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Die ESG-Bilanz

Gutes Investment oder nicht? Für Investoren ist die Wahl nicht immer leicht. Foto: engel.ac - stock.adobe.com
Gutes Investment oder nicht? Für Investoren ist die Wahl nicht immer leicht. Foto: engel.ac - stock.adobe.com

Meine „Fridays-for-Future“-sozialisierten Kinder tätigen erste Geldanlagen. Dabei soll ich helfen,
denn sie billigen mir durchaus einige Kompetenz in der Beantwortung der Frage zu, welche Aktien,
Wertpapiere und Fonds denn nachhaltig sind und trotzdem Rendite bringen. Als Vater will man seine Kinder nicht enttäuschen, und natürlich habe ich als Professor für Rechnungslegung den Anspruch, mich nicht nur auf Analysten zu verlassen. Doch bei der Untersuchung von Nachhaltigkeitsberichten bin ich überfordert.

„bei der Untersuchung von Nachhaltigkeitsberichten bin ich überfordert.“


Es sind nicht nur die schiere Menge, der jeweilige Umfang, die Unübersichtlichkeit in bunten Bildern und Grafiken – mir fehlen schlicht die Kriterien, anhand derer ich nachhaltiges Tun würdigen könnte. Klar, es gibt diese Meldungen wie die des Autobauers aus Sindelfingen, der in seiner „Factory 56“ durch eine Photovoltaikanlage rund 30 Prozent des Strombedarfs selbst herstellt. Das liest sich gut, nur: Wie kann ich das vergleichen mit Produktionsstätten anderer Autobauer, zum Beispiel aus Wolfsburg oder München?

Die Politik ist gefordert

Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass solche Investments nicht aus intrinsischer Motivation über Umweltschutzgedanken entstehen. Es geht wohl eher um Versorgungssicherheit, vielleicht auch ein Stück weit um das Image, vor allem aber um den Preis: Das Investment wird sich auf Sicht rechnen. Daran ist nichts Verwerfliches, im Gegenteil; ich würde mir nur wünschen, dass ein Unternehmen das auch sagt, ja, dass es das sagen „darf“, ohne gleich stigmatisiert zu werden. Das würde die Beurteilung erleichtern, so dass ich als kritischer Geist nicht jede Erfolgsmeldung gleich dem Verdacht des Greenwashing aussetze.

Carsten Theile, LucaNet Academy Foto: LucaNet

Als überzeugter Marktwirtschaftler glaube ich an die Lenkungswirkung von Preisen. Und ich glaube daran, dass „die EU“ oder „der Staat“ Rahmenbedingungen setzen sollte, innerhalb derer sich Fortschritt entfalten kann. Wer politisch beispielsweise das Ziel der Klimaneutralität verkündet, der sollte unbedingt zwei Dinge in die Wege leiten:

Was nun geschehen muss

Erstens ist die klimaschädliche Nutzung von Ressourcen (Luft, Wasser, Boden) zu bepreisen, idealerweise ansteigend. Ein richtig eingesteuerter Zertifikatehandel hätte sich da schon lange zu einem sinnvollen Instrument ausbauen lassen. Zweitens dürfen klimafreundliche Investitionen nicht länger verhindert werden. Das Beispiel Abstandsregelungen für Windkraftanlagen kommt da in den Sinn. Entsprechende Genehmigungsverfahren sind zu beschleunigen.

Beide Maßnahmen sind dringend erforderlich. Sie würden die Ernsthaftigkeit der politischen Zielsetzung stärker unter Beweis stellen als die Entscheidung des EU-Parlaments vom 6. Juli 2022, auch Atomenergie und Erdgas als „grüne“ Technologien in die noch immer nicht verabschiedete EU-Umwelttaxonomie aufzunehmen.

Der politische Wille für diese beiden Maßnahmen würde zudem die Sinnhaftigkeit der Nachhaltigkeitsberichterstattung deutlich stärken, wobei ich es für übertrieben halte, dass ab 2024 alle großen Kapitalgesellschaften berichtspflichtig werden sollen. Inhaltlich sollten Institutionen wie EFRAG, ISSB oder das DRSC sinnvolle Berichtsformate entwickeln mit eindeutigen Messvorschriften für (wenige) Kennzahlen, die auch zwischenunternehmerische Vergleiche ermöglichen.

Außerdem benötigen wir Vorgaben für eine klar gegliederte ESG-Berichterstattung auf zwei Seiten (wie Bilanz und GuV) mit einem nicht zu ausufernden „Anhang“ für vertiefende Erläuterungen. Die Entlehnung aus dem Jahresabschluss ist gewollt. Ich bin überzeugt davon: Dann könnte ich meine Kinder besser beraten.

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