FINANCE | Sonderbeilage Juli/August 2017

Deutschlands Top-CFOs

Sanierer, Geldbeschaffer, Digitalisierer: Die deutsche CFO-Landschaft hat viele herausragende Köpfe. Diese 20 Finanzchefs gehören nach Ansicht der FINANCE-Redaktion aktuell zu den besten CFOs Deutschlands und sind damit unsere Top-CFOs 2017.

Quelle: istocksdaily/Thinkstock/Getty Images
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Der Dealmaker

1Der Dealmaker

Für Bayer stemmt Johannes Dietsch gerade die größte Akquisition der deutschen Industriegeschichte. Auf dem Höhepunkt seinen Schaffens verlässt er den Konzern im kommenden Jahr.

Einfach kann jeder, Johannes Dietsch kann auch kompliziert. Und das ist beinahe noch untertrieben, denn der Bayer-CFO managt den größten Zukauf, den je ein deutsches Unternehmens gewagt hat. Für die begleitenden Kapitalmaßnahmen der umstrittenen 66-Milliarden- Dollar-Übernahme benötigt der CFO jede Menge Erfahrung und Nerven – und die hat Johannes Dietsch. Nicht ohne Grund setzte er sich in der anonymen FINANCE-Umfrage zu den Top-CFOs aus Sicht der Marktteilnehmer an die Spitze der Dax-Finanzchefs.

Dabei ist Dietschs Karriere nicht eben typisch für einen modernen CFO: Ausbildung statt Eliteuniversität, jahrzehntelange Karriere in einem einzigen Unternehmen statt Lebenslaufoptimierung mit vielen Stationen, unprätentiöser Auftritt statt übertriebenen Standesdünkels. Dennoch verfügt Dietsch über nahezu ideale Voraussetzungen, um eine Ausnahmetransaktion wie Monsanto zu begleiten, weil er M&A und die Finanzierung des Konzerns aus dem Effeff kennt. Seit Mitte 2002 leitete er den Bereich Finanzen im Corporate Center von Bayer. Treasury, Corporate Finance, M&A und Financial Controlling waren fast zehn Jahre lang seine Kernaufgaben. Auch an zahlreichen Transaktionen konnte er sich üben, etwa dem Spin-off von Lanxess und den Übernahmen von Schering und des OTC-Geschäfts von Roche.

Quelle: picture alliance/Sven Simon

Dietsch war selbst überrascht, als er im September 2014 die CFO-Rolle angetragen bekam. Damals fungierte er gerade als Landessprecher und Finanzchef für die Region Greater China in Schanghai. Doch der damalige Kronprinz von Bayer und langjährige Chef von Dietsch, Werner Baumann, schätzt ihn: „Wir sind ein eingespieltes Team mit viel M&A-Erfahrung“, sagte Dietsch einmal gegenüber FINANCE. Beim IPO von Covestro und dem Merck-OTC-Deal konnten die beiden ihren Teamspirit schon vor dem Monsanto- Coup unter Beweis stellen.

Doch die Wege werden sich trennen: Ende April kam die Nachricht, Dietsch werde Bayer im kommenden Mai verlassen. Bis dahin ist für Dietsch noch viel zu tun, umfangreiche Fremdund Eigenkapitaltransaktionen stehen an: Abgesehen von einer Pflichtwandelanleihe über 4 Milliarden Euro hat er den 56,9 Milliarden USDollar schweren Brückenkredit noch nicht ausfinanziert. Eine Kapitalerhöhung über 15 Milliarden Euro steht an, zudem wird Dietsch Bonds im Wert von mehr als 20 Milliarden Euro an den Mann bringen müssen.

Johannes Dietsch

Der 55-Jährige genießt bei Investoren einen exzellenten Ruf, gilt als bodenständig und zuverlässig. Seit Oktober 2014 ist er CFO. Den Finanzbereich kennt Dietsch in- und auswendig: 2001 übernahm er zunächst den Bereich Corporate Finance, ein Jahr später die Gesamtverantwortung für den Bereich Finanzen inklusive Treasury, Corporate Finance und M&A. Zwischen 2011 und 2014 war Dietsch CFO Greater China von Bayer.

Der relativ unvermittelte und frühe Weggang hinterlässt deshalb auch einen schalen Beigeschmack. Verlässt der Finanzpofi Bayer wirklich aus freien Stücken, oder wurde ihm der Schritt intern nahegelegt? Von einem Bruch mit Baumann ist jedenfalls nichts zu hören. So oder so wäre ein erfolgreicher Abschluss des Monsanto-Deals die Krönung von Dietschs Karriere. Die Steuerung des globalen Konzerns inklusive des jahrelangen Schuldenabbaus und Bilanzmanagements wird dann ein Finanzmann mit einem anderen Skill-Set übernehmen dürfen.

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Immobilienriese mit M&A-Hunger

2Immobilienriese mit M&A-Hunger

Stefan Kirstens offensive Vorgehensweise auf dem M&A Markt zahlt sich für Vonovia aus. Die Bilanz seiner Mega-Deals kann sich sehen lassen.

Stefan Kirstens Karriere bei Vonovia ist gespickt mit Mega-Deals: Sie zeigen seine Hartnäckigkeit und Durchsetzungsstärke am M&A-Markt. Beispiele gibt es zuhauf: Kurz nach Dienstantritt bei der damaligen Deutschen Annington im Jahr 2011 restrukturiert der Finanzchef die sogenannte Grand-Verbriefung, die mit einem Emissionsvolumen von 5,8 Milliarden Euro damals die größte Immobilienverbriefung Europas war. Im Sommer 2013 gelingt dem Manager dann im zweiten Anlauf der Börsengang.

Mit diesen Deals schafft Kirsten die Voraussetzungen für eine milliardenschwere Einkaufstour: 2015 übernimmt Vonovia den MDax-Nachbarn Gagfah, es entsteht Deutschlands mit Abstand größter Immobilienkonzern. Der fortan unter Vonovia firmierende Konzern steigt im Herbst des gleichen Jahres in den Dax auf. Doch die Monate nach dem Gagfah-Coup sind für den hochgewachsenen und mit bombastischer Stimme sprechenden Manager nicht nur von Erfolgen geprägt. 2016 scheitert Vonovia mit seinem feindlichen Übernahmeangriff auf den Rivalen Deutsche Wohnen.

Quelle: Deutsche Annington

Der 56-Jährige trauert dem gescheiterten Deal jedoch nicht lange nach, sondern greift nur kurz danach für 2,9 Milliarden Euro nach der österreichischen Conwert. Diesmal mit Erfolg – und einem süßen Triumph, denn zuvor war just die Deutsche Wohnen dort mit einem Übernahmeversuch gescheitert. Dank des Booms am deutschen Immobilienmarkt kann Vonovia die zahllosen Deals gut integrieren. Dies gibt Kirsten im Nachhinein Recht, was seine offensive Vorgehensweise betrifft.

Vonovia: Umsatzentwicklung
in Mil. Euro (2011-2016)

Umsatz

Quelle: Vonovia

Vonovia: Bereinigtes EBITDA
in Mil. Euro (2011-2016)

Gewinn

Quelle: Vonovia

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In der ersten Liga

3In der ersten Liga

Marcus Kuhnert überzeugt bei Merck mit dem Blick für die CFO-Themen der Zukunft.

Als Matthias Zachert Anfang 2014 seinen CFO-Posten bei Merck aufgab, um CEO bei Lanxess zu werden, verlor die Merck-Aktie mehr als 10 Prozent – ein klares Signal, dass der Markt Zachert nachtrauerte. Im Mai 2014 ernannte der Chemie- und Pharmakonzern den Nachfolger: Marcus Kuhnert, bis dato CFO der Waschmitteldivision von Henkel. Ein CFO aus der zweiten Reihe sei er, mäkelten Kritiker, kein Vergleich zu Zachert.

Zwei Wochen nach Amtsantritt präsentierte Kuhnert dann erstmals die Quartalszahlen. Er war souverän, gut vorbereitet und selbst zu Detailthemen sprechfähig. Auf die Skepsis folgte Lob für den neuen CFO. Das war auch gut so: Kurz darauf folgte die 17 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von Sigma-Aldrich, für die Kuhnert bereits eine Brückenfinanzierung über 11 Milliarden Euro arrangieren musste. Neben den Finanzierungsthemen begleitet der CFO Merck aber auch strategisch. Kuhnert befasst sich intensiv damit, wie die Aufgaben des CFOs bei der Digitalen Transformation aussehen (siehe FINANCE-Interview auf S. 16). Der 1968 geborene Kuhnert wird diese Entwicklungen noch hautnah miterleben. Als CFO ist er in der ersten Liga angekommen.

Quelle: Merck
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Mehr als ein Sanierer

4Mehr als ein Sanierer

Conti-Sanierer Wolfgang Schäfer treibt jetzt die Hightech-Agenda des Autozulieferers voran.

Als Wolfgang Schäfer im Winter 2010 das CFO-Amt bei Continental antrat, brannte es dort lichterloh. Wegbrechende Gewinne, zerrüttete Finanzen mit einem Gearing von 226 Prozent und im Hintergrund der Großaktionär Schaeffler, um den es noch schlimmer stand. Dem stillen, damals fast noch schüchtern auftretenden Schäfer – vom kleineren Automotive- Spezialisten Behr zu Conti gekommen – trauten nur wenige zu, Conti zu retten.

Doch genau das tat Schäfer. Er sicherte die Liquidität, begleitete den operativen Turnaround und machte sich nach gelungener Sanierung schließlich daran, die Zinskosten wieder deutlich zu drücken. Am Ende des Wegs standen mehrere große Zukäufe, die Conti geräuschlos integrierte – in nur fünf Jahren bespielte Schäfer die komplette CFO-Klaviatur. Seitdem gehört Schäfer zur ersten Riege der Dax-CFOs, nicht nur wegen seines hohen Dienstalters. Ähnlich wie sein früherer CFO-Kollege Klaus Rosenfeld von Schaeffler blickt Schäfer inzwischen deutlich über den CFO-Horizont hinaus.

Quelle: Andreas Pohlmann/Continental AG

Regelmäßig referiert er zu den enormen technischen Umwälzungen in der Autoindustrie, aufgrund derer Conti Milliarden in Forschung und Entwicklung pumpen muss. Der Ex-Sanierer versteht es, diese Strategie überzeugend zu vermitteln. Das ist schon mehr als CFO-Alltag.

Continental: Umsatzentwicklung
in Mrd. Euro (2010-2016)

Umsatz

Quelle: Continental

Continental: Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit)
in Mrd. Euro (2010-2016)

Gewinn

Quelle: Continental

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Aufbruchstimmung statt Zukunftsangst

5Aufbruchstimmung statt Zukunftsangst

Daimlers Langzeit-CFO Bodo Uebber hat enorm dazu beigetragen, dass Daimler heute nicht mehr als „Bullshit-Castle“, sondern als einer der agilsten Autohersteller der Welt gesehen wird.

Die heißesten CEO-Aspiranten, das beste Auftreten, das höchste Gehalt: Es gibt kaum ein CFO-Ranking, in dem Bodo Uebber nicht seit Jahren einen der Topplätze belegt. Von anderen Auto-CFOs ist dort wenig zu sehen. Und obwohl Daimler-Chef Dieter Zetsche bei den Vorstandschefs die gleichen Rankings anführt, dringen aus der Daimler-Zentrale keine Alphatierkonflikte nach außen.

Uebber hat allerdings noch mehr vorzuweisen als nur ein gutes Image. Schon seit fast 13 Jahren hält er sich im Amt, der Turnaround von Daimler geht auch auf sein Konto. Bemerkenswert ist, wie weitsichtig Uebber mit diesen Erfolgen umgeht. Trotz Rekordgewinnen und einer prall gefüllten Kasse lässt er die Dividende nicht ausufern. Stattdessen stärkt er die Pensionsfonds des Dax-Konzerns und über hohe Forschungsausgaben auch dessen Zukunftsperspektiven. Für Start-up- Investments in neue Technologien hat er persönlich die Verantwortung übernommen. „Back to the garage“ hat er als Devise ausgegeben, um bei Daimler den Erfindergeist wiederzubeleben. Dem Szene-Talk nach zu urteilen setzt Uebber dabei nicht nur auf die Macht des Geldes.

Quelle: Daimler

Erkundigt man sich unter Automanagern, Branchenexperten und Technikfreaks, hört man fast unisono, dass es aktuell in keinem Autokonzern so offen und agil zugehe wie bei Daimler. Für einen Weltkonzern seien die Hierarchien erstaunlich flach, die Entscheidungen fielen schnell, heißt es anerkennend. Im früheren „Bullshit Castle“ (Jürgen Schrempp) macht sich Aufbruchstimmung breit. Uebber hat es geschafft, auch die eigenen Leute zu überzeugen.

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Johannes Dietsch

Stefan Kirsten

Marcus Kuhnert

Wolfgang Schäfer

Bodo Uebber