Der Schuldscheinmarkt leidet massiv unter der Coronakrise. Der Emissionstrend geht nach unten.

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09.10.20
Finanzierungen

Schuldscheinmarkt bricht um die Hälfte ein

Keine Trendwende am Schuldscheinmarkt, im Gegenteil: Ein schwaches drittes Quartal macht wenig Hoffnung auf einen Jahresendspurt. Die eine oder andere Bank kann davon aber sogar profitieren.

Mit dem 2 Milliarden Euro schweren Schuldschein von Bosch im Sommer sollte eigentlich der Knoten am Schuldscheimarkt platzen. Doch diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen, wie die neuen Zahlen aus dem aktuellen FINANCE-Schuldschein-Update zeigen, dass der Datenanbieter Refinitiv für FINANCE zusammenstellt. Insgesamt wurden in den ersten neun Monaten Schuldscheine über rund 12,6 Milliarden Euro platziert – das ist ein Rückgang von sage und schreibe 45 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr. Damals waren es mehr als 22 Milliarden Euro.

Im dritten Quartal wurden Schuldscheine über rund 3,2 Milliarden Euro platziert und damit nochmal deutlich weniger als im zweiten Quartal (rund 5 Milliarden Euro). Die geringe Aktivität spiegelt sich auch in den Top 10 der größten Deals des Jahres wider: Dieses Ranking wird weiterhin von Bosch angeführt. Nur zwei Transaktionen aus dem dritten Quartal haben es in die Top 10 geschafft: Der Hersteller von Laborausrüstung Sartorius schaffte es mit einem Schuldschein über 750 Millionen Euro auf Rang 2 der größten Deals. Außerdem reihte sich auf Platz 9 noch der Telekomdienstleister Freenet mit einem Schuldschein über 345 Millionen Euro ein.

BNP springt in den League Tables nach oben

Für die eine oder andere Bank ist dieses ungewöhnliche Schuldscheinjahr sogar ein Grund zum Jubeln. So kann etwa die BNP Paribas, weil sie an der milliardenschweren Bosch-Transaktion beteiligt war, im Wettlauf der führenden Banken weit nach vorne springen. Im Vergleich zum dritten Quartal 2019 steigt sie ganze sieben Plätze auf und landet mit sechs begleiteten Deals und einem Marktanteil von rund 14 Prozent auf Platz 2. Dem Dauer-Marktführer LBBW kann sie aber nicht gefährlich werden, der Marktanteil der Landesbank beträgt etwa 29 Prozent.

Dahinter folgt ganz knapp mit ebenfalls rund 14 Prozent die Helaba. Auf den folgenden Plätzen finden sich BayernLB (9,4 Prozent) und Unicredit (8,8 Prozent). Die weiteren Banken folgen mit deutlichem Abstand.

Preisniveau am Schuldscheinmarkt weiterhin hoch

Dass die Unsicherheit durch die Coronavirus-Pandemie den Schuldscheinmarkt immer noch fest im Griff hat, lässt sich auch an der Entwicklung der Risikoprämien erkennen: Das Preisniveau am Schuldscheinmarkt hat im Frühjahr deutlich angezogen. Seitdem sind die Risikoprämien zwar wieder leicht gesunken, wie aus einer in dieser Woche vorgelegten Analyse des Beratungshauses Capmarcon hevor geht. Doch sie liegen immer noch deutlich über dem Vorkrisenniveau. Capmarcon geht davon aus, dass das Preisniveau auch im vierten Quartal nur leicht sinken wird.

Ingo Nolden, Finanzierungsspezialist der HSBC, hatte die geringe Aktivität am Schuldscheinmarkt im Sommer auch darauf zurückgeführt, dass die Emittenten nicht bereit sind, sich den neuen Marktgegebenheiten zu stellen und höhere Preise oder Financial Covenants zu akzeptieren.

Weniger Debütemittenten am Schuldscheinmarkt

Dies scheint insbesondere für Newcomer zu gelten – aktuell zieht der lange Jahre so populäre Schuldscheinmarkt kaum noch Debütanten an. „Investoren legen Wert auf die Widerstandskraft und die Bekanntheit der Geschäftsmodelle, weshalb der Anteil derjenigen Unternehmen, die erstmals den Schuldschein zur Unternehmensfinanzierung einsetzen, überproportional zurückging“, schreibt Capmarcon. Im vergangenen Jahr entfielen in den ersten neun Monaten ganze 40 Prozent des Dealvolumens auf solche Debütanten – in diesem Jahr nur noch 12 Prozent.

„Investoren legen Wert auf die Widerstandskraft und die Bekanntheit der Geschäftsmodelle.“

Capmarcon

Ebenso konzentrieren sich Unternehmen zur Finanzierung in der Krise wieder stärker auf ihre Heimatmärkte. Darauf lässt zumindest der gesunkene Anteil von ausländischen Emittenten schließen. In den Top 10 der größten Deals ist mit dem Schweizer Lebensmittelkonzern Barry Callebaut nur ein nichtdeutsches Unternehmen vertreten. Laut Capmarcon sank der Anteil ausländischer Emittenten am Gesamtvolumen von 47 Prozent im gleichen Zeitraum 2019 auf 21 Prozent in diesem Jahr.

Zweitmarkt für Schuldscheine springt an

Zu der wichtigen Frage, ob die letzten Monate des Jahres eine Trendwende bringen können, gibt es unterschiedliche Signale. Auf der einen Seite stehen neuen Transaktionen wie der gestrige Deal von Gerresheimer: Der Verpackungshersteller Gerresheimer platzierte einen Schuldschein über 325 Millionen Euro Und die Helaba, die zum Start des vierten Quartals mehr als zehn Deals im Markt sieht, rechnet auf Gesamtjahressicht mit einem Gesamtvolumen zwischen 18 und 20 Milliarden Euro. Das wären rund 8 bis 10 Milliarden Euro weniger als 2019. Um die Prognosespanne der Helaba zu erreichen, müsste der Schuldscheinmarkt im vierten Quartal aber im Minimum mehr als 5 Milliarden Euro drehen und damit über 50 Prozent mehr als im gerade abgelaufenen Quartal.

Auf der anderen Seite erhöht die Coronakrise den Druck auf die Bonitäten der aktuellen und potentiellen Emittenten. Eine zweite Welle könnte auch Schuldscheinemittenten ins Wanken bringen. Für den Markt ist das Gift: Schon jetzt gibt es am als qualitativ hochwertig geltenden Schuldscheinmarkt Sorge vor mehr Ausfällen. Die bedenkliche Entwicklung lässt sich schon ablesen: Am Zweitmarkt hat das Handelsvolumen deutlich angezogen – immer mehr Adressen trennen sich von einzelnen Schuldscheinen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Die größten Deals, die aktivsten Banken: Alle wichtigen Infos auf einen Blick im FINANCE-Schuldschein-Update, das hier kostenlos verfügbar ist. Die Daten werden von Refinitiv, früher Thomson Reuters LPC, exklusiv für FINANCE zusammengestellt.