Banken werden künftig noch stärker in Kundenbindung investieren müssen, um im Firmenkundengeschäft zu bestehen, sagt Christopher Schmitz von EY.

EY

14.01.19

„Man kann Banken nicht mehr separat betrachten“

Die Wertschöpfungskette im Banking wird sich neu zusammensetzen, meint Christopher Schmitz, Fintech Lead Germany bei EY. Dabei müssen die Banken sich auch mit neuen Wettbewerbern auseinandersetzen.

Herr Schmitz, vor welchen Herausforderungen stehen die Banken in Ihren Augen?

Das sind verschiedene. Zunächst einmal: Dienstleistungen der Banken waren schon immer digitale Produkte und damit standardisierbar und gegenseitig austauschbar. Das war noch nie anders, aber mit der Digitalisierung wird es zu einem Problem.

Warum?

Weil es die Branche sehr anfällig für Plattformen und Angriffe von außen macht. Durch umfassende Regulierung wird die Branche außerdem einerseits in der Ertragskraft geschwächt und andererseits einem immer härteren Wettbewerb ausgesetzt.

Das hätte die Bankenlobby nicht schöner formulieren können …

Aber es ist wahr. Es gibt in Brüssel klare Tendenzen, die Deregulierung des Sektors voranzutreiben. Damit ist nicht gemeint, die Regulierung der einzelnen Häuser zu lockern, sondern die Zahl der Spieler zu erhöhen. „Borderless finance“ ist ein explizites europäisches Ziel. Und die Politik will auch Branchenfremden den Zugang zum Banking zu ermöglichen. 

Wie kann das den Quereinsteigern gelingen?

Nehmen Sie zum Beispiel PSD2 und GDPR: Die Regulierung ermöglicht künftig den Zugriff auf den wesentlichen Teil der Transaktionshistorie eines Firmenkunden – über ein Jahr in der Vergangenheit und alle künftigen Kontobewegungen. Daraus können auch Dritte natürlich sehr viel besser Bonitätsaussagen ableiten. Das Recht auf Portabilität der Daten unter der GDPR/DSGVO bedeutet, dass das Konto nicht mehr das Ankerprodukt der Zukunft ist – jeder hat Zugriff darauf, und unter den digitalen IDs der Zukunft ist das Konto nur einer von vielen Datenpunkten. Und die Marke spielt künftig eine immer geringere Rolle, Besitz und Analyse der Daten sind entscheidend.

Marktplatz-Gedanke wird im Corporate Banking kommen

Die Kunden müssen den Zugriff auf die Daten aber zulassen …

Das ist tatsächlich ein Knackpunkt und heute noch ein Hinderungsgrund. Aber auch die Corporate-Kunden werden und müssen sich verändern. Den Vormarsch des Marktplatz-Gedankens in der Finanzierung und im Corporate Banking insgesamt sehen wir als unausweichlich.

„Auch die Corporate-Kunden werden und müssen sich verändern.“

Christopher Schmitz, EY

Gibt es denn dann noch ein Ankerprodukt für Banken? Der Zahlungsverkehr war doch gerade erst im Begriff, den Kredit abzulösen …

Im Vordergrund wird stehen, wie eine Bank künftig ihre Kunden unterstützt. Wenn Banken immer stärker in Marktplatzsituationen gedrängt werden, müssen sie andere Leistungen finden – in der Kundenbindung oder in der Unterstützung ihrer Kunden „beyond banking“, über das Bankgeschäft hinaus zum Beispiel in der Erschließung neuer Märkte und Kunden.

Was daran ist noch Bank? Oder erleben wir Transformationen wie bei Axel Springer – ein erfolgreicher Konzern, aber kaum mehr Verlag?

Es gibt genügend Branchen, die durch die Digitalisierung bereits transformiert wurden. Digitalisierung ist zunächst einmal Industrie-agnostisch. Die Dekomposition der Wertschöpfung macht auch vor dem Banking nicht halt. Spannend wird sein, wie die Teile wieder zusammengesetzt werden. Man kann Banken nicht mehr separat betrachten. Banking ist – mit Ausnahme der Geldanlage und Altersvorsorge – nie ein generisches Produkt, sondern erfüllt einen Zweck in der Abwicklung oder Finanzierung anderer Branchen. Im Corporate Banking sind die Leistungen der Häuser immer eng eingebunden in das operative Geschäft der Kunden. Damit ist die Anfälligkeit auch besonders hoch.

Wettbewerber aus dem Big-Tech-Umfeld

Welche Rolle spielen Fintechs in der neuen Welt der Banken?

Schon heute arbeiten Banken mit Finanzierungsplattformen oder alternativen Finanzierern wie Creditshelf zusammen, weil ihr eigenes Limit erreicht ist. Diese Finanz-Ökosysteme sind das New Normal – das gibt es heute schon. Das Spannende ist aber die auf uns zukommende Konvergenz der Ökosysteme – also die Verschmelzung mit der Wertschöpfung anderer Branchen, die sich mit der durch Digitalisierung möglich gewordenen Sharing Economy und den technologiegetriebenen Veränderungen der Wertschöpfung etwa in der Automobilbranche oder in Healthcare vor unseren Augen vollziehen. Das wird das Banking noch einmal sehr verändern.

Das müssen Sie erklären …

Wir sehen konvergierende Ökosysteme, durch die Finanzdienstleistungen in die zweite Reihe gedrängt oder für den Kunden gänzlich unsichtbar werden. Nehmen wir das Beispiel Big Tech: Durch Arriba gehen 80 Prozent des weltweiten GDP, das Unternehmen hat einen großen Teil der weltweiten SME als Kunden. Damit sind sie, wenn sie wollen, sofort ein sehr ernstzunehmender Wettbewerber für Banken. Dasselbe gilt für Alibaba und andere.

Einverstanden, aber wollen sie das?

Das Problem für die Banken besteht bei den transaktionsnahen Dienstleistungen darin, dass die neuen Wettbewerber damit gar kein Geld verdienen müssen. Es ist für sie nur ein Mittel zum Zweck, um die eigene Plattform zu befördern. Das erlaubt ein gänzlich anderes Pricing. Allerdings will Big Tech meiner Beobachtung nach eigentlich gar kein margenschwaches Bankgeschäft abwickeln, sondern wird nur dann selbst hineinstoßen, wenn die Banken aus ihrer Sicht nicht befriedigend liefern.

Wie sollten Banken auf diese Bedrohung reagieren?

Es ergeben sich daraus auch Chancen. Banken werden ihre Systeme über APIs öffnen und sich in Plattformen positionieren müssen. Und natürlich kann sich in solchen Plattformen dann ein Marktplatz für Banken entwickeln, auf der Absatzfinanzierung, Trade Finance und weitere Finanzierungen angeboten werden – die Rolle der Banken, ihr Zugang zum Kunden und damit die Exklusivität der ihnen anvertrauten Daten verändern sich dadurch aber fundamental. 

„Viele der etablierten Player müssen ihre Wertschöpfung neu erfinden.“ 

Christopher Schmitz, EY

Viele der etablierten Player müssen ihre Wertschöpfung in der Platform Economy neu erfinden. Es wird weiter Banken geben, aber viele werden sich eher in der Rolle von Abwicklungsdienstleistern in kompetitiven Marktplatzsituationen wiederfinden.

redaktion[at]finance-magazin.de

Dieses Interview ist Teil der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“, die FINANCE gemeinsam mit ING und CMS veröffentlicht. Die Ergebnisse veröffentlichen wir in drei Teilen in unserem Online-Themenspecial Fintechs.

Die Vorgängerstudie „Gegner, Helfer, Partner: Fintechs und das Firmenkundengeschäft der Banken“ können Sie hier beziehen. Ab Ende Januar 2019 finden Sie dort auch die vollständigen Ergebnisse der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“.