Air Berlin

10.07.12
Finanzierungen

"Mini-Bond-Ausfälle kommen nicht überraschend"

Scope-Chef Thomas Morgenstern wehrt sich gegen die Kritik an den vernichtenden Bonitätseinschätzungen, mit denen die Ratingagentur die Emittenten von Mittelstandsanleihen verärgert hat. Gegenüber FINANCE kündigt er an, dass Scope jetzt auch noch alle übrigen Mini-Bond-Emittenten raten wird. Doch damit begibt sich Scope auf dünnes Eis.

Der Chef der Ratingagentur Scope, Thomas Morgenstern, hat die Kritik an den unaufgeforderten Ratings, die die Agentur kürzlich für 17 Mini-Bond-Emittenten abgegeben hat, scharf zurückgewiesen: „Qualitative Aspekte wie ein gutes Controlling oder funktionierende Prozesse können über wenig Eigenkapital und schwankende Liquidität nicht hinwegtäuschen“, sagte  Morgenstern im Interview mit FINANCE-TV. „Insofern muss man auch nicht überrascht sein, dass wir bei Mittelstandsanleihen auch schon die ersten Ausfälle gesehen haben.“

Für Aufsehen hatte Scope vor allem dadurch gesorgt, dass die Ratings der Berliner Agentur zum Teil deutlich schlechter ausfallen als die der Konkurrentin Creditreform, die die meisten Emittenten deutscher Mittelstandsanleihen „offiziell“ bewertet hatte (siehe Übersicht).

So schätzt Scope die Kreditwürdigkeit des Solarunternehmens SAG Solarstrom nur mit B- ein, ganze acht Notches schlechter als die Creditreform. Den Hemdenhersteller Seidensticker ratet Scope mit B tief im Junk-Bereich, von der Creditreform bekam das Familienunternehmen ein BB+. Deutschlands zweitgrößte Fluglinie Air Berlin – bislang ungeratet – sieht Scope mit CCC– sogar nah am Zahlungsausfall.

Scope oder Creditreform droht großer Ärger
Scope will die Schlagzahl jetzt sogar noch erhöhen: „Wir wollen das ganzheitliche Gefüge des Marktes transparent machen.  Deshalb werden wir auch noch alle anderen Emittenten raten, die wir bis jetzt noch nicht bewertet haben“, kündigte Morgenstern  an. Den Vorwurf, dass er damit die Emittenten nur erpressen wolle, damit sie Scope als offizielle Ratingagentur beauftragen, hält er für absurd: „Es wäre doch utopisch von uns zu glauben, dass die Unternehmen noch ein zweites Mal viel Geld für ein weiteres Rating ausgeben würden.“

Scope geht mit seiner Ratingoffensive jedoch ein großes Risiko ein. Dessen ist sich auch Morgenstern offenbar bewusst: „Wenn sich unsere Ratings als grob falsch erweisen sollten, würde die europäische Aufsichtsbehörde ESMA sich uns zur Brust nehmen.“ Die Diskrepanzen zwischen den Mini-Bond-Ratings der Creditreform und denen von Scope sind so groß, dass auf mittlere Sicht einer der beiden Ratingagenturen großer Ärger ins Haus stehen könnte.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de