Siemens

06.09.19
Finanzierungen

Siemens sichert sich Negativzinsen

Andere deutsche Unternehmen waren Vorreiter bei Anleihen mit negativer Rendite. Nun springt auch Siemens-CFO Ralf Thomas auf den Zug auf – und zieht die Preisschraube nochmals an.

Der Siemens-Konzern hat sich am Kapitalmarkt mit frischem Geld versorgt. Dabei konnte CFO Ralf Thomas die neuen Schulden zu äußerst günstigen Konditionen machen. Es geht um Anleihen im Gesamtvolumen von 3,5 Milliarden Euro, wie der Industriekonzern am heutigen Freitag mitteilte. Sie haben Laufzeiten von zwei, fünf, zehn und 15 Jahren.

Über die ersten beiden kurz laufenden Papiere nahm Thomas für Siemens 1,5 Milliarden Euro ein. Der Coup: Siemens muss für diese beiden Bonds keine Zinsen zahlen, sondern konnte die Titel mit negativer Rendite an den Mann bringen.

Nach Aussagen von Siemens markieren die zweijährigen Bonds über zusammen 1 Milliarde Euro bei einer Rendite von minus 0,315 Prozent sogar einen neuen Rekord: Noch nie zuvor sei im Primärmarkt eine Unternehmensanleihe mit einer noch niedrigeren Rendite angeboten worden. Bei der fünfjährigen Anleihe über 500 Millionen Euro betrug die negative Rendite minus 0,207 Prozent. Ins Positive drehte die Rendite erst in den ganz langen Laufzeiten: Bei der zehnjährigen Tranche stellte sie sich auf 0,179 Prozent, die fünfzehnjährige kommt auf eine Rendite von 0,550 Prozent.

Siemens-CFO Thomas nimmt Zinseinsparungen ins Visier

Trotz der Negativrenditen gab es einen regelrechten Run auf die neuen Siemens-Papiere: Die Nachfrage hat das Angebot um das Vierfache überstiegen, berichtet der Dax-Konzern. Finanzchef Thomas zeigt sich zufrieden: „Siemens hat sich mit der Transaktion erneut hervorragende Finanzierungskonditionen sichern können. Die hohe Nachfrage ist ein Vertrauensbeweis der Investoren in unsere Finanzstärke und unterstreicht den exzellenten Ruf unseres Unternehmens am Kapitalmarkt.“

Mit dem eingenommenen Kapital, das „allgemeinen Unternehmenszwecken“ dienen soll, dürfte der Siemens-CFO bestehende Schulden ablösen und damit erhebliche Einsparungen bei den Finanzierungskosten erzielen. So liefen Mitte August Optionsanleihen im Gesamtwert von 1,5 Milliarden US-Dollar zu 1,65 Prozent aus. Am 13. September folgen dann nochmal zwei dreijährige Begebungen im Gesamtwert von 1,45 Milliarden US-Dollar (350 Millionen Dollar zu Dreimonats-US-Dollar-Libor plus 32 Basispunkte sowie 1,1 Milliarden Dollar zu 1,3 Prozent).

FINANCE-Köpfe

Dr. Ralf P. Thomas, Siemens AG

Annähernd seine gesamte Berufslaufbahn und sogar seine Berufsausbildung verbringt Ralf P. Thomas bei Siemens – mit einer Ausnahme: studiumbegleitend und während der anschließenden Promotion zu einem steuerrechtlichen Thema betätigt er sich – in den Jahren nach dem Mauerfall – in der Beratung mittelständischer Unternehmen: „Das war eine Nische, die die großen Berater offen gelassen hatten“, erinnert sich Thomas.

Nach seiner Promotion im Jahr 1995 erstellt er für Siemens ein externes Gutachten, das ihn zurück in den Industriekonzern führt. Thomas arbeitet zunächst in der Konzernzentrale und ist maßgeblich an der Verankerung des Shareholder-Value-Gedankens bei Siemens beteiligt. 1999 wechselt Thomas in die südafrikanische Tochtergesellschaft, wo er für Bilanzierung, Steuern, Treasury und Controlling zuständig ist.

2001 kehrt Thomas zurück nach Deutschland und wird Performance-Controller in der Healthcare-Sparte. Währenddessen wechselt der Röntgenbereich der Sparte vom Restrukturierungs- in den Wachstumsmodus. Nach 12 Monaten wird er CFO des Röntgenbereichs, bevor er Ende 2004 die Leitung der zentralen Abteilung Reporting and Controlling bei Siemens in München übernimmt.

Nach der Compliance-Affäre, bei derer Aufarbeitung er unter anderem eng mit Joe Kaeser zusammenearbeitet, wird Thomas im Jahr 2008 CFO des Industry-Sektors von Siemens. Im September 2013 wird er schließlich CFO der Siemens AG und damit Nachfolger von Kaeser, der zum CEO aufsteigt. Im September 2017 wird sein Vertrag bis 2023 verlängert.

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Zwischen 2020 und 2022 laufen sogar noch diverse weitere Bonds aus, deren Kupons zwischen 1,5 und 2,9 Prozent liegen. Ihr Gesamtvolumen beläuft sich auf nahezu 10 Milliarden Euro. Bleiben die Kapitalmarktzinsen derart niedrig, könnte das Siemens bei der Refinanzierung mittelfristig einen niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrag im Jahr allein an Zinsen sparen.

Immer mehr Großkonzerne sichern sich Negativzinsen

Mit seinem Coup am Kapitalmarkt gesellt sich der Münchener Technologiekonzern zu anderen deutschen Unternehmen, die ebenfalls von erstklassigen Konditionen profitieren konnten. So hat E.on im August Green Bonds mit teilweisen negativer Rendite begeben. Vorreiter waren die Deutsche Bahn und der Konsumgüterhersteller Henkel, die bereits im Jahr 2016 auf diese Weise zu frischem Geld kamen.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

Mehr Infos zur Vita des Siemens-CFOs bietet das FINANCE-Köpfe-Profil von Ralf Thomas.