Das Fintech Finnest startete mit Mezzanine-Finanzierungen für Mittelständler über die Crowd.

Finnest

14.01.19

„Wir haben den syndizierten Kredit standardisiert“

Jörg Bartussek ist Co-Gründer von Finnest, das Investments in mittelständische Unternehmen ermöglicht. Im Interview erklärt er, warum er einer Plattform für Crowd-Mezzanine noch eine Debt-Plattform zur Seite gestellt hat, und warum er seine eigenen Startup-Finanzierungsrunden wenig effizient findet.

Herr Bartussek, Sie sind kein Banker – ist das ein Vorteil?

Es kommt auf die Mischung an. Ich bin bei unserem Fintech das „Tech“, mein Mitgründer Günther Lindenlaub ist das „Fin“. Meine Rolle ist wichtig: ich bringe relativ komplexe Vorgänge, die für Banken und Banker selbstverständlich sind, auch für Finanz-Laien verständlich ins Internet. Dabei ist es grundsätzlich erst einmal egal, ob ich einen Marktplatz für Möbel oder für Finanzierungen ins Internet stelle. Vertrauen und Sicherheit stehen immer an erster Stelle. Und wir werden immer digitaler: Am Anfang haben wir noch sehr viel händisch gemacht, aber im mittlerweile vierten Jahr sind wir „End-to-End“ durchgehend digitalisiert. Das spart sehr viel Zeit und macht die Nutzung unserer Plattform für alle Seiten sehr einfach.

Sie sind beide keine Jungspunde …

Das ist richtig, das Durchschnittsalter beträgt bei uns 48 Jahre. In der Finanzbranche ist „Grey Hair“ ein Wettbewerbsvorteil. Meiner Erfahrung nach sind junge Startup-Gründer oft keine guten Organisatoren. Wir dagegen kennen alle Herausforderungen wachsender Organisationen: Ich habe selbst über 300 Mitarbeiter geführt und war als Berater zum Thema Aufbauorganisation tätig – das hilft schon sehr. 

„In der Finanzbranche ist „Grey Hair“ ein Wettbewerbsvorteil.“ 

Jörg Bartussek, Finnest

Welche Unternehmen spricht Finnest.com an?

Unsere Faustregel lautet „10, 10, 10“: Zehn Jahre alt, 10 Millionen Euro Umsatz, mindestens zehn Mitarbeiter – das sind Unternehmen, die sich bereits am Markt bewiesen haben, ersten „Stürmen“ erfolgreich trotzen konnten und beachtenswerte Umsätze vorweisen. Alle Unternehmen müssen zudem ein gutes Bonitätsrating haben und wir finanzieren keine reinen Holding-Konstruktionen und kein Real Estate.

Sie haben zwei Plattformen. Warum?

Gestartet sind wir mit Mezzanine-Finanzierungen für Mittelständler, und zwar über die Crowd. Unsere Kunden sind in der Regel bekannte Unternehmen, die treue Kunden haben – Hotelketten eignen sich zum Beispiel sehr gut. Sie zahlen zum Beispiel ihre Zinsen zum Teil in Form von Übernachtungsgutscheinen – das ergibt für die Unternehmen wie für die Investoren einen Preisvorteil und erhöht die Kundenbindung enorm. Für uns wiederum hat dieses Modell den großen Vorteil, dass wir bei der Crowd-Finanzierung auf der Kundenseite kein Marketing machen müssen, weil die Emittenten ihre Kunden selbst als Investoren werben. Mittlerweile haben wir über drei Dutzend Transaktionen abgewickelt.

Finnest arbeitet oft mit Hausbank zusammen

Wie ist an dieser Stelle Ihr Verhältnis zu den Banken?

Sehr eng. Bei vielen Kampagnen arbeiten wir mit der Hausbank des Unternehmens zusammen – auch das Thema Mezzanine bespricht der CFO typischerweise mit ihnen. Die Banken finden diese Finanzierung gut, weil es die Bilanzstruktur des Kunden stärkt.

Nutzen Sie die Banken auch als Vertriebskanal?

Wir sprechen mit einigen, aber die Mühlen mahlen doch recht langsam. Auch offizielle Partnerschaften sind denkbar, solange es einen beiderseitigen klaren Nutzen gibt.

Warum haben Sie noch eine Debt-Plattform danebengestellt?

Der Markt für Crowd-Mezzanine ist begrenzt. In Deutschland ist er sogar regulatorisch auf maximal 2,5 Millionen Euro pro Unternehmen limitiert – in Österreich auf 5 Millionen Euro. Unsere Kunden fangen in der Regel zunächst mit einer Crowd-Finanzierung an, die sie beispielsweise für Marketingzwecke nutzen. Aber sie brauchen ja auch Fremdkapital. Dafür haben wir die zweite Plattform gebaut.

Finnest bietet auch White Labelling

Wer ist auf Ihrer Debt-Plattform aktiv?

Zuerst haben sich die Banken auf unserer Plattform angemeldet. Manche sind auf der Suche nach neuen Kundenbeziehungen, andere suchen neue Anlageobjekte. Wir haben viele lokale oder regionale Banken, die über ihre Region hinaus investieren wollen – auch gern über Ländergrenzen hinweg. Mittlerweile sind auch Family Offices und Stiftungen als Investoren aktiv, und künftig werden wir verstärkt auch Versicherungen ansprechen.

Was soll den Mehrwert Ihrer Plattform ausmachen?

Ich glaube, unsere Plattform bildet den perfekten Corporate-Finance-Prozess ab. Wir haben zum Beispiel den syndizierten Kredit standardisiert: Der Emittent wählt die Optionen aus und gibt damit den Vertrag vor. Oder nehmen Sie Anleihen: Das läuft bislang ab wie im türkischen Basar im 17. Jahrhundert. Wir haben aus dem Prozess ganz viel herausgeschnitten. Manches ist regulatorisch vorgegeben, manches braucht der Emittent oder der Investor – aber viel bleibt nicht übrig. 

Das muss doch auch Banken interessieren …
In der Tat. Wir sind mittlerweile für Banken auch als „Software-as-a-Service“-Anbieter tätig. Im White Labelling wickeln wir für eine zentraleuropäische Bank syndizierte Kredit digital ab.

Halten Sie sich aus dem Thema Risiko raus?

Die juristischen Vorgaben sind in unserer Branche, der Finanzdienstleistung, sehr, sehr streng. Nicht nur halten wir diese sklavisch ein, viele übererfüllen wir auch. Sicherheit und Reputation sind hier alles. Wir lassen kein Unternehmen auf die Plattform, wenn wir unsicher sind. Es bleiben immer noch genügend übrig, denn die Anzahl an top-performing mittelständischen Unternehmen ist riesig. Investoren wiederum bekommen genau, was sie brauchen: Wir haben die Datenräume so aufgebaut, wie sie es wünschen.

„Wir haben die Komplexität unserer eigenen Finanzierungsrunden für unser Startup unterschätzt.“

Jörg Bartussek, Finnest

Welche Schwierigkeiten sind bislang aufgetreten?

Wir haben die Komplexität unserer eigenen Finanzierungsrunden für unser Startup unterschätzt. Wir sind angetreten, um für unsere Kunden Finanzierungen effizienter zu machen und finanzieren uns selbst über eher ineffiziente Startup-Finanzierungsrunden. Das wird sich aber hoffentlich in naher Zukunft ändern, wenn wir Ebitda-positiv werden. 

Und die Regulierung ist ein Thema: Wir sind aus diesem Grund in jedem Land leicht anders strukturiert. Wir müssen in allen Märkten den Finanzbehörden unsere Prozesse und Dokumente erneut vorgelegen. Das kostet viel Zeit und Geld. Wir bräuchten in den Ländern ein Sandbox-Prinzip für Rechtssicherheit.

Dieses Interview ist Teil der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“, die FINANCE gemeinsam mit ING und CMS veröffentlicht. Die Ergebnisse veröffentlichen wir in drei Teilen in unserem Online-Themenspecial Fintechs.

Die Vorgängerstudie „Gegner, Helfer, Partner: Fintechs und das Firmenkundengeschäft der Banken“ können Sie hier beziehen. Ab Ende Januar 2019 finden Sie dort auch die vollständigen Ergebnisse der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“.