Die Telekom und der Stromkonzern Verbund haben als erste Unternehmen eine Schuldscheintransaktion über eine digitale Emissionsplattform abgeschlossen.

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18.05.18
Finanzierungen

Der Schuldschein wird digitalisiert

Erst Telekom, jetzt Verbund: Zwei Großkonzerne haben neue Schuldscheinplattformen genutzt und damit die Diskussion um die Rolle von Fintechs in dem verschwiegenen Schuldscheinmarkt angeheizt. Ist das der Beginn eines großen Wandels?

50 Millionen Euro – so viel Geld sammelte die Deutsche Telekom im Februar über die digitale Emissionsplattform Credx ein. Im April folgte schon die nächste Schuldscheintransaktion, die über eine digitale Plattform abgeschlossen wurde: Der österreichische Stromkonzern Verbund platzierte über die Plattform VC Trade des Fintechs Value Concepts in Zusammenarbeit mit der Helaba einen grünen Schuldschein über 100 Millionen Euro.

Die beiden Transaktionen haben die bislang eher theoretische Diskussion über die neuen digitalen Schuldscheinplattformen in die Realität gehievt. Schneller und kostengünstiger sollen solche Transaktionen im Vergleich zum herkömmlichen Platzierungsweg sein. Weitere Transaktionen über Credx und VC Trade sollen folgen, auch andere Anbieter positionieren sich in dem Markt. Doch wie unterscheiden sich die Marktteilnehmer voneinander?

Digitale Schuldscheinplattformen mit oder ohne Banken

Das offensichtlichste Unterscheidungskriterium zwischen den Fintechs, die den Schuldscheinmarkt revolutionieren wollen, liegt in ihrem Verhältnis zu den Banken. Einige arbeiten mit den Banken zusammen, wie zum Beispiel Value Concepts mit der Helaba.

Dieses Fintech bietet über seine Plattform die Privatplatzierung von Schuldscheinen und Namensschuldverschreibungen an. Wichtiger Punkt: Auch andere Banken sollen sich anschließen. „VC Trade ist keine Plattform, die die Helaba allein bespielen will“, sagte Andreas Petrie, der bei der Helaba das Primärmarktgeschäft leitet, gegenüber der FINANCE-Schwesterpublikation DerTreasurer. „Nur diejenigen Plattformen, die für andere offen sind, haben Zukunft“, glaubt der Helaba-Banker.

„Nur diejenigen Plattformen, die für andere offen sind, haben Zukunft.“

Andreas Petrie, Helaba

Andere Plattformen positionieren sich dagegen eher als Konkurrenz zu den Banken. Dazu zählen zum Beispiel Credx und das Fintech Firstwire. Credx selbst sieht sich bei der Privatplatzierung von Anleihen, Schuldscheinen und Krediten als neutraler Vermittler, der „eine Alternative zur vorherrschenden Platzierung und Syndizierung über Banken“ etablieren will – sprich: die Banken aus der Wertschöpfungskette hinausdrängen.

Ganz ohne Banken geht es aber auch hier nicht: Wie Credx-CEO Ralf Kauther im FINANCE-Interview erklärte, findet der Kernprozess zwar ohne Banken statt. Beim Settlement oder der Beratung gerade von kleineren Emittenten kommt den Banken aber auch bei Credx-Transaktionen durchaus noch eine Rolle zu.

Banken wollen Platzierung von Schuldscheinen verbessern

Vorteil für VC Trade: Zumindest in der aktuellen Situation, in der die Banken das Schuldscheingeschäft unangefochten dominieren, dürfte der Einstieg in den Schuldscheinmarkt für diejenigen Plattformen leichter sein, die die Banken an ihrer Seite haben. „Banken, die bereits lange in diesem Markt sind, können auf ein weites Netz an Investoren zurückgreifen und verfügen über umfassende Expertise bei der Strukturierung der Schuldscheine und am Wichtigsten: Reputation im Markt“, meint PwC-Experte Tomas Rederer. Er berät Banken bei der Transformation ihrer Kernprozesse und ist sich sicher: „Sie werden das Schuldscheingeschäft nicht so einfach aus der Hand geben.“

Dass auch Banken sich intensiv mit dem Plattformgedanken auseinandersetzen, zeigt die Plattform EPPF (European Private Placement Facility). EPPF ist eine industriegeführte Kapitalmarktplattform, über die Anleihen jeglicher Art und auch Namensschuldverschreibungen platziert werden können. Zahlreiche Banken, aber auch Ratingagenturen und Kanzleien kooperieren mit EPPF. Als Debüttransaktion wurde ein Commercial Paper der DZ Bank platziert. Schuldscheine können über die Plattform zwar derzeit nicht platziert werden, da das Produkt nicht standardisiert genug ist. Doch die Initiative zeigt, dass auch die klassischen Marktteilnehmer an neuen Platzierungswegen arbeiten.

„Letztlich geht es darum, aus dem klassischen Emissionsprozess Komplexität herauszuschneiden.“

Tomas Rederer, PwC

„Letztlich geht es darum, aus dem klassischen Emissionsprozess Komplexität herauszuschneiden und ihn zu automatisieren“, beschreibt Rederer den Gedanken, der auch die Banken umtreibt. „Die Schuldscheintransaktion ist eine der letzten Bastionen im Finanzierungsgeschäft, wo noch viel manuell gemacht wird.“ Doch nun werde daran gearbeitet, die Schuldscheintransaktionen zu industrialisieren. Das zeigen auch die Blockchain-Transaktionen der LBBW. Die Landesbank versucht, den Emissionsprozess mit Hilfe der neuen Technologie effizienter zu gestalten.

Chancen für Fintech-Plattformen in Nischenmärkten

PwC-Partner Rederer gibt den Fintechs denn auch wenig Chancen, die Banken im Schuldscheingeschäft ernsthaft in Bedrängnis zu bringen: „Die Banken punkten schließlich auch durch die Tatsache, dass sie Vertrauen bei den Marktteilnehmern genießen.“ Gerade im Schuldscheinmarkt, in dem die meisten Emittenten nach wie vor nicht extern geratet sind, sei das von enormer Bedeutung.

Allerdings heißt das nicht, dass die bankenunabhängigen Fintech-Plattformen sich in einzelnen, speziellen Segmenten nicht behaupten könnten. „Ich denke da an die Kommunalfinanzierung als Beispiel für ein Segment, in dem Platz für eine industrialisierte, konsolidierte Plattform ist, die durchaus von einem Fintech betrieben werden kann,“ so Rederer. Kein Zufall, dass gerade in diesem Teilbereich das Fintech Firstwire seine bisherigen Erfolge gefeiert hat. Der Debüttransaktion mit der Stadt Essen folgten später noch weitere Finanzierungen für Städte und Kommunen. An der ersten Unternehmenstransaktion arbeitet Firstwire aber noch immer.

Volumina über Fintech Finnest legen zu

Ein anderes Fintech, das in einen Nischenmarkt drängt, ist der Mittelstandsfinanzierer Finnest. Das österreichische Unternehmen startete als Crowd-Finanzierungsplattform und hat das Angebot nun um einen institutionellen Teil erweitert. Über die Plattform werden syndizierte Kredite und Schuldscheine platziert.

Das Fintech arbeitet dabei nicht mit einer Bank zusammen. Allerdings nutzten unterschiedliche Banken die Plattform als Vermittler, erklärt Mitgründer Jörg Bartussek: „Viele der Mittelständler, die unsere Plattform nutzen, werden sogar von ihren Hausbanken dabei beraten, wie ihr Angebot aussehen sollte.“ Er sieht sein Angebot daher eher als Ergänzung zur klassischen Bankfinanzierung.

„Viele der Mittelständler, die unsere Plattform nutzen, werden sogar von ihren Hausbanken dabei beraten, wie ihr Angebot aussehen sollte.“

Jörg Bartussek, Finnest

Bereits drei Unternehmen nutzen die neue Plattform. Nach einer kleinen Schuldscheintransaktion über 3 Millionen Euro wurde nun die zweite, etwas größere Transaktion für die Hotelkette Falkensteiner Hotels & Residences gestartet. Das Unternehmen will bis zu 15 Millionen Euro einnehmen – eine für Finnest-Verhältnisse schon sehr große Emission, richten sich die Österreicher doch an deutlich kleinere Unternehmen als die anderen Plattformen. Ein weiterer großer Unterschied: „Unsere Plattform können nur Unternehmen nutzen, die eine gute bis sehr gute Bonität haben und extern geratet sind“, betont Bartussek.

Das Rating als Erfolgsfaktor beim Plattformmodell

Für die Emittenten ein externes Rating obligatorisch zu machen ist ein Weg, wie Fintechs versuchen könnten, bei institutionellen Investoren Vertrauen aufzubauen. PwC-Partner Rederer sieht noch eine andere Chance, wie solche Plattformen in Zukunft ohne Banken bestehen könnten: künstliche Intelligenz. „Wenn es akzeptierte, auf AI basierende Ratingsysteme gibt, dann kann ich mir auch vorstellen, dass sich das Geschäft solcher Schuldscheinplattformen ohne Bankunterstützung skalieren lässt“, sagt er. Das Frankfurter Fintech Creditshelf setzt auf eine ähnliche Technologie bei der Vermittlung von Working-Capital-Finanzierungen.

Die ersten Modelle dafür gebe es bereits, aber bis die Technologie auch in der Breite akzeptiert wird, dürften noch ein paar Jahre vergehen. „Bis dahin wird man bei klassischen Schuldscheinemittenten, die meist weniger bekannt und nicht extern geratet sind, weiterhin auf Bankexpertise setzen müssen. Andernfalls lässt sich kaum die nötige Transparenz herstellen, die für Investoren notwendig ist“, sagt Tomas Rederer.

Aber auch Creditshelf steht noch am Anfang, das ausgereichte Finanzierungsvolumen hat gerade erst den dreistelligen Millionenbereich erreicht – wenn auch stark wachsend. Dass Fintechs nun auch im Schuldscheinmarkt angreifen, zeigt, dass die Digitalisierung des Schuldscheins längst begonnen hat. Die Fintechs erhöhen den Druck auf die Banken.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de