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Berater: „CFO hat Schwarzen Peter“

FINANCE: Herr Halin, viele CFOs sehen derzeit gute Wachstumschancen. Gleichzeitig trübt sich das makroökonomische Umfeld ein. Wie gehen die Finanzchefs mit diesem Spannungsfeld um?
Andreas Halin: Mit Freude und Vollgas investiert derzeit kein einziger Finanzchef, da die Absicherung des Unternehmens im Vordergrund steht. Die CFOs investieren trotz der extrem guten Chancen, die sich ihnen derzeit bieten, nur gerade so viel, wie sie vertreten können, falls sich die Situation um 180 Grad dreht. Denn auch durch eine noch so detaillierte Analyse der Zukunft kommen sie im derzeitigen Umfeld zu keiner belastbaren und sicheren Planung.

FINANCE: Totale Unsicherheit herrscht im Moment in den Vorstandsebenen vor.
Andreas Halin: Ja, man spürt in den Vorstandsgremien eine wahre Beklemmung. Aus einer mutigen Investition kann schnell eine Fehlentscheidung werden. „Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt“ kann das Spiel ausgehen. Das ist der einmalige Zwiespalt in dieser Zeit. Mit diesem Paradoxon muss der CFO leben. Egal was er macht, es kann retrospektiv schnell zu einer Fehlentscheidung werden. Mitleid gibt es auf Vorstandsebene dann aber nicht mehr.

FINANCE: Aber die Finanzchefs fahren doch schon seit drei Jahren auf Sicht.
Andreas Halin: Das stimmt. 2008 hatten die meisten CFOs gedacht, die Krise kommt nicht mit dieser Wucht in ihrem Geschäft an. Sie konnten sich damals auf den Überraschungseffekt berufen. Heute geht das nicht mehr. Der Geduldsfaden ist bei Fehlentscheidungen und -entwicklungen derzeit deutlich kürzer. Aktionäre und Aufsichtsrat glauben, dass die Vorstände schlechte Entwicklungen hätten kommen sehen müssen. Das beschäftigt die CFOs. Sie wissen – eine temporäre Underperformance wird eher verziehen als eine fundamentale Unternehmensbedrohung.

FINANCE: Sitzt der CFOs gerade auf dem Schleudersitz?
Andreas Halin: Der CFO hat im Moment nichts zu lachen, weil er der Überbringer der schlechten Nachrichten ist. Er hat immer das Problem, dass ihm, wenn es schlecht kommt, vorgeworfen wird, er habe es nicht vorhergesehen. Wenn die Planung mit den tatsächlichen Entwicklungen nicht übereinstimmt, muss der CFO oft den Kopf hinhalten, auch wenn die originäre Verantwortung für den falschen Input bei einem Vorstandskollegen liegt. Der CEO verantwortet zwar die Gesamtstrategie, aber der CFO muss dann oft allein seinen Hut nehmen. Er hat den Schwarzen Peter.

FINANCE: Was bedeutet das für einen CFO, der gerade eine neue Stelle angetreten hat?
Andreas Halin: Er ist gezwungen die Aussagen seiner Vorstandskollegen zu übernehmen, weil er das Unternehmen noch nicht kennt. Er kann nur sehr schwer eigenständig Budgetierung, Planung etc. vornehmen. Er muss das abbilden, was andere ihm sagen, und das ist eigentlich nicht seine Aufgabe. Er ist vielmehr der Wächter der Kasse, der eigene Abschätzungen vornimmt und Risikopuffer einbaut.

FINANCE: Sehen Sie die CFOs als Spieler an, die eine Wette auf das eine oder andere Szenario eingehen?
Andreas Halin: Nein, sie sind keine Spieler, sondern Risktaker. Der CFO muss sowohl persönliche Risiken als auch Risiken in der Finanzierung und der Bilanz eingehen. Ihre primäre Aufgabe ist es aber eigentlich die Risiken aus dem Zahlenwerk und der Finanzierungsstruktur rauszunehmen. Ich glaube, dass in diesen Zeiten sowohl die Vorstände untereinander als auch das Gespann CFO, CEO und Aufsichtsrat enger zusammenrücken.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

sabine.paulus@finance-magazin.de | + posts

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.