sehr guter Bonität wegen der hohen Finanzierungskosten und des ‚Rufes‘ als Kapitalquelle wenig interessant.“ Zuletzt mehrten sich Hinweise darauf, dass die Qualität der Emittenten im Mittelstandssegment nachlässt.

Insgesamt haben deutsche Unternehmen im dritten Quartal 2012 Papiere über 14 Milliarden Euro emittiert und Anleihen über 14,9 Milliarden Euro getilgt. Nach drei Quartalen stand das Volumen umlaufender Unternehmensanleihen bei 235,5 Milliarden Euro (Ende 2011: 247,6 Mrd. Euro).  Davon müssen die Finanzchefs 32 Milliarden Euro bis Ende des kommenden Jahres tilgen, 46 Milliarden Euro werden Ende 2014 fällig.

Lethargie am Aktienmarkt

Sehr dynamisch hat sich im dritten Quartal 2012 der Markt für Schuldscheine entwickelt. In den ersten neun Monaten gab es 87 Emissionen in Höhe von 10,2 Milliarden Euro, zu 60 Prozent waren die Emittenten börsennotierte Unternehmen. Für das Segment sind die Aussichten weiterhin positiv.
Das Hoch am Bond- und Schuldscheinmarkt wird auch 2013 andauern, erwarten führende Bankhäuser.

Regelrecht lethargisch nimmt sich im Vergleich dazu der Aktienmarkt aus. Unternehmen emittierten in den ersten neun Monaten 2012 Aktien im Nominalwert von knapp 2,7 Milliarden Euro, ein Rückgang um 55 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Insbesondere gelistete Unternehmen hielten sich mit Blick auf die Kapitalmarktsituation zurück.

Finanzchefs stehen zurzeit mehrere Finanzierungskanäle offen – vorausgesetzt, ihre Bonität stimmt. Eine Finanzierungswelt, in der Bonität und Risikoaufschlag voneinander losgelöst existieren, werden sich aber wohl die meisten Finanzchefs ohnehin nicht wirklich wünschen. Entsprechend polemisch blicken die Studienautoren auf den Markt für „Alternative Finanzierungen“: Neue Finanzinstrumente entpuppten sich allzu oft als alter Wein in aufgehübschten Schläuchen, wer dabei wen und wie finanziere bleibe allerdings offen. „Aktionismus und Getöse zählen“, bilanziert die Studie. Und vertraut auf die Professionalität der Finanzchefs: mittlere und große Unternehmen seien mit den bestehenden Finanzierungsinstrumenten ausreichend versorgt – das Interesse an „illustren Okkasionen“ sei daher ohnehin begrenzt.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de