Die standardisierte Überweisung ist für Banken kaum noch lukrativ, sagt Martin Korbmacher, Aufsichtsrat der Fintech Group.

Fintech Group

14.01.19

„Es gibt enormen Margendruck auf das ‚Trivial Banking‘“

Seit 2014 ist Martin Korbmacher Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fintech Group, zuvor leitete er unter anderem das Investment Banking für Deutschland und Österreich bei der Credit Suisse und gründete 2011 eine eigene Investment-Boutique. Im Interview erklärt er, wo Fintechs den Banken Konkurrenz machen können.

Herr Korbmacher, wie groß ist der Digitalisierungsdruck im Corporate Banking?
Die Digitalisierungsschwelle schwappt in alle Bereiche. Wenn es dadurch Vorteile auf der Kunden- oder auf der Kostenseite gibt – und im Banking gibt es die Vorteile in der Regel auf beiden Seiten –, dann ist der Druck zur Veränderung für die Anbieter gewaltig. Ich glaube nicht an den schnellen Untergang der Bankenwelt. Es gibt aber einen enormen Margendruck auf das „Trivial Banking“ – das sind vor allem Überweisungen und Finanzierungen.

Bringt uns Digitalisierung im Firmenkundengeschäft in Richtung Losgröße 1 oder in Richtung Standardisierung?

Es wird eine Mischung aus beidem sein. Wir sehen bei vielen Produktanbietern im Software-Bereich, dass die Lösungen mit maximalem Customising die teuersten sind. Wer wenig bezahlen will, muss Standard akzeptieren. 

In Banken habe ich beobachtet, dass Anbieter für Kernbankensysteme Anpassungen auf Wunsch einzelner vornehmen, diese aber mit einem Preis versehen und direkt gegen das Ergebnis des Bestellers laufen lassen. Damit sind die Anfragen um 90 Prozent zurückgegangen. Das ist ein smarter Ansatz. Losgröße 1 wird es digitalisiert auch geben, aber es wird teuer sein.

„Wer wenig bezahlen will, muss Standard akzeptieren.“ 

Martin Korbmacher, Fintech Group

In welche Richtung treiben Fintechs das Geschäft?

Die meisten kommen sowohl von der Kosten- als auch von der Komfortseite, aber sie stellen die Kundenperspektive in den Vordergrund, nicht die Individualisierung. Damit kann man – und das mag man erstaunlicher finden – heute im Corporate Banking noch Mehrwert generieren. Vereinfachung und Standardisierung sind wesentliche Leistungen der Fintechs.

„In der Mittelstandsfinanzierung sehe ich aber großes Potential für Disruption.“ 

Martin Korbmacher, Fintech Group

An welchen Stellen bedrohen Fintechs die Banken ernsthaft?

Vom Volumen her sind sie noch in keinem Bereich eine wirkliche Bedrohung. In der Mittelstandsfinanzierung sehe ich aber großes Potential für Disruption. Die großen Unternehmen haben alle kein Liquiditätsproblem. Bei den kleineren sieht es anders aus, da ist die Kreditvergabe weitgehend binär, und die Banken sind in der Bearbeitung ziemlich mechanisch. 

Für Kunden kann dadurch die Finanzierung des Working Capital schon eine Herausforderung werden. Allerdings kann man bei Krediten mit einem hoch diversifizierten Portfolio natürlich erst nach dem Durchlaufen eines kompletten Kreditzyklus sagen, ob man rentabel gearbeitet hat. Banken tun sich mit diesem Portfolioansatz immer noch sehr schwer.

Fintechs und Banken kooperieren stärker als zu Beginn

Wie können die Banken sich verteidigen?

Es gibt eine große Treue zur Bank – das Angebot eines Wettbewerbers muss schon deutlich besser sein, um einen Kunden zum Wechsel zu bewegen. Für die nächste Generation gilt das allerdings deutlich weniger, und die technischen und regulativen Möglichkeiten werden die Wechselwilligkeit weiter deutlich erhöhen. Konstanz im Personal ist auch immer noch extrem wichtig, und die Banken müssen den Leuten vor Ort wieder mehr Bedeutung verleihen. Früher hat man als Firmenkunde vom regionalen Bankenchef eine Entscheidung bekommen – das ist schon seit einiger Zeit vorbei. Damit ist ein Stück Bindung verloren gegangen, die man technisch zurückholen kann. Es ist heute möglich, dass der Firmenkundenbetreuer sich schon während des Termins ein Go erhält und damit wie der Entscheidungsträger aussieht. Das hilft im Mittelstandsgeschäft.

FINANCE-Köpfe

Muhamad Said Chahrour, Fintech Group AG

Nach dem Betriebswirtschaftsstudium in Göttingen und einem Masterstudium in Finance in Großbritannien beginnt Muhamad Chahrour seinen berufliche Karriere als Transaktionsberater für Corporates und Real Estate bei der UBS und bei PwC.

2014 geht er zu Rocket Internet, wo er als Global Head of Finance an der Finanzierung und Entwicklung der Immobilienplattform Lamudi in Asien und Lateinamerika beteiligt ist.

2015 wechselt er zur Fintech Group, wo er zunächst die Position des International Head of Finance übernimmt. Seit Jahresbeginn 2017 zeichnet er als Finanzvorstand verantwortlich.

zum Profil

Wo kann es denn Zusammenarbeit zwischen Banken und Fintechs geben?

Mit ein bisschen Optimismus sehe ich unheimlich viele Prozesse, die man gemeinsam automatisieren kann – da sind wir erst am Anfang. Zwischen Fintechs und Banken hat sich deutlich mehr Kooperation herausgebildet als anfangs erwartet. Die Fintechs haben erfahren müssen, dass die Banken immer noch auf den Kunden sitzen. Die Banken wiederum, die früher am liebsten noch die Telefonanlage selbst programmiert haben, sind heute deutlich eher bereit, auch wichtiges Knowhow extern dazuzukaufen.

Wie verändert die erzwungene Transparenz durch PSD2 das Spiel?

PSD2 ist schon eine echte Revolution. Man kann damit ein Angebot von Bank B annehmen und Kunde der Bank A bleiben. Das verändert das Banking gewaltig – die Banken werden künftig Transaktionen abwickeln müssen, bei denen sie nicht an der gesamten Wertschöpfung partizipieren. Das kann nur mit einer höchst performanten Technologie funktionieren. Auch das Thema KYC verhindert die Zusammenarbeit mit der Bank B nicht, weil das Geld ja von einem bereits geprüften Konto kommt. Und es ermöglicht natürlich auch den Fintechs, mit einer schlanken Struktur direkt in eine tiefe Kundenbeziehung einzusteigen, weil sie sich fundierte eigene Meinungen bilden können.

Fintechs müssen deutsche Vorgaben beachten

Welche Rolle werden Plattformen spielen?

Plattform brauchen immer eine kritische Masse. Manchmal wechseln Marktführer einfach auf eine neue Technik und bauen dann eine Plattform. In der Blockchain-Technologie sehen wir ja, dass die Banken in verschiedenen Konsortien an unterschiedlichen Themen arbeiten, weil sie erkannt haben, dass man nur gemeinsam den Markterfolg erreichen kann. Für Fintechs ist das nicht leicht.

Die meisten Fintechs haben internationale Ambitionen. Werden wir internationale oder nationale Spieler haben?

Es wird auf jeden Fall hier lokale Player geben. Der deutsche Markt ist groß genug für eigene Fintechs und für Innovation, aber er ist kein Markt für Frühstarter. Da wir es im Banking aber im Kern mit reguliertem Geschäft zu tun haben, ist das kein so großes Problem wie in anderen Bereichen. Was zum Beispiel in den USA funktioniert, lässt sich zumeist nicht direkt auf Deutschland übertragen. Auch in Europa haben wir zwar dasselbe Dach und auch grundsätzlich dieselbe Regulierung, die Überleitung in nationale Normen führt aber doch immer wieder zu großen Unterschieden.