Schwergutfrachter der Rickmers-Reederei: Der Boom bei Mittelstandsanleihen hält an. Aber seit einigen Wochen bläst Emittenten wie Rickmers ein rauher Wind ins Gesicht.

Rickmers

16.07.13
Finanzierungen

Mittelstandsanleihen: Die Investoren sind satt

30 neue Mittelstandsanleihen sind im ersten Halbjahr dieses Jahres begeben worden – so viele wie noch nie zuvor. Davon hat vor allem die Börse Frankfurt profitiert, die dem Rivalen aus Stuttgart die Marktführerschaft entrissen hat. Doch immer mehr Emittenten bekommen zu spüren, dass die Investoren satt sind.

Nach einem enorm emissionsstarken ersten Halbjahr geht der Markt für Mittelstandsanleihen in wenigen Tagen in die Sommerpause. Daten, die die deutschen Börsenbetreiber FINANCE zur Verfügung gestellt haben, lassen aufhorchen: Bis Mitte Juli ist eine regelrechte Emissionsschwemme über den Markt für Mittelstandsanleihen hinweg geschwappt, die die moderate Performance des ersten Halbjahres 2012 klar in den Schatten stellt.

Die Zahl der Neuemissionen ist an den vier relevanten deutschen Börsen (inklusive noch laufender Transaktionen) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 16 auf 30 gestiegen. Die Emittenten der Mittelstandsanleihen sammelten knapp 1,1 Milliarden Euro ein. Zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres waren knapp 600 Millionen Euro bei den Emittenten aufgelaufen. In den 2013er-Zahlen sind auch die Anleihen des Immobilienunternehmens DIC Asset über 105 Millionen Euro sowie ein ebenfalls 175 Millionen Euro schwerer Bond der Rickmers-Reederei enthalten, die jeweils im Prime Standard der Deutschen Börse begeben worden sind.

Damit ist der Jahresrekord am boomenden Markt für Mittelstandsanleihen schon nach gut der Hälfte des Jahres in greifbare Nähe gerückt. Laut Angaben der Ratingagentur Creditreform wurde er im Jahr 2011 bei 35 Transaktionen mit einem Emissionsvolumen von rund 1,5 Milliarden Euro erzielt Die Vorjahreszahlen sind nach den ersten sechs Monaten dieses Jahres sogar schon erreicht – 2012 hatte der Markt für Mittelstandsanleihen mit 31 Deals und einem Emissionsvolumen von rund 1,1 Milliarden Euro einen deutlichen Rückgang gegenüber 2011 hinnehmen müssen.

Für 2013 scheint nun sogar ein Sprung über die Marke von 2 Milliarden Euro denkbar. Dann hätten deutsche Mittelständler innerhalb von vier Jahren über Mittelstandsanleihen mehr Gelder am Kapitalmarkt aufgenommen als bei allen Mezzanine-Programmen der Jahre 2004 bis 2007 zusammen – und das, obwohl es inzwischen gravierende Kritikpunkte an der Ausgestaltung der meisten Mittelstandsanleihen gibt.     

Schlechter Lauf bei neuen Mittelstandsanleihen

Die Emissionsschwemme hält zwar nach wie vor an, allerdings funkt der Markt ein nicht zu übersehendes Alarmsignal: Viele Emissionen der vergangenen Wochen liefen deutlich schlechter als geplant. Gleich einer ganzen Reihe von Unternehmen zeigten die Investoren die kalte Schulter: MBB Clean Energy,  ein Unternehmen, das ein Portfolio an Solar- und Windkraftwerken aufbauen will, machte Schlagzeilen durch die Ankündigung, eine Mega-Mittelstandsanleihe im Volumen von 300 Millionen Euro zu begeben. Doch die begleitenden Banken mussten die Bücher schon bei 72 Millionen Euro schließen.

Der undurchsichtige niederländische Schrotthändler Metalcorp, der sein Scheitern zunächst nicht öffentlich eingestehen wollte,  landete nicht wie geplant bei einem Emissionsvolumen von 30 Millionen, sondern nur bei 9,3 Millionen Euro. Karlie, ein von PE-Investoren finanzierter Hersteller von Heimtierzubehör, der eine aggressive M&A-Strategie verfolgt, konnte anstatt der erhofften 30 Millionen sogar nur 5,9 Millionen aufnehmen. Selbst die börsennotierte Deutsche Rohstoff AG, die ihren Investoren mit Ölbohrungen  in einem bereits produzierenden Ölfeld in den USA einen greifbaren Verwendungszweck für den Emissionserlös präsentierte, erzielte mit ihrer ersten Mittelstandsanleihe statt der erhofften 100 Millionen nur 52,5 Millionen Euro. Der Maschinenbauer Rena warb anstelle der avisierten 40 bis 50 Millionen Euro nur 13 Millionen Euro ein.

Diese Häufung enttäuschender Emissionen deutet darauf hin, dass das ausufernde Angebot an neuen Mittelstandsanleihen den Markt überfordert hat. Erst nach der Sommerpause wird sich zeigen, ob der Appetit der Investoren wieder größer wird.

Börse Frankfurt jagt BondM die Marktführerschaft ab

Für die Börsenbetreiber war die Frühjahrssaison trotz der enttäuschenden Performance mancher Mittelstandsanleihen ein Fest: Mit Ausnahme der Börse Düsseldorf konnten alle Börsenplätze von dem Emissionsboom profitieren – am meisten die Börse Frankfurt. „In einem Jahr sind wir Marktführer bei Mittelstandsanleihen“, hatte Deutsche-Börse-Manager Alexander von Preysing vor einem Jahr bei FINANCE-TV angekündigt.

Und tatsächlich haben die Frankfurter inzwischen das BondM-Segment der Börse Stuttgart nicht nur überholt, sondern sogar deutlich abgehängt. Im Entry und Prime Standard der Deutschen Börse wurden in diesem Jahr bislang 20 neue Mittelstandsanleihen mit einem Emissionsvolumen von mehr als 800 Millionen Euro notiert. Die Börse Stuttgart liegt mit fünf Emissionen und einem Emissionsvolumen von 170 Millionen Euro weit abgeschlagen auf Rang 2.

Mit zwei Emissionen und einem platzierten Volumen von 45 Millionen Euro liegt Düsseldorf derzeit noch knapp vor dem Marktsegment m:access der Börse München, das in diesem Jahr erst eine neue Mittelstandsanleihe in Höhe von 20 Millionen Euro aufgenommen hat. Allerdings befinden sich in München gerade die beiden Neuemissionen BioEnergie Taufkirchen (15 Millionen Euro) und Wallenborn Adria Wind (80 Millionen Euro) in der Zeichnungsphase. Gelingen die beiden Emissionen, würden die Münchener an der Börse Düsseldorf vorbeiziehen.

Doch speziell Wallenborn Adria Wind – einer Projektfinanzierung für einen Windpark in Kroatien – räumen Marktbeobachter das Potential ein, die Serie der gefloppten Emissionen von Mittelstandsanleihen nahtlos fortzusetzen. Der Mix aus der Branche Erneuerbare Energien und einem Länderrisiko auf dem Balkan dürfte bei den Investoren keine Jubelstürme auslösen. Auch der Anlass für die Mittelstandsanleihe lässt aufhorchen: Mit dem frischen Kapital soll der Ausstieg einer Bank kompensiert werden. Dass das von Wallenborn gebotene umfangreiche Sicherheitenpaket die Investoren dennoch zur Zeichnung animiert, erscheint nach den schlecht gelaufenen Emissionen der vergangenen Wochen eher unwahrscheinlich.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Weitere Artikel finden Sie in unserem ausführlichen Dossier zum Thema Mittelstandsanleihen