Geschäftsführer Michael Spitz sieht den Main Incubator als Forschungs- und Entwicklungseinheit der Commerzbank Gruppe.

Main Incubator

11.12.18

„Man muss sich die Frage stellen, was man selbst umsetzen kann“

Was kann eine Bank selbst entwickeln, wo lohnen sich Investitionen? Michael Spitz, Geschäftsführer des zur Commerzbank Gruppe gehörenden Main Incubator, soll für die Bank das Ohr am Markt behalten. Ein zentrales Thema für ihn: Die Kommerzialisierung und Nutzung von Daten.

Herr Spitz, mit dem Main Incubator hat Ihre Bank früh ein Tech-Signal an den Markt gesendet. Neben dem Marketing-Effekt – was ist Ihr Nutzen für die Bank? 

Wir sind heute die Forschungs- und Entwicklungseinheit der Commerzbank Gruppe mit dem Ohr am Markt. Im Kern haben wir drei Aufgaben: erstens das Community Building über die Organisation und den Besuch von Meet-ups und Hackathons sowie den Austausch mit Think Tanks und Unis. Dazu gehört aber auch der Besuch von Firmenkunden – in den zurückliegenden Monaten habe ich allein 170 getroffen. Zweitens entwickeln wir mit eigenen Entwicklern Prototypen in den Themenbereichen Blockchain, Artificial Intelligence und Machine Learning. Wir sind auch an verschiedenen Plattformen wie R3, Ethereum und Batavia beteiligt. Und drittens investieren wir in Frühphasen in Fintechs, wenn wir zwar Lösungen, aber nicht die Fintechs integrieren wollen. Aus etwa 3.000 Gesprächen und 800 näheren Prüfungen wurden am Ende bislang 14 Investments – acht davon haben wir bereits entweder in der Bank oder bei Kunden integriert.

Was war das Problem bei den anderen sechs?

Manchmal gibt es bereits andere Lösungen in der Gruppe, oder das Angebot wird von den Firmenkundenbetreuern nicht angenommen. Die Bank muss immer für sich entscheiden, ob es einen Mehrwert gibt.

Sie sind nicht die einzige Tech-Einheit in der Gruppe

Das ist richtig. Bei größeren Investitionsvolumina ab 2 Millionen Euro übernimmt die Commerz Ventures, die keinen strategischen, sondern einen kommerziellen Ansatz verfolgt. Und mit unserer Schwestergesellschaft Open Space in Berlin unterstützen wir unsere Firmenkunden beim Thema digitale Transformation.

Main Incubator schaut auf Fintechs in der DACH-Region

Gibt es strategische Vorgaben, wonach Sie suchen sollen?

Unser Auftrag ist auch Scouting – wir schauen uns in der DACH-Region jedes Fintech an, bewerten die Geschäftsmodelle und den Unternehmenswert. Das hilft uns sehr: Wir haben zum Beispiel in keine Peer2Peer-Lending-Plattform investiert, aber sehr viel gelernt, warum sie im Kreditprozess besser sind als Banken. Auch im Bereich Payment haben wir viel gesehen, aber nicht investiert.

Weil Sie lieber lernen und es dann selbst machen?

Natürlich muss man sich die Frage stellen, was man selbst umsetzen kann. Bei Tech-Lösungen machen wir ein Code Review und fragen uns, in welcher Zeit wir das nachbauen können. Abgeleitet von diesem Ansatz kommen wir dann mitunter zu Bewertungen für Fintechs, die weit unter ihren Erwartungen liegen. Aber davon lernen beide Seiten.

„Wir kommen mitunter zu Bewertungen für Fintechs, die weit unter ihren Erwartungen liegen.“

Michael Spitz, Main Incubator

Wer entscheidet über Investitionen?

Zu Beginn waren wir in der Mittelstandsbank aufgehängt, heute im Bereich „Digitale Transformation“. Dadurch ist in unserem Gremium heute das komplette Firmenkundengeschäft vertreten – und natürlich die IT.

Nach welchen Kriterien wird entschieden?

Wir durchlaufen immer einen strukturierten Prozess, analysieren Stärken und Schwächen des Fintechs und fragen uns, ob wir der richtige Partner sind. Im positiven Fall holen wir die inhaltlich Verantwortlichen ins Boot und lassen das Fintech eine Kooperationsidee pitchen. Wenn wir über eine Kooperation oder ein Investment entschieden haben, beginnen Onboarding und IT-Integration.

Fortschritte in der Abwicklung von Transaktionen

Wo sehen Sie die wesentlichen Ansatzpunkte in der Digitalisierung im Firmenkundengeschäft?

Grundsätzlich gilt: Die Transaktion ist am einfachsten zu digitalisieren, in der Abwicklung geht es voran. In der Anbahnung braucht es aber weiterhin viel Beratung, und da positionieren wir uns. Die Diskussionen haben sich sehr auf das Thema Technik verlagert. Wir verstehen den Kunden immer besser und können bessere Produkte anbieten. Und der Kunde belohnt Beratung.

Welche Themen halten Sie für besonders spannend?

Die Kommerzialisierung und Nutzung von Daten. Einige technisch interessante Dinge werden sich allerdings mangels Nachfrage nicht durchsetzen. Und heute ist noch nicht klar, ob wir eine Plattform-Ökonomie haben werden oder ein perfekt verteiltes Netzwerk, in dem es zum Beispiel gar kein Uber mehr braucht. Künstliche Intelligenz ist ein weiteres Stichwort: In China hat der Staat die besten staatlichen Voraussetzungen geschaffen – wir ermutigen alle Kunden, es dort auszuprobieren. Vieles davon wollen wir in Deutschland nicht, aber man darf sich nicht abhängen lassen.

Was heißt das für Ihre eigene Arbeit?

Uns treibt das Process Mining sehr, also die Optimierung digitaler Prozesse. Bei dieser Herausforderung helfen wir auch unseren Kunden.

„Heute sitzen ganz andere Abteilungen mit am Tisch.“

Michael Spitz, Main Incubator

Ist das noch Banking?

Ja, wenn es vom Kunden getrieben ist. Sie fragen uns, wie wir Bankprodukte in die Prozesse einbinden können. Früher haben wir nur mit dem CFO und dem Treasurer gesprochen, heute sitzen ganz andere Abteilungen mit am Tisch. Alle lernen rasch dazu. Unsere Aufgabe als Bank ist doch, die Anknüpfungspunkte zum Kunden zu halten. Wenn man das zum Beispiel den großen Software-Häusern überlässt, ist man in Zukunft vielleicht nicht mehr mit dabei. 

Wir haben zum Beispiel auch ein ganzes Team, das sich nur mit Cultural Change befasst – auch das ist für unsere Kunden spannend. Und im Mittelstand leisten sich viele keine Artificial-Intelligence-Experten, auch dort können wir helfen. Wir verlangen als Bank von unseren Kunden Transparenz, auch um neue Ideen zu entwickeln. Da ist man ganz schnell mit der Technik befasst.

Kontakt zum Firmenkundenbetreuer suchen

Aber das versteht doch kein Firmenkundenbetreuer. Ihre Einheit ist offenbar ganz vorn mit dabei – und damit vom Rest der Bank extrem weit weg. Wie bekommen Sie Ihr Wissen in den Vertrieb?

Das ist eine der Herausforderungen, das muss man ganz klar sagen. Es hilft ungeheuer, dass wir oft mit den Betreuern zum Kunden gehen. Und wir erzählen viel über unsere Arbeit – das führt auch zu großer Wahrnehmung und Interesse im eigenen Haus.

Wird Digitalisierung im Firmenkundengeschäft zu mehr Individualisierung oder zu mehr Standardisierung führen?

Das wird unterschiedlich sein. Im FX-Geschäft zum Beispiel hat sich 360t mit einem Standardprodukt durchgesetzt . Für das Pre-Hedging einer großen M&A-Transaktion bleiben wir in einem beratungsintensiven und hoch individuellen Geschäft. Da baut die Bank eine digitale Lösung für eine spezielle Situation, die aber alle Risiken herausnimmt.

redaktion[at]finance-magazin.de

Dieses Interview ist Teil der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“, die FINANCE gemeinsam mit ING und CMS veröffentlicht. Die Ergebnisse veröffentlichen wir in drei Teilen in unserem Online-Themenspecial Fintechs.

Die Vorgängerstudie „Gegner, Helfer, Partner: Fintechs und das Firmenkundengeschäft der Banken“ können Sie bereits jetzt hier beziehen. Ende Januar 2019 finden Sie dort auch die vollständigen Ergebnisse der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“.